Psychosoziale Belastungen : Wenn die Arbeit stresst

1 von 2

Experten: Frauen reagieren mit Depression – Männer mit Sucht

svz.de von
31. März 2014, 21:00 Uhr

Immer mehr Menschen fühlen sich den Belastungen der Arbeitswelt nicht gewachsen. Von diesem Phänomen sind nach Erkenntnissen des Hamburger Arbeitsberaters Michael Gümbel Männer und Frauen gleichermaßen betroffen, nur die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Ärztlichen Diagnosen zufolge sind bei Frauen psychische Erkrankungen wie Depression deutlich häufiger zu finden, während Männer eher mit Sucht reagieren. „Der Alkohol ist die Depression der Männer“, sagte Gümbel gestern in Rostock bei der Landesfachkonferenz zu psychosozialen Belastungen in der Arbeitswelt „Gesundheit geschlechtergerecht?!“.

In einer Stressstudie hatte die Techniker Krankenkasse jüngst berichtet, dass sich 70 Prozent der Arbeitnehmer häufig oder zumindest manchmal gestresst fühlen. Gleichzeitig sagten zwei Drittel, dass sie weit mehr Stress haben als drei Jahre zuvor. Deutlich zeigte sich, dass Frauen erheblich mehr unter Druck geraten, weil sie höhere Ansprüche an sich stellen, als dies Männer tun.

Deutliche Unterschiede gab es auch durch Belastungssituationen im Haushalt und der Kinderbetreuung. So sei die mögliche Übererfüllung von Normen ein typisch weibliches Thema in der Arbeitswelt, was zu einer Tendenz zur stärkeren Selbstkontrolle als bei Männern führe. Bei Männern gebe es dagegen einen deutlichen Trend hin zu mehr Risikobereitschaft. Die Arbeitspsychologie rate deshalb Frauen, nicht glauben zu müssen, immer alle Normen erfüllen zu müssen. „Für Männer gilt, dass sie auch mal ein Weichei sein dürfen“, sagte Gümbel.

Nach seinen Worten gibt es prinzipiell eine größere Aufmerksamkeit für die psychische Belastung in der Arbeitswelt. „Die Menschen denken heute viel früher über psychische Erkrankungen nach und ob sie selbst Unterstützung brauchen.“ Unklar ist in der Wissenschaft, ob tatsächlich die Zahl der Erkrankungen gestiegen ist oder nur die Zahl der ärztlichen Diagnosen. Die höhere Aufmerksamkeit habe aber positive Folgen, denn dadurch würden Gespräche und damit auch Veränderungen möglich.

Es werde zu selten beachtet, dass es genügend gesetzliche Grundlagen gibt, um Verbesserungen in der Arbeitswelt durchzusetzen, sagte Gümbel. Sie würden nur nicht genügend durchgesetzt. Eine breite gesellschaftliche Diskussion über Arbeitsbelastung sei dringend notwendig.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen