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Tag des Stotterns : Wenn die Wörter stecken bleiben

vom
Aus der Onlineredaktion

Eine Betroffene aus Rostock und ein Logopäde aus Schwerin klären über den Sprachfehler auf – und über Vorurteile

von
erstellt am 22.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Selbstbewusst lächelt Drew Lynch in die Kameras. Das Publikum applaudiert begeistert für den 26-jährigen Komödianten. Doch dann passiert es: Nur holpernd kommen ihm die Worte über die Lippen. „Hey, how how how is how is everybody?“ Drew Lynch stottert. Das hindert den US-Amerikaner jedoch nicht daran, vor einem Millionen-Publikum Witze zu erzählen. Seine Videos gehen derzeit online durch die Decke. „Ey, du stotterst“, wird Lynch immer wieder angesprochen. „Ich mache wa wa was? Wie wie wie schlimm ist es?“, entgegnet er dann selbstironisch.

Doch so selbstbewusst wie Drew Lynch ist nicht jeder Stotterer. Viele versuchen ihren Sprachfehler weitestgehend zu verstecken. Oft unter hohen Anstrengungen und psychischem Druck. Dabei leiden in Deutschland 800.000 Menschen unter der Störung. Vor allem Männer. Am internationalen Tag des Stotterns soll weltweit mit Aktionen und Veranstaltungen auf das Thema aufmerksam gemacht werden. Denn noch immer gibt es zahlreiche Vorurteile.

Stotterer sind dümmlich, tollpatschig oder begriffsstutzig. Das sind nur einige der Klischees, mit denen Maren Fuchs leben muss. Den eigenen Namen auszusprechen, ist für die meisten Kinder das einfachste der Welt. Für Fuchs bedeutete es als junges Mädchen schweißnasse Hände. Denn gerade weiche Konsonanten wie das „M“ kommen ihr seit dem dritten Lebensjahr nur schwer über die Lippen. „Sprechen ist für mich viel Arbeit“, sagt die Rostockerin. Etwa jedes 20. Kind stottert in einer Phase der Sprachentwicklung. Meistens zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr. Warum, ist unklar. In den meisten Fällen verschwindet der Sprachfehler wieder. Doch nicht immer. Bei einem Prozent bleibt er ein Leben lang.

Heute geht Maren Fuchs mit ihrem Stottern offen um. Im Vorstellungsgespräch oder beim ersten Kennenlernen klärt sie die Menschen direkt über ihre Behinderung auf, sagt ihnen, dass sie für manche Formulierungen vielleicht etwas länger brauche. „So nehme ich etwas Druck raus“, sagt sie. Das war nicht immer so. Vor allem in der Schule hat die heute 45-Jährige versucht, das Stottern zu verheimlichen. Zu groß war die Scham. Im Unterricht verweigerte sie Vorträge. In den Pausen vermied sie bestimmte Wortlaute. Das ginge, erklärt Fuchs. Wer zum Beispiel bei doppelten Konsonanten wie in den Worten „drei“ und „Brötchen“ ins stolpern kommt, wird beim Bäcker eher „vier Semmel“ bestellen. Doch noch häufiger greifen Stotterer direkt zu den Aufbackbrötchen in der Selbstbedienungstheke.

Ein Schwerpunkt von Falk Pankows Therapie ist daher die Konfrontation. Stotterer müssen dann zum Beispiel im Laden einen Verkäufer nach Birkenstock-Schuhen fragen. „Für viele ist das schon eine große Herausforderung“, erklärt der Logopäde. Pankow ist spezialisiert auf das Stottern. Jeder dritte Patient kommt mit dieser Sprachstörung zu ihm. Meistens sind es Eltern mit ihren Kindern. Seine Praxis in der Schweriner Innenstadt gleicht daher einem Spielzeugladen. Brettspiele, Musikinstrumente und Kinderbücher türmen sich in den Regalen. Sie alle dienen der Sprachförderung. Vor Pankow auf den Tisch liegen kleine Plastikfrösche. Mit ihnen soll sein fünfjähriger Patient über zwei Blätter in ein Aquarium hüpfen. Bei jeder Berührung muss er dabei die Silbe eines Wortes wiederholen: „Ka-Ka-Katze“.

