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Mecklenburg-Vorpommern

24. Oktober 2017 | 13:41 Uhr

Wenn Ängste in der Seele bohren

vom

svz.de von
erstellt am 15.Okt.2012 | 12:04 Uhr

Jeder Vierte in unserem Land leidet an einer Angststörung. Mit Professor Dr. Alfons Hamm sprach Matthias Lanin über Phobien und Schlangen, über Goethe und Prüfungsangst. Hamm hat in Greifswald den Lehrstuhl für "Physiologische und Klinische Psychologie" inne.

Was ist Angst?

Hamm: Es gibt zwei Formen. Die erste ist eine panikartige, eine existenzielle Todesangst mit der Befürchtung, dass man die nächste Minute nicht überleben wird. Einige werden die Erfahrung kennen, der Körper schaltet dann auf Notfall um und das ganze System ist auf Flucht getrimmt. Die zweite Form ist die Erwartungsangst, die Angst vor der Gefahr, die kommen könnte oder auch nicht, eine Angst, die Sie auch Sorgen nennen können.

Sorgen sind eine Krankheit?

Nein. Die Erwartungsangst bedeutet nur, dass man sich vor möglichen Dingen fürchtet, auch wenn diese nie eintreten könnten. Klinisch relevant werden diese Ängste erst, wenn sie den Menschen im Leben behindern, wenn sie störend werden. Bei vielen Tierphobien kommen die Leute gut klar, weil sie auf exotische Tiere wie Schlangen reagieren, die hier selten vorkommen.

Und Spinnen?

Knapp 80 Prozent aller Frauen haben Spinnenangst. Für mich eine verschleppte Angst aus Kindertagen, die nicht überwunden wurde, weil sie nicht überwunden werden musste. Wir Jungs konnten uns das in der Kindheit nicht leisten und mussten damals schon für unsere Mütter die Spinnen wegmachen.

Was passiert im Gehirn, wenn man Angst hat?

Die Schaltkreise sind inzwischen ganz gut bekannt. Ein wichtiger Teil - die Amygdala - befindet sich tief unter der Großhirnrinde und signalisiert bei Gefahrenreizen dem Rest des Gehirns: "Achtung, Gefahr im Verzug". Die zweite wichtige Struktur ist die Insel, der insuläre Kortex. Diese Struktur erfasst, was in unserem Körper los ist. Beides zusammen, Körperreaktionen und Situation werden dann im Frontalhirn zu einem erlebten Gefühl verarbeitet.

Und wie bekommt man eine Angststörung?

Wir gehen heute von vier verschiedenen Möglichkeiten aus. Sie können zum Beispiel eine negative Erfahrung gemacht haben, wie mein eigener Sohn. Als der kaum laufen konnte, hat ihn ein kleiner Hund umgerannt und die Angst vor Hunden spürt er heute im Alter von 23 Jahren immer noch.

Aber an den Hundeschubser kann er sich nicht erinnern?

Nein, aber der Mensch speichert solche Erfahrungen ab wie den ersten Kuss, den Sie auch niemals vergessen werden. Den zweiten Weg nenne ich Modelllernen. Dabei hat Ihnen in Ihrer Kindheit eine Bezugsperson signalisiert, dieses oder jenes Objekt sei gefährlich. So werden oft Spinnenängste von den Eltern übernommen. Der dritte Weg ist Information. Nach dem elften September 2001 sank die Buchungsrate für Flugreisen um 30 Prozent, obwohl die Leute alle selbst keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Sie bekommen zum Beispiel eine Karte von einem Freund, der einen Herzinfarkt hatte und spüren etwas in der Brust, das sie ohne diese Information nicht beängstigen würde. Der vierte Weg zur Angst ist, wie wir mit unseren Ängsten umgehen.

Unsere Gesellschaft macht uns ängstlich?

Naja, eher wie wir in ihr aufwachsen. Eine Studie in Neuseeland hat gezeigt, dass nicht die Menschen Höhenangst haben, die am häufigsten von Bäumen gefallen sind. Sondern diejenigen, die niemals auf einem Baum waren. Unsere Kinder klettern weniger, haben weniger Tierkontakt und müssen nicht wegen tiefer Gewässer aufpassen. Das macht ängstlich, weil man sich den Kindesängsten nicht stellen muss.

Welche Therapieformen gibt es für Angststörungen?

Die übliche für eine spezifische Phobie, also mit einem klaren Auslöser wie Spinnen oder Höhe, ist die Konfrontation. Nach drei Stunden sind die meisten Patienten angstfrei.

Nach drei Stunden?

Ja. Schon Goethe hat sich vor seiner Italienreise so selbst therapiert. Er wollte bei der Reise die Dächer der Kathedralen von Nahem sehen und wusste um seine Höhenangst. Er fing an, bei den Zimmerleuten in die Lehre zu gehen, und war nach drei Stunden auf den hohen Gerüsten geheilt. Ein Dachdecker hat keine Höhenangst, das können Sie mir glauben.

Jeder Vierte in unserem Land leidet an einer Angststörung. Mit Professor Dr. Alfons Hamm sprach Matthias Lanin über Phobien und Schlangen, über Goethe und Prüfungsangst. Hamm hat in Greifswald den Lehrstuhl für "Physiologische und Klinische Psychologie" inne.
Und Prüfungsangst?

Das wäre eine soziale Angst, die am schwersten zu therapieren ist, vor allem wenn sie chronisch ist. Wir brauchen in der Regel in der ambulanten Therapie knapp neun Monate, damit die Patienten diese Formen der Angststörung los sind.

Hatten Sie selbst einmal eine Angststörung?

Ja, ich hatte Angst vor Schlangen.

Die ja auch wirklich lebensgefährlich sein können.

Aber nicht sein müssen. Es gibt welche, die man anfassen kann, und das kann ich jetzt auch wieder.

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