Wismar : Wenn es Nacht wird im Phantechnikum

....allerdings wird es dann in der Halle bis hin  zur Schlafkabine Sleeperoo  ziemlich laut.
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....allerdings wird es dann in der Halle bis hin zur Schlafkabine Sleeperoo ziemlich laut.

Als Testschläfer erleben wir ein innovatives Übernachtungskonzept und zugleich das Wismarer Phantechnikum so, wie es nur ganz wenige Menschen kennen

Karin.jpg von
30. Januar 2018, 12:00 Uhr

„Also ich hätte nicht den Mut“, erklärt Museumspädagogin Josephin Hagelstein rundheraus, während sie uns durch das Erdgeschoss der Wismarer Phantechnikums in die Luftfahrt-Halle führt. Dort, genau unter Otto Lilienthals Gleitflieger, steht unser Quartier für die kommende Nacht: Sleeperoo, ein zwölf Kubikmeter großer Stoff-Würfel auf Rädern. Ein Zelt und doch wieder kein Zelt, denn geschlafen wird auf einer 1,60 Meter breiten Liegefläche mit Sojaöl-Kern. Es gibt bezogene Schafschurwolldecken, weiche Kissen, stromsparende Led-Leuchten und in der Rückenlehne jede Menge Stauraum.

Einen Monat lang, bis zum 25. Februar, können Testschläfer sich jetzt ein Bild von dieser neuen Übernachtungsmöglichkeit machen – und zugleich das Konzept ausprobieren, das hinter Sleeperoo steht: „Wir wollen Menschen faszinierende Erinnerungen schenken: Eine besondere Nacht, die im Kopf und im Herzen bleibt. An Orten, wo man sonst nicht schlafen kann, ganz in der Nähe von zu Hause“, fasst Unternehmenschefin Karen Löhnert ihre Idee zusammen.

Das Phantechnikum, das Technische Landesmuseum, ist ein solcher Ort. Noch während der Öffnungszeiten inspizieren wir unseren Sleeperoo – denn noch haben wir Licht. Eine halbe Stunde nach der Schließzeit um 17 Uhr gehen nach und nach alle Lampen aus. Nur die grünen Notausgang-Schilder bleiben beleuchtet. Und durch die bodentiefen Fenster fällt etwas Licht vom beleuchteten Innenhof herein.

Wir sollten uns auf jede Menge Geräusche einstellen, hatte Josephin Hagelstein zum Abschied geraten: Heizung, Lüftung und unter Umständen noch weitere Aggregate würden auch nachts arbeiten. In den Obergeschossen sind überall die Alarmanlagen scharf, lesen wir in den Instruktionen, nur im Erdgeschoss können wir uns frei bewegen. Gegen halb 8 Uhr morgens würde sie uns dann wieder herauslassen, versichert Museums-Sprecherin Gloria Janas – weil Ruhetag sei. An anderen Tagen käme schon um 7 Uhr der Putztrupp, wir hätten also Glück. Falls wir schlafen könnten…

Ganz allein in einem Museum eingeschlossen zu sein – diese Erfahrung haben nur ganz wenige Menschen gemacht, von Nachtwächtern einmal abgesehen. Mit Taschen- bzw. Stirnlampe ausgestattet, nehmen wir die Exponate in unserer Halle noch einmal gründlich unter die Lupe. Interessant, wie viele Luftfahrtpioniere aus Mecklenburg und Vorpommern stammen. Und die Mitmach-Experimente, die ohne Strom funktionieren, sind wirklich spannend: Wir lassen Luftballons steigen, drehen unsere Runden auf dem Propellerkarussell… Beim Picknick phantasieren wir schließlich davon, welche Orte sich noch eignen könnten, um ein Sleeperoo aufzustellen.

Karen Löhnert hatte im Vorgespräch ein Fußballstadion erwähnt. Auch vor der riesigen Panoramascheibe eines Haifischbeckens oder an einem stillen Waldsee wären mögliche Standorte. Gerade ist sie auf Werbetour bei möglichen Partnern, denn ab der Internationalen Tourismusbörse (ITB) im März soll Sleeperoo als Urlaubsangebot buchbar sein.

Im November 2016 hatte die frühere Geschäftsführerin des Landesjugendherbergsverbandes MV sich in Schwerin mit ihrem nachhaltigen Übernachtungskonzept als Einzelunternehmerin selbstständig gemacht. „The Green Bed“, das grüne Bett, war damals Karen Löhnerts Arbeitstitel. Später wurde daraus Sleeperoo – und aus der Ein-Frau-Firma eine expandierende GmbH in Hamburg. Dennoch steckt „ganz viel Mecklenburg-Vorpommern in dem Konzept“, wie Tobias Woitendorf vom Landestourismusverband lobt. Der Designer des Sleeperoo, Felix Lange, ist Schweriner. Und seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte der Prototyp des Zelt-Würfels Anfang Juli 2017 zur Jahresausstellung der Hochschule Wismar im Fachbereich Design. Im Wismarer Marienkirchhof zogen wenig später dann auch die ersten Testschläfer ein. Danach ging es weiter in die Burgruine Wredenhagen, ebenfalls in Mecklenburg-Vorpommern. Und im Oktober erlebte Sleeperoo seine internationale Premiere: am Messestand des Landes auf dem Suisse Caravan Salon in Bern.

Die vierwöchige Testphase im Phantechnikum ist schon jetzt, nach dem ersten Wochenende, vollkommen ausgebucht. Das Konzept des Museums, sich darüber zusätzliche Besuchergruppen zu erschließen, ist also offenbar aufgegangen. „Die meisten Buchungen haben uns über Facebook erreicht“, erklärt Gloria Janas. Und so viel sei allen, die nach uns allein, zu zweit oder maximal zu dritt dort übernachten wollen, bereits verraten: Ja, es gibt dort ein paar Geräusche, an die man sich erst einmal gewöhnen muss. Aber irgendwann haben wir sie nicht mehr gehört – und inmitten des Museums hervorragend geschlafen.

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