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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 10:00 Uhr

Pur in Rostock : Weniger Ego, mehr Respekt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

„Achtung“ – Pur spielt heute live in Rostock . Sänger Hartmut Engler über Liebeskummer, Fremdenhass und seine Mutter

Er wird von vielen geliebt und von manchen belächelt: Hartmut Engler. Der Sänger und Songschreiber machte Pur von einer Schülerband in Bietigheim-Bissingen zu einer der erfolgreichsten Pop-Gruppen in Deutschland. In dem Pur-Album „Achtung“ fordert er mehr gegenseitigen Respekt und setzt ein Zeichen gegen Fremdenhass. Vor dem Konzert heute in Rostock sprach Olaf Neumann mit Engler, 54, über das Flüchtlingsdrama, Freundschaftsdienste für Toni Kroos und seine Mutter.

In „Vermiss Dich“ singen Sie von Liebeskummer und Herzschmerz. Privat scheinen Sie derzeit eher glücklich zu sein. Was gab Anlass, ausgerechnet jetzt über Liebeskummer zu singen?

Das Lied wollte diese Geschichte! Ich kann vergangene Situationen jederzeit wieder aus meiner Erinnerung hervorholen. In dem Song gibt es kleine Hinweise wie „Der Mann im weißen Zimmer“ auf speziellere Situationen. Das erinnert an den Klinikaufenthalt nach meinem Zusammenbruch und eine tragisch zu Ende gegangene Liebesbeziehung. Zum Glück liegt das schon weit zurück. Man kann das alles in meiner Autobiografie nachlesen. Was für mich heute noch zählt, ist der letzte Satz: „Ich vergess dich nie so ganz“. Das ist eine schöne Erinnerung an eine ziemlich harte Zeit. Das Liebeslied, das meine derzeitige Situation wiedergibt, heißt „Gemeinsam“.

An anderer Stelle besingen Sie den respektvollen Umgang miteinander. Gab es ein Ereignis, das Sie zum Stück „Achtung“ angeregt hat?

Mir ist Respekt im Umgang mit anderen Leuten sehr wichtig. Ich habe im Lauf der Jahre festgestellt, dass der Respekt gesamtgesellschaftlich betrachtet immer kleiner wird, insbesondere der Umgang miteinander im Internet. Sprich: Mobbing und Shitstorms. Kinder wachsen heute nicht mehr so vordergründig mit den Begriffen Achtung und Respekt auf.

Haben Sie auch Respekt vor Ihrem Freund Toni Kroos, der eine Kinderhospiz-Stiftung ins Leben gerufen hat?

 Ich habe Hochachtung und größten Respekt, dass jemand als junger Familienvater von 25 Jahren so schnell für sich erkennt, dass man ein sozialer Mensch sein sollte, wenn es einem selbst so gut geht. Toni hat mich gefragt wegen eines Songs für seine Stiftung. Ich habe dann einfach das Lied „Achtung“ umgeschrieben und einen Kinderchor dazu geholt. Jetzt ist es ein kindgerechter Stiftungssong geworden. Und der Erlös dieses Liedes fließt in die Stiftung.

Der Song „Anni“ ist Ihrer Mutter gewidmet, die vergangenes Jahr 90 Jahre alt geworden ist. Welche Bedeutung hat der Song für Sie?

Ich hatte das Gefühl, der „Tango“ braucht einen zweiten Teil, in dem ich auf die Kindheit meiner Mutter eingehe und das Happy End eines runden Geburtstags noch dazu nehme. Im Prinzip müsste man die zwei Songs gemeinsam live performen, denn sie erzählen 90 Jahre deutsche Geschichte aus der Sicht einer alten Dame.

Haben Sie immer auf Ihre Mutter gehört?

Nein, sonst wäre ich nicht Musiker geworden. Ich habe Englisch und Deutsch für Lehramt studiert, der Knackpunkt kam, als ich 1987 vor dem Staatsexamen den unterschriftsreifen Schallplattenvertrag auf dem Tisch liegen hatte. Ich habe ihn unterschrieben und bin von diesem Tag an nie wieder an die Uni gegangen. Das hat das Prinzip meiner Eltern, die immer hart arbeiteten, damit es ihre Kinder einmal besser haben, ad absurdum geführt. Es war für sie schwer zu verdauen. Sie mussten ein paar Jahre mit den Zweifeln an mir leben. 1992 erfolgte dann unser großer Durchbruch. Irgendwann zeigte ich ihnen auch mal, wie viel Geld wirklich auf meinem Konto ist und dann waren sie sehr beruhigt.

In „Lichter aus“ thematisieren Sie das Verdrängen des schlechten Gewissens. Eine Anspielung auf die Flüchtlingskrise?

Natürlich, aber im Moment können wir dieses Problem nicht mehr verdrängen. Es gibt hier eine exklusive Gesellschaft, die meint, ihr Wohlstand sei verdient und die, die nicht zur Party eingeladen sind, sollen schön draußen bleiben. Damit man mit dieser Sichtweise kein schlechtes Gewissen bekommt, schießt man sich die Lichter aus und feiert das Vergessen. Diesen Text habe ich vor über einem Jahr geschrieben; ich hätte nie gedacht, dass er jetzt so aktuell sein könnte.

Wie kann man Ressentiments gegen Flüchtlinge gerade bei jungen Menschen abbauen?

Zuerst einmal entstehen sie aus mangelnder Achtung und Respekt vor dem anderen. Das ist verheerend. In meinem Fall war es nicht schwer, anders zu empfinden, denn meine Eltern waren Flüchtlinge. Sie wurden aufgenommen, sonst gäbe es mich nicht. Wie kann ich also etwas gegen Flüchtlinge haben. Genauso kennen meine Kinder diese Geschichte.


 

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