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Streetworker in MV : Wenn die Straße zum Büro wird

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Catherine Ruf ist Streetworkerin in Schwerin. Wir haben sie begleitet.

svz.de von
erstellt am 27.Apr.2016 | 11:45 Uhr

Kurz nach 20 Uhr macht Catherine hinter sich die Tür zu. Den Rest der Arbeit im Paulskirchenkeller erledigt ihr Kollege Martin. Für heute hat sie Feierabend. Morgen ist wieder die Straße ihr Büro – Catherine ist Straßensozialarbeiterin in Schwerin. Eine von 30 in Mecklenburg-Vorpommern, fünf in Schwerin.

Drei Stunden vorher treffen Catherine und Martin Vorbereitungen für ihre Straßenrunde: Fahrräder checken, den Flyer-Bestand auffüllen und die „Akzeptierbar“ aus dem Winterschlaf holen. Die Bar ist eine Kombination aus Lastenwagen und Fahrrad, an der sich Jugendliche alkoholfreie Cocktails mischen können. „Wir haben festgestellt, dass wir so leichter Kontakte knüpfen können“, erklärt Catherine und bestückt den Lastenwagen mit einigen Wasserflaschen.

Gegen 15.15 Uhr beginnt die Straßen-Tour am Büro der Evangelischen Jugend, dem Arbeitgeber der beiden Straßensozialarbeiter. Ihr Geld bekommen die Streetworker von der Stadt. Von der Paulsstadt radeln Catherine und Martin Richtung Pfaffenteich, dem ersten Halt. Dort treffen sie auf bekannte Gesichter. Man kennt sich, die Stimmung ist ausgelassen: Einer der Jugendlichen raucht eine mitgebrachte Wasserpfeife, andere trinken Bier. Doch für die Cocktails der „Akzeptierbar“ lassen die Jugendlichen ihr Bier stehen. Fünf Cocktails mit Holunder-Geschmack mixt Catherine am Pfaffenteich. Ohne Alkohol. Richtig streng geht die Streetworkerin aber nicht mit dem Thema Alkohol um. „Neulich hab ich einen Cocktail gegen ein Bier getauscht“, erzählt sie. Allerdings ginge das natürlich nur, wenn der Tauschpartner im entsprechenden Alter sei.

Bei ihrer Arbeit gibt es laut Catherine in den meisten Fällen keine klaren Grenzen: „Straßensozialarbeiter sind Geheimnisträger. Wir unterliegen einer Verschwiegenheitspflicht.“ Nur so sei überhaupt eine Bindung zu den Jugendlichen möglich. Allerdings müssten auch Streetworker abwägen und bei Kindeswohlgefährdung unmittelbar eingreifen. „Das heißt aber nicht, dass wir als Helfer der Polizei Jugendliche aushorchen. Wir sind für die Jugendlichen unterwegs.“ Die Zielgruppe ihrer Arbeit seien Jugendliche im Alter zwischen zehn und 27 Jahren, die Zahl ihrer betreuten Einzelfälle liegt derzeit bei acht Jugendlichen. Insgesamt haben Catherine und ihre Kollegen nach eigenen Angaben pro Woche zwischen 30 und 100 Kontakte mit jungen Menschen. Eine Tendenz in Hinsicht auf das soziale Milieu gäbe es nicht. „Unsere Jugendlichen sind zum Teil Schulabbrecher und Analphabeten, gehen aber auch aufs Gymnasium und stammen aus Akademikerfamilien“, sagt die Streetworkerin.

Nach dem Stop am Pfaffenteich trennen sich die Wege von Catherine und ihrem Kollegen. Sie macht sich Richtung Schmiedestraße auf, Martin fährt ins Büro zurück. Er hat heute Dienst im „Paule“. „Der ,Paule’ ist unser Jugendtreff im Keller der Paulskirche. Dienstags und donnerstags öffnen wir ab 17.30 Uhr“, erklärt Martin.

Die zehn Gebote der Streetworker
1. Jugendliche sollen dort aufgesucht und kontaktiert werden, wo sie sich aufhalten.
2. Personen- oder gruppenbezogene Daten werden nicht mit der Polizei ausgetauscht.
3. Beziehungs- und Vertrauensarbeit ist unbedingte Voraussetzung für jeden Streetworker.
4. Gebührender Respekt gegenüber Jugendlichen ist notwendig, um Konflikten vorzubeugen.
5. Ansprechbarkeit für Jugendliche ohne Vorurteile oder Einschränkungen.
6. Kenntnisse in rechtlichen und sozialen Belangen sind notwendige Bestandteile der Arbeit.
7. Abend- und Nachtstunden sowie Wochenenden sind Hauptarbeitszeit für Streetworker.
8. Nur mit Teamwork ist Weiter- und Fortbildung spezieller Themenfelder möglich.
9. Unterstützung der jugendlichen Bedürfnisse und Wünsche durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit.

10. Intervention und Deeskalation in akuten Fällen zur Prävention von Auseinandersetzungen.

In der Schmiedestraße harren Pat, Hanna und Beety schon sehnsüchtig auf „ihre“ Straßensozialarbeiterin. „Na endlich, wir haben schon auf dich gewartet“, begrüßen die drei Straßenmusiker die Streetworkerin. Der Empfang ist herzlich. Beety ist 23 und macht aktuell eine Ausbildung zum Erzieher. „Mir fehlte bislang der Antrieb: Warum soll ich arbeiten? Das Geld war mir egal. Ich wollte die Welt sehen und davon erzählen können“, erzählt der Schweriner. Irgendwann sei der Schalter aber dann umgekippt. Sein Ziel sei es, auch Streetworker zu werden. „Danach möchte ich gerne den gleichen Job wie Catherine machen. Leuten das zurückgeben, was ich erfahren habe.“Mit der Gitarre verdient er sich den ein oder anderen Euro dazu.

Wie Beety kam auch Catherine zu ihrem „Traumjob“, wie sie sagt: „Mein Vorbild war ein Sozialarbeiter, mit dem ich viele gute Gespräche geführt habe.“ Daraus sei ihr Wunsch entstanden, einmal selbst anderen Menschen helfen zu können. Nach Abschluss ihres Studiums der sozialen Arbeit fing sie im Februar 2015 als Streetworkerin der evangelischen Jugend in Schwerin an. Seitdem hat sie viele Jugendliche und Orte in Schwerin kennengelernt.

Nach der Verabschiedung von Pat, Hanna und Beety steuert Catherine gegen 16.30 Uhr einen dieser Orte an: den „Kiffer“, einem Spielplatz in der Altstadt. Letztes Jahr noch war der „Kiffer“ ein Brennpunkt. Heute ist hier nichts los. „Am Anfang haben sich hier Gymnasiasten getroffen und den ein oder anderen Joint geraucht“, sagt die Straßensozialarbeiterin. Dann wären die Konsumenten aber immer jünger geworden und hätten einen Eingriff erforderlich gemacht.

Endstation der heutigen Tour ist wie immer der „Paule“, der Paulskirchenkeller. Dort warten gegen 18 Uhr schon Kollege Martin und Straßenmusikerin Hanna. „Die andern kommen auch gleich“, sagt Hannah. Gegen Abend ist der „Paule“ Anlaufstation für alle – für die Gruppe vom Pfaffenteich, für die Straßenmusiker aus der Altstadt und die Jugendlichen vom Bolzer. Und für Catherine. Bis zum Feierabend.

Hintergrund: Sozialarbeit

In MV gibt es an Schulen, in Kommunen und bei Vereinen insgesamt etwa 800 Sozialarbeiter, die öffentlich bezahlt bzw. gefördert werden oder ehrenamtlich tätig sind.

  • 311 Schulsozialarbeiter, finanziert über den Europäischen Sozialfonds und das Bildungs- und Teilhabepaket;
  • 200 Jugendsozialarbeiter;
  • 150 hauptamtliche und ehrenamtliche Sozialarbeiter in Beratungsstellen zur Drogen-, Lebens- , Schuldnerberatung u.ä.;
  • 60 Sozialarbeiter, die direkt bei den Kommunen angestellt sind;
  • 30 sind hauptamtlich bei Jugendverbänden tätig
  • 20 Sozialarbeiter gibt es bei Weiterbildungs- und Berufsbildungszentren, Produktionsschulen und anderen Arbeitsmarktmaßnahmen
  • in MV werden etwa 30 Streetworker gezählt, die bei verschiedenen Trägern arbeiten
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