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Demographischer Wandel : Wenn der Friedhof stirbt ...

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

An diesem Wochenende ist „Tag des Friedhofs“ - Weniger Einwohner, weniger Bestattungen – sind Ostdeutschlands Dorffriedhöfe in ihrer Existenz bedroht?

svz.de von
erstellt am 20.Sep.2014 | 15:45 Uhr

Schon von weitem strahlt dem Wanderer der weiße Kirchturm entgegen. Malerisch liegt das alte Gotteshaus in der Mitte von Lüdersdorf. Viele hundert Jahre schon ist es der Mittelpunkt des gerade einmal 250 Einwohner zählenden Dorfes ganz im Nordosten Brandenburgs. Und viele hundert Jahre schon begraben die Lüdersdorfer rund um das Kirchlein ihre Toten.

Eine Feldsteinmauer fasst den Friedhof ein, alte Grabsteine zeugen von den Ahnen. Mehrmals im Jahr kommen die Menschen aus dem Dorf, pflegen ihren Friedhof: Bäume werden beschnitten, Wege instand gesetzt. Doch hinten, ganz am Ende des Friedhofs, scheint die Natur allmählich die Oberhand zu gewinnen. „Wir nutzen im Grunde nur noch die Hälfte“, sagt Pfarrer Thomas Berg. „Hinten sind noch einige Gräber – aber wenn deren Ruhezeiten abgelaufen sind, werden wir wohl eine Hecke setzen, und hinten nichts mehr machen.“ Denn längst nicht in jedem Jahr finden in Lüdersdorf Bestattungen statt.

Für die Einwohner des Dorf ist das erfreulich. Für die Kirchengemeinde aber kann das problematisch werden: Denn der Friedhof verursacht Kosten – für Wasser, für Abfallentsorgung, für Versicherungen. Einnahmen aber erwirtschaftet er nur, wenn jemand stirbt, und die Angehörigen eine Grabstelle erwerben. „Das ist so lange kein Problem, so lange es Ehrenamtliche gibt, die den Rasen mähen, und sich darum kümmern, dass der Müll weggebracht wird“, sagt Berg.

Doch genau darin könnte in Zukunft ein Problem liegen: Denn Ostdeutschlands Dörfer werden kleiner. Die Uckermark im Nordosten Brandenburgs gilt ähnlich wie wie Prignitz nach internationalen statistischen Kriterien schon längst als unbewohnt. Und so, wie sich der Dorfladen und die Post schon vor Jahren aus den Dörfern verabschiedeten, die Feuerwehren Nachwuchsprobleme haben und so mancher Fußballclub aus Mangel an Spielern nicht mehr am Spielbetrieb teilnimmt, drohen nun sogar die Friedhöfe zu sterben.

„Wenn die Ehrenamtlichen nicht mehr da sind, müssen die Leistungen auf dem Friedhof von Firmen erbracht werden“, sagt der Friedhofsexperte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Arne Ziekow. „Und dann wird es bei manchem Friedhof eng.“ Denn wo Tote bestattet sind, kommen auch trauernde Angehörige. Und der Betreiber des Friedhofs hat die Verpflichtung, für deren Sicherheit zu sorgen: Es dürfen keine abgestorbenen Äste auf die Besucher fallen. Friedhofsmauern müssen stabil sein. „Wir müssen in einen Diskussionsprozess eintreten, wie viele Friedhöfe wir uns dauerhaft leisten können“, sagt Ziekow deshalb. Einige Kilometer nördlich von Lüdersdorf, in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Norddeutschlands, hat dieser Diskussionsprozess bereits begonnen. Denn allein in Mecklenburg-Vorpommern betreibt die Evangelische Kirche fast 1 000 kirchliche Friedhöfe.

Und die Situation ist wie in Brandenburg: Vor allem in kleineren Gemeinden werden die Friedhöfe immer weniger genutzt. Dazu kommen neue Trends im Bestattungswesen. Wurde früher jeder Dorfbewohner mit einer Erdbestattung auf dem Friedhof beigesetzt, gibt es heute auch Feuerbestattungen, Friedwälder und Seebestattungen, sagt Propst Wulf Schünemann. Was für die klassischen Dorffriedhöfe ebenfalls zu weniger Einnahmen führt.

Schünemann ist der Leiter einer Arbeitsgruppe, die von Kirchenkreis Mecklenburg zur Situation der Friedhöfe eingerichtet worden ist. Ihre Aufgabe: Zukunftskonzepte entwickeln. Wie können Friedhöfe gerettet werden? Denn klar ist auch in Mecklenburg-Vorpommern: „Einige Kirchengemeinden werden sich genötigt sehen, ihren Friedhof zu schließen. Oder ihn an die Kommune abzutreten.“

Schließlich ist der Friedhof auch ein Teil der Daseinsvorsorge. Immerhin bestehen in Deutschland Bestattungspflicht und Friedhofszwang: Verstorbene müssen beerdigt werden. Und das Grab im privaten Schrebergarten ist hierzulande illegal. Deswegen sind die Kommunen verpflichtet, Friedhöfe vorzuhalten. Sie müssen den Angehörigen eine Möglichkeit bieten, ihre Toten gesetzeskonform zu bestatten.

„Aber kommunale Friedhöfe stehen vor denselben Problemen wie kirchliche Friedhöfe“, sagt Karl-Ludwig Böttcher. Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds Brandenburg kennt zahlreiche Beispiele kommunaler Friedhöfe, bei denen die Einnahmen nicht mehr für den laufenden Betrieb ausreichen. Zumal bei kommunalen Totenäckern die Menschen oft weniger bereit seien, sich ehrenamtlich in der Pflege des Friedhofs zu engagieren.

„Grundsätzlich ist es so, dass Kommunen Friedhöfe betreiben müssen“, sagt Böttcher. Allerdings gibt es keine Richtlinien, wie viele Friedhöfe es pro Einwohner geben muss. Dass lässt Spielraum zur Zusammenarbeit. „Dort, wo es heute einen kommunalen und einen kirchlichen Friedhof gibt, wird man künftig vielleicht nur einen Friedhof betreiben, auf dem dann alle Bestattungen stattfinden“, sagt Böttcher.

In dünn besiedelten Regionen werde auch die Friedhofsdichte abnehmen: Nicht mehr in jedem Ort wird es Bestattungen geben. „Es ist gut möglich, dass sich die Nachbargemeinden zum Beispiel in einem Amt zusammenschließen, und dann gemeinsam einen Friedhof betreiben, der von allen beteiligten Dörfern aus erreichbar ist“, sagt Böttcher. „Klar ist: Dass es in jedem kleinen Dorf auch einen Friedhof gibt – diese Zeiten sind wohl endgültig vorbei.“

Der für Lüdersdorf zuständige Pfarrer Thomas Berger sieht die Zukunft der Friedhöfe dagegen etwas positiver. „Wichtig ist, dass es im Ort Menschen gibt, die sich für die Zukunft ihres Friedhofs interessieren.“ Ohnehin rede man beim Thema Friedhof ja über lange Zeiträume. „Wer heute ein Grab kauft, kann dort zwanzig Jahre unbehelligt ruhen – und wenn es eine Doppelgrabstelle ist, gilt das ja auch noch für den Partner.“ Nur dort, wo der Friedhof allmählich verwildere, weil sich die Jüngeren im Dorf nicht mehr zuständig fühlen, sei wirklich akute Gefahr im Verzug. In Lüdersdorf und den anderen Orten von Bergers Pfarrsprengel sei das „zum Glück“ noch nicht der Fall.

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