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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 06:16 Uhr

Schizophrenie : Wenn die bösen Stimmen kommen

vom
Aus der Onlineredaktion

Eine Familie kämpft um ihre an Schizophrenie erkrankte Tochter – und um mehr Unterstützung für Betroffene

von
erstellt am 06.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Celinas linker Arm ist von Narben gezeichnet. Narben von Wunden, die sich die 17-Jährige selbst zugefügt hat. Immer dann, wenn ihre Krankheit hochkommt und sie mit in die Tiefe reißt. Wenn die Stimmen in ihrem Kopf auf sie einreden, dass sie schlecht ist und sich umbringen soll. Wenn sie die Menschen, die sie lieben, um sich herum nicht mehr wahrnimmt, weil die Realität hinter einer Nebelwand verschwindet. Dann verletzt sie sich selbst, um sich zu spüren. Und um sich zu vergewissern, dass sie noch da ist.

Celina leidet an Schizophrenie und damit einhergehenden Depressionen. Die Krankheit schlägt phasenweise zu. Wie sie sich dann fühlt – das beschreibt die junge Mecklenburgerin auch auf der Internet-Plattform Instagram:

„Wenn die Stimmen mich anschreien, schreie ich zurück, aber ich habe nicht genug Kraft, mein Kopf platzt, es tut weh, jedes Mal verliere ich dieses Spiel.“

Ihr Leidensweg beginnt schon in der Kindheit. „Heute wissen wir, dass es sich wohl um eine angeborene Schizophrenie handelt“, sagt ihre Mutter Andrea Baranowsky, die von einem ähnlichen Fall in der Verwandtschaft weiß. Dass es Stimmen in ihrem Kopf gibt, die sie schlecht machen, behält das liebe und zurückhaltende Mädchen jedoch zunächst für sich. Auch Ärzte übersehen deshalb jahrelang, was wirklich mit ihr los ist. Der Ernst der Lage wird ihrem Umfeld erst mit aller Wucht bewusst, als Celina versucht, sich das Leben zu nehmen. Ein Hilfeschrei. Da ist sie 13 Jahre alt.

Seither kämpft ihre Familie jeden einzelnen Tag um ihre Tochter. Doch es ist ein einsamer Kampf, wie ihre Mutter berichtet. Mehrere stationäre Klinikaufenthalte, ambulante Therapien, Termine bei Homöopathen und Heilern – es gibt nichts, was sie nicht versucht hätten. Und doch blieben am Ende immer mehr Fragen als Antworten. Was ist die beste Therapie? Welche Medikamente wirken gezielt? Was tun bei langen Fehlzeiten in der Schule? Ist eine Ausbildung möglich und wenn ja, in welcher Form? Gibt es Unterstützung bei der Betreuung oder finanzielle Hilfen? Und wie geht man mit der emotionalen Belastung um, wenn die Eltern an ihre Grenzen gehen, der kleine Bruder Angst hat, seine geliebte Schwester zu verlieren, und wenn Celinas Freund sich gemeinsam mit der Familie um sie kümmert?

„Ob andere Krankheiten, Alkoholsucht oder Mütterberatung – überall gibt es Anlaufstellen im Gesundheitswesen. Aber bei psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie fühlt man sich alleingelassen“, sagt Andrea Baranowsky. Obwohl die 39-Jährige selbst als Medizinische Fachangestellte arbeitet, muss sie bis heute viele wichtige Informationen mühsam zusammentragen. So versucht sie seit drei Jahren, einen Integrationshelfer für Celina zu bekommen. Doch das Jugendamt habe abgelehnt, bedauert die Mutter. Wegen der langen Fehlzeiten war nur ein Hauptschulabschluss möglich. Allen Schwierigkeiten zum Trotz hat Celina in diesem Jahr eine Ausbildung gestartet, ist dafür gemeinsam mit ihrem Freund nach Rostock gezogen. Voller Euphorie und Wünsche für die Zukunft. Doch dann ist sie wieder hochgekommen, diese erdrückende Krankheit. Und mit ihr alle Ängste und Fragen, wie es diesmal weitergehen kann.

„Ich sitze hier mit einer Krankheit, die mich nicht direkt umbringt, aber mich trotzdem schon längst das Leben gekostet hat.“

Die Sorgen um Celina sind groß. Soll sie noch einmal eine Behandlung in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie an ihrem neuen Wohnort starten, obwohl sie bald volljährig ist? Oder schafft es die Familie, die Zeit bis dahin zu überbrücken?

Immerhin hat Andrea Baranowsky für ihre Tochter inzwischen einen Pflegegrad erwirkt, allerdings nur den niedrigsten. Zumindest gebe es jetzt die Möglichkeit, dass ehrenamtliche Betreuer – wie Celinas Freund – nach einem achtstündigen Kurs eine Anerkennung durch das Landesamt für Gesundheit und Soziales erhalten. Somit können sie auch von den monatlich 125 Euro profitieren, die im neuen Pflegegrad 1 sonst nur für Fachpersonal vorgesehen sind, wie Diane Hollenbach vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen in Mecklenburg-Vorpommern bestätigt. Es gebe durchaus Hilfen, man müsse sie nur finden, weiß auch Wiebke Cornelius von der Verbraucherzentrale in MV um die Probleme von Angehörigen psychisch kranker Menschen. Sie verweist auf die Gesundheitsämter.

Die bisher in Erfahrung gebrachten Hilfen sind bei Celinas Krankheitsbild jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was sie eigentlich benötigt, ist eine ständige Betreuung. Und sie braucht ihre Familie und ihren Freund. „Sie sind einfach toll. Nur sie halten mich am Leben“, sagt die 17-Jährige. Sie schwankt zwischen Hoffnung und Resignation. Ihren größten Wunsch hat sie sich auf ihren Oberkörper tätowieren lassen:

„Lerne zu fliegen und über die bösen Stimmen zu siegen.“

Hoffnung, die will ihre Mutter keinesfalls aufgeben. Auch dann nicht, wenn Celina sie in ihren dunkelsten Stunden darum bittet, gehen zu dürfen. „Ich kann doch nicht zulassen, dass sie sich das Leben nimmt“, sagt Andrea Baranowsky. Sie hofft, dass es vielleicht doch noch mehr Unterstützung gibt und dass sich die Symptome zurückbilden, wenn ihre Tochter etwas älter ist.

Auch wenn der Kampf allen an die Substanz gehe, habe er die Familie auch stark gemacht, erzählt die Mutter. Schöne Momente genießen, Kleinigkeiten schätzen und auf Probleme aufmerksam machen, um vielleicht auch anderen Betroffenen zu helfen – das sind die Kraftquellen. „Wir geben nicht auf.“

 

Welche Hilfsangebote gibt es?

Der Landesverband der Angehörigen und Freunde psychisch Kranker e.V. (LApK MV) in Rostock hat einen allgemeinen Überblick über mögliche Hilfsangebote in MV zusammengestellt. Zum einen habe die behandelnde Klinik einen grundsätzlichen Beratungsauftrag gegenüber den Angehörigen, so Verbandskoordinator Martin Jantzen. Das klappe nicht immer auf Anhieb, oft aber auf Nachfrage. Voraussetzung sei eine Einwilligung des Erkrankten. Diese Einwilligung werde ebenso für eine Beratung bei den Sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter benötigt. Einige Wohlfahrtsverbände wie Caritas oder Diakonie würden eine psychologische Beratung anbieten. Ansprechpartner gebe es weiterhin – je nach Krankheit und Wohnort – bei Landesverbänden wie dem LApK und Selbsthilfegruppen. Zuletzt verweist der Verband noch auf den Psychiatriewegweiser MV, der gerade überarbeitet werde. Generell seien die Angebote in den Städten besser als auf dem Land. „Immer mehr Menschen informieren sich mittlerweile allerdings auch über das Internet oder tauschen sich in Foren aus“, weiß Jantzen. Aus Scham oder Angst vor Abwertung wagten es viele Betroffene nicht, sich öffentlich Hilfe zu holen.

 

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