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Greifswald : „Wendelstein 7-X“ vor dem Start

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Forscher wollen nach dem Modell der Sonne Energie aus der Verschmelzung von Atomkernen gewinnen

Naturwissenschaftlern – vor allem Physikern – wird ein eher rationales und nüchternes Verhältnis zu ihrem Forschungsgegenstand nachgesagt. Doch Thomas Klinger, Direktor am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Greifswald, hat zur „Maschine“, wie er das Kernfusionsexperiment „Wendelstein 7-X“ nennt, inzwischen eine väterlich-emotionale Beziehung – „wie bei einem kleinen Kind, das seine ersten Schritte macht“.

Der 49-Jährige steht unter Spannung, wippt auf den Zehenspitzen. Nicht ohne Grund: Seit 1996 wurde in Greifswald am Fusionsexperiment geplant und gebaut. Mit sieben Jahren Verspätung geht der „Wendelstein“ nun in die Vorbetriebsphase. Am 20. Mai wird Forschungsministerin Johanna Wanka (CDU) gemeinsam mit EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) und Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) dafür den Startschuss geben. Mit den Experimenten soll 2015 begonnen werden.

Was die Physiker mit Hilfe von Mitteln des Bundes, der EU und des Landes in Greifswald geleistet haben, ist technologisches Neuland. In einem ringförmigen Magnetfeld – gebildet von 70 supraleitenden Magnetspulen – wollen sie ein bis zu 100 Millionen Grad heißes Plasma erzeugen. Voraussetzung dafür, dass sich später Atomkerne ähnlich den Prozessen auf der Sonne verschmelzen können und große Energiemengen freigeben. Eine Fusion selbst ist in Greifswald nicht geplant, sondern es soll lediglich das Verhalten des Plasmas unter Hochtemperatur erforscht werden.

Seit der Diskussion um die Kostenexplosion und Bauverzögerungen des internationalen Fusionsreaktors ITER im französischen Cadarache stand auch das Kernfusionsexperiment „Wendelstein 7-X“ in der Kritik. Die Gesamtkosten für das Greifswalder Fusionsexperiment haben sich wegen der längeren Bauzeit von rund 500 Millionen auf über eine Milliarde Euro mehr als verdoppelt. Die Baukosten schlugen allein mit 370 Millionen Euro zu Buche. Zuletzt zweifelten Grüne und Umweltverbände an der Strahlensicherheit des Hallenbetons und forderten einen Projekt-Stopp für „Wendelstein 7-X“. Der TÜV Süd hat die Zweifel in einem Gutachten ausgeräumt. Jetzt gab das Landesamt für Gesundheit und Soziales bekannt, bei der Entscheidung über die Betriebsgenehmigung für das Kernfusionsexperiment auf externen Sachverstand zurückzugreifen. Wie die Behörde mitteilte, sind die knapp 1200 Seiten umfassenden Antragsunterlagen auf die Einhaltung der gesetzlichen Strahlenschutzvorschriften zu prüfen. Die Prüfung werde mehrere Monate dauern.

Derzeit werden im Inneren des 725 Tonnen schweren Plasmagefäßes Hitzeschilde montiert. Mitte 2015 soll das erste Plasma durch den von Luft evakuierten 16-Meter-Magnetring fließen.

„Wendelstein 7-X“ ist die weltweit größte Fusionstestanlage vom Typ „Stellarator“. „Wir haben eine Pfadfinder-Funktion“, sagt Klinger. Die Forscher wollen beweisen, dass ein Fusionsreaktor vom Typ „Stellarator“ mindestens genauso leistungsfähig ist wie die Parallelentwicklung – der „Tokamak“. Dieser Reaktortyp, der bislang nur einen gepulsten Betrieb erlaubt, entsteht in Cadarache. Der „Stellarator“ aber soll einen Vorteil bieten: den Langzeitbetrieb mit kontinuierlicher Energiegewinnung.

„Wendelstein 7-X“ gilt als Schlüsselexperiment. Doch Umweltverbände und Grüne halten die Fusionsforschung für ein Milliardengrab. Sie komme zu spät, sei zu teuer sowie riskant und behindere eine wirkliche Energiewende.

„Die Kernfusion ist die einzige wirklich neue Primärenergiequelle“, argumentiert Klinger. Angesichts der Endlichkeit von Kohle, Erdgas und Öl sei die Fusion als Ergänzung zu den erneuerbaren Energien eine Grundlast-Alternative zu den fossilen Energieträgern.


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