Ein Dorf im Ausnahmezustand : Wenn die Dorfstraße zur A20 wird

umleitung a20 tribsees_neu

Wie die Umleitung den Ort Langendorf verändert.

svz.de von
03. November 2017, 11:50 Uhr

Seit die A20 wenige hundert Meter entfernt im Moor versinkt, herrscht Chaos in einem kleinen Ort bei Tribsees. Durch Langsdorf fließt nun der gesamte Verkehr der Autobahn. Lärm und  Abgase sind längst nicht die größten Probleme. Es geht um eine Feuerwehr, die nicht mehr einsatzbereit ist, um lebensgefährliche Arbeitswege, um Pflegedienste, die ihre Patienten nicht mehr erreichen und um Politiker, die nicht eingreifen. Ein Dorf im Ausnahmezustand.

„Für die Radfahrer ist das lebensgefährlich“

Langsam frisst sich der Unimog durch das Gestrüpp am Ortsausgang von Langsdorf, schneidet Äste und kürzt das hohe Gras auf dem Trampelpfad. „Klar packe ich auch mit an“, sagt Hartmut Kolschewski. Gemeinsam mit dem Landwirt Andy Jarysek schlägt der Bürgermeister  einen provisorischen Radweg  entlang der L19 in Richtung Bad Sülze frei. „Alles ist besser, als mit dem Fahrrad auf der Straße zu fahren“, sagt er. Mit seinen Arbeitshandschuhen deutet er auf die Kette von Lastwagen, die sich nur ein paar Meter entfernt ihren Weg zur A20 Richtung Rostock bahnt. Seit der Vollsperrung der Autobahn ist die L19 dicht befahren. „Für die Radfahrer ist das lebensgefährlich“, meint Kolschewski. Mehrere Bewohner des kleinen Ortes würden die Landesstraße nutzen, um mit dem Rad zum Beispiel zur Arbeit im nahe gelegenen Kieswerk zu fahren. Einen befestigten Radweg gibt es  nicht. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis bei dem dichten Verkehr etwas passiere. Zum Glück habe da die Böhm-Nordkartoffel Agrarproduktion einen Unimog bereitgestellt. „Man muss sich doch untereinander helfen“, sagt Andy Jarysek. „Die Umgehung ist Chaos.“ Er selbst wohnt  im benachbarten Behren-Lübchin. In Langsdorf geht seine Tochter zur Tagesmutter. „Auf der Strecke ist immer Stau. Ich muss jetzt eine halbe Stunde früher los, um  pünktlich zu sein.“ 17 statt 4,6 Kilometer ist der Weg von seiner Haustür bis zur Arbeit nun lang. Das sind 252 Kilometer mehr im Monat.

Eisschlecken in drei Minuten

Gisela Urlaub ist froh, dass es auf den Winter zugeht. Da liefen ihre Geschäfte sowieso schleppender. Außerdem wolle sie renovieren. Seit 27 Jahren betreibt sie in Langsdorf eine Eisdiele. „Kaktusfeige ist immer wieder der Renner“, sagt sie.  Erst im Juli wurde ihr Eiscafé zu einem der besten in MV gekürt. Meistens stehen gleich mehre Autos auf der Hauptstraße vor ihrem Laden. Doch  nun rollen da die Blechlawinen. Mit der Umleitung kam das eingeschränkte Halteverbot. Drei Minuten haben ihre Kunden nun zum Eisschlecken. Zum Verweilen bleibt da keine Zeit. Gemütlich ist es bei dem Straßenlärm auch nicht mehr. Gisela Urlaub ist genervt.

Am Sonntagabend sei es am schlimmsten. Ab 22 Uhr fahre ein Lkw nach dem anderen an ihrem Haus vorbei „Es sind bestimmt zehnmal so viele wie sonst.“

Einsatz nur über Umwege

„Wenn etwas passiert, sind wir erst einmal nicht mehr voll einsatzbereit“, entrüstet sich Silvio Bauch. Der Wehrführer der Gemeinde Lindholz  ist frustriert. Das Gerätehaus  in Langsdorf liegt an der Breesener Straße. Über sie wird derzeit der Autobahnverkehr in Richtung Stettin geleitet. In Sekundentakt rollen Lastwagen und Autos  am  Wehrhaus vorbei. Das Problem: Sollte es zu einem Einsatz im vier Kilometer entfernten Breese oder im nur zwei Kilometer entfernten Eichenthal kommen, müsste die Feuerwehr den 16 Kilometer langen Umweg über die Umleitung fahren oder eben gegen die Fahrtrichtung. „Wie soll das gehen?“, fragt  Bauch. Wenn es denn überhaupt soweit käme. Denn einige der Kameraden wohnen in Richtung Bad Sülze. Ihnen bleibt durch die  Einbahnstraßen-Regelung im Ernstfall nur der Fußweg zum Feuerwehrhaus. „Wir können so nicht mehr gewährleisten, in zehn Minuten am Einsatzort zu sein“, sagt Bauch. Darüber habe er die Leitzentrale bereits informiert. „Das ist eine absolute Katastrophe“, beklagt  er. „Wir sind der Kollateralschaden der Autobahn.“

Ein Schäfer legt Umleitung lahm

Doch ein Schäfer aus der Gemeinde hatte keine Lust, 16  Kilometer Umweg zu fahren, um seinen Hund, der nur ein paar hundert Meter entfernt auf ihn wartete,  zu holen. Sehr zum Ärgernis vieler Autofahrer. Denn der Schäfer parkte sein Fahrzeug kurzerhand auf der Hauptstraße in Langsdorf und ging die letzten Meter zu Fuß. Dabei blockierte er den  Autobahnverkehr in Richtung Stettin. Und innerhalb kürzester Zeit ging nichts mehr. Inzwischen wurde auf der Hauptstraße eingeschränktes Halteverbot eingeführt. Auf Stau und damit auch auf vermehrte Abgase und Lärm müssen sich die Bewohner in Langsdorf demnächst wohl öfter einstellen. Erst am Mittwoch sorgte ein in einen Graben gerutschter Lastwagen für dicke Luft. Für die Bergung musste ein Kran geholt und die Umleitungsstrecke Richtung Lübeck für eine Stunde gesperrt werden.

Der Fluch der Einbahnstraße

„Jetzt wohnen wir auf dem Land, mit den Nachteilen einer Großstadt“, sagt Bürgermeister Hartmut Kolschewski und meint damit nicht nur den Lärm und die Abgase, sondern auch die langen Wege. Es sei absurd. Um nur ein Beispiel zu nennen:  Von der Bahnhofstraße in Langsdorf bis zum Friedhof sind es 300 Meter. Wer mit dem Auto fahren will, muss die Umleitung fahren: 16 Kilometer. 660 Einwohner habe die Gemeinde Lindholz, zu der auch Langsdorf gehört. Alle von ihnen seien laut Kolschewski  vom Einbahnstraßenfluch betroffen. Der Pflegedienst läuft jetzt 200 Meter zu Fuß zu seinen Patienten, Paketdienste kommen mit dem Auto  nicht zu ihren Kunden, Eltern müssen kilometerlange Umwege in Kauf nehmen, um ihre Kinder zur Tagesmutter zu bringen. So gehe es nicht weiter, meint Kolschewski: „Das ist verlorene Lebensqualität.“

Mehr Lärm, aber auch mehr Gäste

Pausenlos rollt der Verkehr in beiden Richtungen an der Gaststätte „Zur Kastanie“ vorbei. Laut Ronald Normann vom Landesamt für Straßenbau und Verkehr sind es täglich zwischen 8000 und 10 000 Fahrzeuge. Vorher waren es zirka 1500. „Es ist ein Ausnahmezustand, für den es eine andere Lösung geben müsste“, sagt Erika Baumgart. Die Inhaberin der Gaststätte ist verzweifelt: „Ich weiß nicht, wie ich das durchhalten soll.“ Zuvor habe im Ort „Ruhe und Gelassenheit“ geherrscht, doch nun klagt die 66-Jährige über Lärm, Dreck und Abgasgestank. Immerhin: In ihrer Gaststätte könnten sie ein paar Gäste mehr begrüßen als sonst. „Hier kommt doch kein Minister her“, schimpft die Wirtin. Als Teile der A 20 abzusinken begannen, war Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) zwar an der Abbruchstelle – nach Langsdorf aber kam er nicht. Wirtin Baumgart hat einen Wunsch: „Ich möchte Frau Merkel hier haben. Sie soll mit dem Hubschrauber kommen – mit dem Auto geht ja nicht mehr.“ Langsdorf gehört zu Merkels Wahlkreis.

Plan C oder warum Plan B keine Lösung ist

Ab Ende November soll eine Behelfsausfahrt die Umleitung größtenteils überflüssig machen. Nur den Menschen in Langsdorf bringt das nichts. Der Verkehr muss dann im Gegenverkehr über eine kleine Kreuzung rollen. „Da passen doch keine zwei Lkw lang“, ist sich Wehrführer Silvio Bauch sicher. Die Anwohner rechnen mit noch mehr Stau. Langsdorf hat daher eine klare  Forderung: Die alte Baustraße muss wieder her. Sie stammt noch aus der Bauphase der A20. Plan C nennt Hartmut Kolschewski das Vorhaben. Für ihn die einzige Lösung. Einen Strich durch die Rechnung macht ihnen Verkehrsminister Christian Pegel (SPD). Zu aufwendig sei die Wiederherstellung der stillgelegten Straße.  Im Sommer nächsten Jahres soll jedoch eine Behelfsbrücke an der Abbruchstelle gebaut werden.  Doch Kolschewski ist sich sicher: „Es wird nicht die letzte Baustelle an der A20 sein. Und wenn es keine direkte Umleitung gibt, wird der Verkehr weiter durch Langsdorf fahren.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen