Gesundheit : Wenn der Doktor zum Patienten wird

Ärztekammer MV bietet Interventionsprogramm für suchtkranke Mediziner an.

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10. November 2015, 08:00 Uhr

Wochenend- und Schichtarbeit, viele Überstunden, hohe Arbeitsdichte, dazu die ständige Konfrontation mit Krankheit, Siechtum und Tod: Ärzte sind beruflich besonders gefordert. Ein Teil von ihnen weiß das – wie Menschen in anderen Berufen auch – nicht anders als durch den Konsum von Suchtmitteln zu kompensieren. Gesonderte Statistiken dazu gibt es zwar nicht. Legt man aber wie die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen zugrunde, dass mindestens je 3,4 Prozent der Gesamtbevölkerung medikamenten- bzw. alkoholabhängig sind, dann ergibt sich für die laut letzter Statistik über 7000 berufstätigen Ärztinnen und Ärzte im Land, dass jeweils mindestens 240 von einer dieser Süchte betroffen sind. Bekannt sind Zahlen aus den Jahren 2010 und 2011, wonach von den medikamentenabhängigen Patienten der AHG Klinik Schweriner See in Lübstorf rund die Hälfte aus medizinischen Berufen kam.

Die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommerns hat bereits Ende 2012 ein Interventionsprogramm für suchtkranke Mediziner aufgelegt und jetzt erstmals Zwischenbilanz gezogen. Danach sind der Kammer seit Aktivierung des Programms 14 Ärzte mit Suchtmittelproblemen bekannt geworden – durch Hinweise Dritter, aber auch durch eigene Meldung. Acht dieser Ärzte entschlossen sich, das Hilfsangebot anzunehmen, vier von ihnen durchlaufen es aktuell noch – mit positiver Prognose. Drei Ärzte haben das Programm inzwischen erfolgreich beendet, das heißt eine mindestens zehnwöchige stationäre Entwöhnungsbehandlung durchgestanden und über einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren unter ärztlicher Kontrolle abstinent gelebt. Eine Ärztin hat mehrere Rückfälle erlitten und das Programm abgebrochen. Daraufhin wurde ihr die Approbation entzogen, sie darf also nicht mehr als Ärztin tätig sein.

Hier genau liegt das besondere Spannungsfeld bei suchtkranken Medizinern: Im Interesse ihrer Patienten müsste ihnen bei Bekanntwerden ihrer Sucht sofort die Approbation entzogen werden. Solch ein „Berufsverbot“ aber würde sich negativ auf den Krankheitsverlauf auswirken. Durch das Interventionsprogramm, so konstatiert die Ärztekammer, ließe sich der Approbationsentzug vermeiden. Um noch mehr Ärzten den Zugang zu erleichtern, gebe es sowohl in der Kammer als auch in den einzelnen Regionen des Landes Ansprechpartner für das Programm.

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