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Mecklenburg-Vorpommern

22. September 2017 | 13:51 Uhr

Wenn die Heimat versinkt

vom

svz.de von
erstellt am 04.Jun.2013 | 09:51 Uhr

Sonntagabend. Die Meldungen zur Hochwasserlage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen überschlagen sich. Auch Gera bereitet sich auf das Schlimmste vor. Die Weiße Elster hat bereits am 1. Juni erstmals die kritische Marke von 280 Zentimeter überschritten - Hochwasserwarnstufe 3. Jetzt, kurz vor Mitternacht zum 3. Juni, steht der Wert bei fast viereinhalb Metern. Normal ist hier kaum ein Achtel davon. Von Straßenzügen ohne Strom ist die Rede, von Evakuierungen. Ich kann nicht anders, ich muss da hin. Wie in Trance prüfe ich meine Ausrüstung: Kamera, Objektive, Speicherkarten, Reserveakkus. Und das Stativ, immerhin ist finstere Nacht.

Als ich in Gera eintreffe, scheint die Stadt von beängstigender Stille umhüllt. Kaum ein Martinshorn lässt die Luft erzittern, nur sporadisch flackert Blaulicht in den Straßen. Die erste Bestandsaufnahme ist Schock und Erleichterung zugleich: Zwischen der Untermhäuser Brücke und den Gipfeln der Wellen, die unter dem Viadukt gen Norden rauschen, ist allenfalls eine handbreit Platz, aber noch folgt der Fluss weitgehend seinem Bett. Wehe dem er verlässt es, bilden doch die direkt angrenzende Marienkirche, das Geburtshaus des Künstlers Otto Dix und die Brücke ein städtebaulich herausragendes Ensemble. Hier wäre nichts mehr zu retten. Doch die Lage scheint stabil. Anders im Stadtteil Debschwitz. Hier bin ich aufgewachsen, vier Jahre zur Schule gegangen. Zwischen Neubaublocks und Gründerzeithäusern flitzen ab und zu die Strahlen von Taschenlampen durchs Dunkel. Der Wasserstand bringt stellenweise die Gummistiefel an ihre Grenze. Das Glucksen der Flut hallt unheimlich in den ansonsten leeren Straßen. Stativ aufgestellt, ein paar Aufnahmen gemacht und wieder zusammengepackt. Die Stadt ist groß.

Östlich der Elster, in Zwötzen, sieht es noch schlimmer aus. Viele Straßen und Gärten liegen tief. Es rauscht und gurgelt überall. Die Bewohner versuchen mit Sandsäcken und Brettern etwas zu retten, wenngleich sie ihre Mühe bereits im Voraus als vergebens ansehen müssen. Der Ärger ist groß. "Keiner weiß etwas, wir bekommen null Informationen", zetert eine Frau. Die zwei Polizisten, die eine Straßenkreuzung sichern, zucken mit den Achseln. Auch sie wissen nur das, was ihnen die Einsatzleitung zugesteht. Wie auf Knopfdruck wird der ganze Straßenzug dunkel. Flüche aus allen Richtungen. Doch weiter geschieht nichts. Keine Feuerwehr, die Licht entfacht, damit man nicht auch noch im Dunkeln arbeiten muss, kein Katastrophenschutz, der die Menschen auf die Evakuierung vorbereitet. Katastrophenmanagement? Eher katastrophales Management. Das Wasser steigt weiter, läuft inzwischen von zwei Richtungen auf mein Auto zu. Schnell weg, sonst ist der Rückweg versperrt.

Zurück zur Innenstadt. Was hier im Herzen Geras anlässlich der Bundesgartenschau 2007 in kunstvoller Gestaltung entstand, ist zu einer Art Mangrovenwald mutiert und allenfalls noch mit dem Schlauchboot zu durchqueren. Der Hofwiesenpark säuft ab. Mit ihm das zentral gelegene Hallenbad.

Doch es gibt Grund zur Hoffnung, denn die mit Unterstützung zahlreicher Soldaten der nahe gelegenen Pionierkaserne aufgebaute doppelte Sandsackbarrikade schützt die Orangerie, einen stattlichen Barockbau, vor den Fluten. Druckgrafiken, Zeichnungen und Plastiken vom Mittelalter bis zur Gegenwart, insgesamt knapp 11 000 Objekte lagern hier.

Während zwei Straßen weiter Land unter ist - manche Autos stehen hier bis zu den Außenspiegeln in der muffigen braunen Brühe - ist immerhin der Kulturschatz vor dem Schlimmsten bewahrt. Für die Bewohner zweier angrenzender Stadtteile wenig tröstlich, folgt doch schließlich die Anweisung zur Evakuierung. Militärlaster preschen durch das hüfthohe Wasser, bringen Menschen und ihr wichtigstes Hab und Gut in Sicherheit. Auch ein guter Bekannter von mir ist dabei. "Jetzt ist es so weit", sagt er am Telefon, wohl wissend, dass er in ein verwüstetes Haus zurückkehren wird, wenn die Gefahr vorüber ist.

Am frühen Nachmittag endlich der ersehnte Lichtblick. Der Pegel stagniert erst, fällt dann ein wenig. Die Erleichterung bemerke ich in den Gesichtern vieler Menschen auf den Straßen, und auch bei mir selbst. Trotzdem bleibt die Frage: "Und danach?"

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