Wenn Deutschland in Grabow spielt

Die Nationalflaggen  müssen akkurat ausgerichtet werden: Auf der Generalprobe  übten die  Kinder  der Sportgemeinschaft  Grabow/Ludwigslust gestern der Ablauf für das Länderspiel. Felix Alex
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Die Nationalflaggen müssen akkurat ausgerichtet werden: Auf der Generalprobe übten die Kinder der Sportgemeinschaft Grabow/Ludwigslust gestern der Ablauf für das Länderspiel. Felix Alex

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13. September 2012, 08:25 Uhr

Grabow | Die Gäste haben sich Eis gewünscht. Säckeweise. Am besten gewürfelt. Insgesamt 40 Kilogramm davon muss Matthias Belke heute um 16.30 Uhr ins Grabower Waldstadion liefern. So steht es im Vertrag. "Diese Menge bekommt man hier aber nicht ohne weiteres", sagt Belke. Geordert hat die kühle Fracht der Teammanager der deutschen U16-Nationalelf. Deutschlands Auswahl tritt heute in Grabow zum Länderspiel gegen die Ukraine an. "Und das Eis wird für die mobilen Regenerationsbecken benötigt", weiß Belke. Er ist einer der Fußballchefs bei der Sportgemeinschaft 03 Ludwigslust/Grabow und organisiert das Länderspiel mit.

Belke wird pünktlich liefern. Der Fußballchef hat gute Kontakte. Die Eiswürfel holt er sich vom örtlichen Fleischer. Was gut für die Wurstzubereitung ist, bringt auch müde Kickerbeine wieder in Schwung, die sonst für PSV Eindhoven, Bayern München, Bayer Leverkusen, oder den FC Arsenal London über den Rasen laufen.

Um 17 Uhr beginnt die Partie zwischen den Jungstars im ehrwürdigen Grabower Waldstadion: 60 Jahre alt, holzüberdachte Sitztribüne, 3000 Stehplätze, zwischen denen gelbe Blümchen sprießen und Papierkörbe aus rotem Gitterdraht stehen. Am Wochenende kickt auf der Anlage unter anderem die erste Herrenmannschaft des Vereins in der Landesliga.

Die Nationalteams werden auf "einem Platz in Topzustand mit komplett geschlossener Rasendecke spielen", versichert Fußballchef Björn Kasch und stampft zur Bestätigung mit dem Fuß ins dichte Grün. Der Platzwart habe in den vergangenen Wochen ausgezeichnete Arbeit geleistet. Auf drei Zentimeter hat er die Halme getrimmt. Ideal wären noch einige Millimeter weniger gewesen. Aber das schafft der Rasenmäher des Vereins nicht. "Dafür ist Spezialgerät nötig. Wir können nicht alle Wünsche erfüllen", sagt Fußballchef Kasch.

Und Wünsche hat der Deutsche Fußballbund an die Organisatoren von der Sportgemeinschaft viele gestellt. "Das ist alles generalstabsmäßig geplant. Aber auch vollkommen in Ordnung", sagt Kasch. Drei bis vier E-Mails täglich schicke ihnen der DFB mitunter. Die Liste mit den Aufgaben hat Vereinskollege Matthias Belke in seinem Tablet-PC abgespeichert. Ein Notarzt muss vor Ort sein, Sanitäter bereitstehen. 20 Sicherheitsleute sind gefordert. Zur Spieleröffnung muss der Verein 12 Fahnenträger bereitstellen. 24 Kinder werden am Mittelkreis postiert. Und 25 weitere Kinder, sogenannte Es cort-Kids, geleiten die Nationalspieler zum Anstoßpunkt. "Das kriegen wir hin. Wir haben eine gute Nachwuchsarbeit", ist Kasch zuversichtlich.

Anderthalb Stunden vor dem Anpfiff beginnt der sogenannte Countdown: ein minutengenaues Protokoll über jeden Schritt - vom Einlaufen bis zum Abspielen der Nationalhymnen. Die hat der Teammanager dem Verein bereits auf CD bereitgestellt. Die Flaggen bringt er auch mit. Zum Abspielen der Hymnen haben Kasch und Belke zusätzlich eine Sound-Anlage "mit richtig Bumms" besorgt. Die betagten, braunen Lautsprecher am Holzdach des Stadions "reichen zwar für die Landesliga. Für internationale Gäste brauchen wir etwas Ordentliches", findet Kasch. Das Protokoll sieht außerdem vor, dass die vereinseigene Werbung an den Spielfeldbanden während der Partie verschwindet und für das DFB-eigene Kamerateam eine Arbeitsplattform errichtet werden muss. "Das ist alles machbar", sagt Kasch. Gegängelt fühle er sich nicht. Man habe einen guten Draht zum DFB-Team.

Gerade einmal 14 bis 15 Jahre alt sind die Akteure auf dem Platz - die Partie ist aber bereits geplant "wie bei der A-Nationalmannschaft", sagt Fußballchef Kasch. So als ob Özil und Klose im Waldstadion auflaufen würden. Einziger Unterschied für Kasch: "Das organisieren dann Profis." Er ist hauptberuflich Vermessungsinge nieur. Sein Kollege Belke ist Mitinhaber eines Großhandelsunternehmens. Das Länderspiel organisieren sie nach Feierabend, in der Mittagspause und manchmal auch zwischendurch. Seit vier Wochen beschäftigen sie sich nahezu täglich bis zu fünf Stunden lang mit der Partie. "Das ist teilweise schon heftig. Aber es macht trotzdem Spaß", sagt Kasch.

Mit viel Engagement und "ein paar Kunstgriffen" stellen sie das Länderspiel auf die Beine. "Notfalls wird improvisiert", erklärt Matthias Belke. Die Toilettenwagen haben sie beispielsweise vom Schützenverein rangeholt. Die vorgeschriebenen 80 Meter Sicherheitszaun organisiert Belke "über den kleinen Dienstweg." Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr spielen Parkeinweiser. Die Rolle des Stadionsprechers übernimmt ein Spieler aus dem Altherren-Team. "Der kann bestimmt nicht schlafen", scherzt Kasch. Rund 80 Mann packen mit an, damit das Länderspiel im Waldstadion eine gelungene Veranstaltung wird.

Ein finanzielles Risiko besteht laut Belke und Kasch nicht. Die Auslagen für die Organisation bekommt der Verein erstattet. Zu einer "Supersache" wird das Spiel aus Sicht von Fußballchef Kasch, wenn 1000 Zuschauer ins Waldstadion kommen. Dann würde sich der Aufwand eventuell auch finanziell für den Verein lohnen. Die Einnahmen aus dem Verkauf von Würstchen und Cola dürfen die Veranstalter nämlich behalten. Zufrieden sind die Fußballchefs aber auch, wenn 500 bis 800 Fans die Teams anfeuern. Das Spiel ist als Geschenk des Landesfußballverbandes zum 60. Jubiläum des Stadions gedacht. "Ein Highlight für uns ", sagt Björn Kasch. Gut vorbereitet auf das Großereignis ist die Sportgemeinschaft jedenfalls. Der Rasen in Grabow wurde bereits im August von einer Delegation für länderspieltauglich befunden. Seit acht Tagen darf er nicht mehr betreten werden. "Da pass’ ich auf" , sagt Platzwart Schütz. Gestern hat er ihn noch einmal gewalzt. Damit der Ball gut läuft und sich die jugendlichen Fußballerbeine wohl fühlen. Notfalls liegen aber noch 40 Kilogramm Eis bereit.

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