„Stottern ist nichts schlimmes und stottern kann sogar Spaß machen“, sagt Pankow. „Ku-Ku-Kuchen“ und der nächste Frosch landet im Wasser.

„Ich empfehle, das Stottern des Kindes abklären zu lassen, wenn der Leidensdruck der Eltern zu groß ist“, sagt Pankow. Die Besorgnis der Eltern sei für stotternde Kinder ein schlechter Begleiter. Aufforderungen wie „Sprich langsam“, „hol erst einmal Luft“ oder gar „hör auf zu stottern“ verunsicherten das Kind. „Es wird für etwas kritisiert, dass es nicht ändern kann.“ Im schlimmsten Fall würden sich die Kinder zurückziehen und das Sprechen vermeiden. „Das ist der Risikofaktor Nummer eins, für die Aufrechterhaltung des Sprachfehlers.“ Vier Risikofaktoren gebe es. Neben der Besorgnis der Eltern sind es Begleitsymptome wie Blinzeln und Kopfdrehungen, negative psychische Reaktionen, wenn sich das Kind zum Beispiel zurückzieht und schließlich weitere Sprachstörungen.

„Wenn das Mädchen oder der Junge mit zwölf Jahren immer noch stottert, wird es sehr wahrscheinlich immer diese Probleme haben“, sagt Pankow. Man könne die Sprachstörung nicht heilen, aber man könne viel tun. „Ich helfe meinen Patienten, dass die Wörter einfacher aus dem Mund kommen.“ Als therapiert gilt ein Mensch erst, wenn er nicht mehr stottert, oder das Stottern für die Person kein Problem mehr darstellt. Durch bestimmte Sprechtechniken könnten so schwierige Vokale gemeistert werden. Auch Fuchs wendet solche Techniken an. Im ersten Moment hört man ihr ihren Sprachfehler oft gar nicht an. Doch für Fuchs ist das harte Arbeit, sagt sie. „Es gibt im Umgang mit anderen Menschen kaum eine Situation, bei der man nicht mit Worten kommunizieren muss. Es beherrscht dein Denken. Es ist immer im Hinterkopf.“ Fuchs machte bereits mehrere Therapien. Lange leitete sie in Rostock eine Selbsthilfegruppe. Der Austausch mit anderen Betroffenen hätte geholfen. „Es gibt aber auch viel Scharlatanerie“, meint Fuchs. „Stottern ist heilbar“ zum Beispiel, sei ein Versprechen, dass es nicht geben kann. „Was man tun kann, ist eine Desensibilisierung.“ Viele Stotterer könnten lernen schnell und flüssig zu reden. „Aber sie müssen dranbleiben. Und der Mensch ist von Natur aus faul. Da nehmen sich auch Stotterer nichts“, sagt Fuchs.

Desensibilisierung – die müsste auch in der Gesellschaft stattfinden. Stotterer würden sich beispielsweise oft gedemütigt fühlen, wenn man ihnen Worte oder Sätze abnimmt. Immer noch würde man Menschen mit einer Sprachbehinderung insgesamt wenig zutrauen, meint Fuchs: „Dabei kann man als Stotterer genauso erfolgreich durch das Leben schreiten, wie jeder andere.“ Das beweisen auch Stars wie der Schauspieler Bruce Willis oder Marilyn Monroe. Beide sind Stotterer.

„Leider werden Stotterer in den Medien noch immer oft als dümmlich dargestellt“, meint Fuchs. Der Film „The King’s Speech“ sei der einzige, der das Thema gerecht behandelt, sagt die Rostockerin und fügt hinzu: „Man muss immer Haltung bewahren als Stotterer. Ob König oder nicht.“

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