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Krankheitsbild Mutismus : Wenn das Kind plötzlich verstummt

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Was steckt dahinter, wenn ein Kind plötzlich aufhört zu sprechen? Angst? Schüchternheit? Ist das Kind bockig? Oder kann es nicht mehr sprechen, ist es krank? Diese Fragen stellte sich eine Schweriner Mutter.

svz.de von
erstellt am 18.Mär.2012 | 06:34 Uhr

Schwerin | Was steckt dahinter, wenn ein Kind von einem Moment auf den anderen aufhört zu sprechen? Angst? Schüchternheit? Ist das Kind bockig? Oder kann es nicht mehr sprechen, ist es krank? Grit B. hat all diese Fragen x-mal durchgespielt, als ihr Sohn plötzlich aufhörte zu sprechen, wenn er nicht mehr mit ihr allein war. "Damals war er drei Jahre alt", erinnert sich die Schwerinerin. Bei den U-Untersuchungen im Vorschulalter notierte der Kinderarzt, der Junge sei extrem schüchtern, denn auf direkte Fragen - "Welche Farbe hat dieser Stift?" - antwortete das Kind nicht. Wurde er allerdings gefragt, ob dieser Stift blau ist, gab er durch Nicken oder Kopfschütteln die richtige Antwort. "Und als der Arzt einmal nach draußen ging, da sagte mein Sohn sogar zu mir: ,Aber das war doch gar kein rot, sondern rosa.", erinnert sich die Mutter.

Im Kindergarten, den der Junge damals besuchte, gab es immerhin noch einige wenige Kinder und Erzieherinnen, mit denen er sprach.

Grit B. konnte - und kann bis heute - keinen Auslöser dafür finden, dass ihr Kind immer mehr verstummte. Aber sie begann zu lesen, zu fragen, recherchierte im Internet - und stieß schließlich auf das Krankheitsbild Mutismus.

Diese "Sprechschüchternheit" ist eine psychische Erkrankung, der eine genetische Veranlagung zu Ängstlichkeit oder Gehemmtheit zugrunde liegen kann. Jüngere Forschungen zeigen zudem, dass bei betroffenen Kindern die Reizschwelle ihres Angstzentrums deutlich verringert ist. Bei extrem ängstlichen Menschen, also auch bei Mutisten, scheint dieses Angstzentrum viel heftiger zu reagieren, als eigentlich zum Selbstschutz nötig wäre - es suggeriert den Betroffenen eine Angstsituation, die eigentlich gar nicht existiert. Im Laufe der Zeit werden Kinder mit Mutismus stumm aufgrund des Unvermögens, mit dem beängstigenden Gefühl umzugehen, das entsteht, wenn sie sprechen sollen. Experten schätzen, dass mindestens sechs von 1000 Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter an der Erkrankung leiden.

Für Grit B. spitzte sich die Situation zu, als ihr Sohn im vergangenen Jahr eingeschult wurde: Egal, wie sehr ihn Mitschüler und Lehrerinnen auch aus der Reserve zu locken versuchen. Erst wenn er nachmittags abgeholt wird, fängt er an zu reden - ohne Punkt und Komma. "Er beobachtet sehr genau und kann mir sogar erzählen, wenn zwei Mädchen an einem Tag den gleichen Zopfgummi im Haar haben. Und er erzählt mir auch, was er gelernt hat, zeigt stolz seine Hefte und Belohnungsstempel." Nur: Unter Beweis stellen kann er das längst nicht alles. Leistungskontrolle im Lesen? Fehlanzeige. Lautes Vorrechnen? Unmöglich. "Aber er schreibt in Diktaten sehr viel richtig - obwohl er nicht, wie es andere Kinder seines Alters machen, das Wort ausspricht, um zum Beispiel zu hören, ob ein Buchstabe lang oder kurz gesprochen und also auch geschrieben wird." Doch wie soll es weitergehen? Was passiert in der zweiten Klasse, wenn es Zensuren gibt. Grit B. ist der Meinung, dass eine Sechs ihrem Sprössling nicht schadet - "er ist sehr ehrgeizig, vielleicht überwindet er dann doch seine Hemmungen und spricht auch in der Schule."

Rat für die Mutter und ihren kleinen Sohn ist im wahrsten Sinne teuer - und rar. Ihr früherer Kinderarzt kannte die Krankheit gar nicht, die jetzige hat auch erst durch die engagierte Mutter davon gehört. Weil sie in MV weder einen Psychologen/Therapeuten noch einen Logopäden finden konnte, der sich mit dem Krankheitsbild auskennt, fahren Mutter und Sohn nun wöchentlich zu einer Therapeutin nach Oldenburg - auf eigene Kosten, weil die Krankenkasse für die Fahrt nicht zahlt. "Trotzdem ziehen wir das jetzt durch", sagt Grit B., "ein Jahr oder auch zwei, so lange es eben nötig sein wird". Einen ersten Teilerfolg gab es immerhin schon: Mit der Therapeutin spricht der Junge. Das tut er sonst momentan nur mit den Eltern, eingeschränkt auch mit den Großeltern und einigen wenigen Freunden der Familie.

Grit B. würde sich darüber gerne mit anderen Eltern austauschen - deshalb wagt sie jetzt den Schritt in die Öffentlichkeit. Am Dienstag um 17 Uhr lädt sie Interessierte, die in einer Selbsthilfegruppe mitarbeiten möchten, in die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS, Spieltordamm 9) ein. Allen, denen der Weg nach Schwerin zu weit sein sollte, bietet sie auch einen Austausch per Mail an (info@kiss-sn.de).


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