Roman : Wenn es die DDR noch gäbe

Günter Schabowski auf der  Konferenz am 9. November
1 von 2
Günter Schabowski auf der Konferenz am 9. November

Harald Martenstein und Tom Peuckert stellen in Ihrem Roman die Geschichte auf den Kopf.

svz.de von
30. September 2015, 06:30 Uhr

Harald Martenstein und Tom Peuckert sind erfolgreiche Autoren und lange befreundet. Der erste kommt aus Westdeutschland, der andere ist in der DDR geboren. Nun haben die beiden zusammen einen Roman geschrieben, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung: „Schwarzes Gold aus Warnemünde“ heißt er und stellt die Geschichte auf den Kopf: Die DDR gibt es noch. Und nicht nur das: Das Land ist wirtschaftlich spitze, das politische System hat sich gewandelt, aber nicht durch eine friedliche Revolution, sondern durch schleichenden Opportunismus. Kulturminister ist Gregor Gysi, Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Wer das schon abgefahren findet, ist hier verkehrt.

Schon im ersten Kapitel ziehen die Autoren alle Register: Da gibt Günter Schabowski am 9. November 1989 seine Pressekonferenz, bei der er den Zettel aus der Tasche zieht und etwas desorientiert vorliest, was darauf steht: Doch statt die Öffnung der Grenze zu verkünden, gibt er bekannt, dass an der Ostseeküste der DDR riesige Erdölvorkommen entdeckt wurden, die nun gefördert werden sollen. „Soweit ich weiß, gilt das ab sofort. Unverzüglich.“ Die DDR-Bürger schwimmen bald im Geld. Die armen Brüder und Schwestern – das sind die im Westen, die als Billiglöhner in den Osten ziehen, um auf Hiddensee Broiler zu braten und sich von oben herab behandeln zu lassen.

„Schwarzes Gold aus Warnemünde“ ist satirisch und unterhaltsam, steckt voller verrückter Ideen und irrer Wendungen und hält sich nicht an die Gesetze der Wahrscheinlichkeit.

Andererseits hat die Ausgangsfrage etwas für sich: Wie wäre es wohl mit der DDR weitergegangen, wenn sie sich zu einem Wohlstandsstaat entwickelt hätte? Und was wäre aus der einen oder anderen Person der Zeitgeschichte aus West und Ost geworden, wenn es die DDR noch geben würde? Gerhard Schröder wird Sprecher des Zentronik-Kombinats. Hartmut Mehdorn ist erst Manager im IT-Unternehmen Robotron, kommt dann in den Knast, wird Rettungssanitäter und dann Rentner in einem Altersheim in Jena.

Zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung erscheinen noch andere Bücher zu dem Thema. Dieser Roman, erschienen im Aufbau Verlag, wird mit ziemlicher Sicherheit das abgedrehteste und unterhaltsamste bleiben.

Hintergrund: Personeller Aderlass

Die ostdeutschen Bundesländer haben seit der Wiedervereinigung vor 25 Jahren mehr als zwei Millionen Einwohner verloren. So hat Mecklenburg-Vorpommern knapp 16 Prozent der Bevölkerung verloren, wie der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, gestern in Berlin sagte. Die prozentual größten Bevölkerungsverluste gab es dabei in Sachsen-Anhalt, das mehr als ein Fünftel seiner Einwohner verlor (minus 20,5 Prozent). Etwas dahinter lag Thüringen (minus 16 Prozent). Lebten Ende 1991 in den ostdeutschen Flächenländern noch rund 14,5 Millionen Menschen, waren es Ende 2013 nur noch etwa 12,5 Millionen. Der Anteil der Menschen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen an der gesamtdeutschen Bevölkerung sank dadurch von 18 Prozent auf nunmehr 15 Prozent.

Von diesen Verlusten profitierten nach den Worten Egelers die westdeutschen Flächenländer. Deren Bevölkerungszahl wuchs zwischen 1991 und 2013 um vier Prozent. Als Gründe für den Verlust verwies der Präsident des Statistischen Bundesamtes auf die hohe Abwanderung und das hohe Geburtendefizit. Wie es in der neuen Veröffentlichung weiter heißt, fanden seit der Wende rund 3,3 Millionen Bürger aus Ostdeutschland eine neue Heimat im Westen. Zeitgleich zogen rund 2,1 Millionen Menschen von West nach Ost.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen