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Flusskreuzfahrer wegen Streiks im Stress : Welcher Urlauber macht das lange mit?

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Normalerweise bringt die Kapitäne der Flusskreuzfahrer so schnell nichts aus der Ruhe. Aber wegen der Streiks an den Schleusen im Nordosten drohen ständig Zwangsstopps und Programmänderungen.

svz.de von
erstellt am 22.Aug.2013 | 06:22 Uhr

Röbel/Berlin | Leise brummt der Schiffsdieselmotor unter Deck. Bob Bel dreht das Steuerrad langsam, und sanft gleitet die blau-weiße "Gretha van Holland" aus dem Hafen von Röbel auf die Müritz. Mit 16 Rad-Urlaubern an Bord steuert der Niederländer das fast 40 Meter lange Kreuzfahrtschiff über die Mecklenburgische Seenplatte bis zur Havel. "Das läuft alles ganz gut, wenn nur die Streiks nicht wären", sagt Bel. Mehrfach haben die beiden Schiffe des 58-Jährigen in dieser Saison schon ihre Routen ändern müssen, um nicht festzuliegen. "Wenn es wirklich zu einem Generalstreik bei der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes kommt, wäre es für uns eine Katastrophe", sagt der erfahrene Skipper.

"Wir würden pro Tag 3000 Euro einbüßen"

Derzeit laufen die von der Gewerkschaft Verdi initiierten Streiks in Niedersachsen, Bremen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und im Saarland. Die Dachverbände der Kreuzfahrer haben mehrfach ein Ende der Arbeitsniederlegungen an Schleusen gefordert. Mit den Streiks will die Gewerkschaft Verdi einen Tarifvertrag für die rund 12 000 WSV-Mitarbeiter im Streit um geplante Umstrukturierungen erreichen.

Bel ist nicht der Einzige, der Angst vor weiteren Streiks hat: "Wir würden pro Tag 3000 Euro einbüßen, wenn wir irgendwo festliegen." Die Geschäftsführer der Reederei Pickran aus Malchow an der Seenplatte, die auch Flusskreuzfahrten von Waren über Berlin bis Dresden anbieten, hoffen ebenfalls auf ein Ende der Streiks. Seit Juli wurden die Wasserstraßen nördlich und südlich von Berlin mehrfach blockiert. Die Malchower wollen im September ihre Touren wieder starten.

Seit 2001 fahren Bels Schiffe für einen Veranstalter aus Nordrhein-Westfalen auf der Mecklenburgischen Seenplatte, zwischen Berlin und Schwerin. Neuerdings auch in Berlin - und von dort in den Spreewald. Die Touren werden zu 95 Prozent von Deutschen gebucht, "etwa die Hälfte aus dem Osten und die Hälfte aus dem Westen", sagt er. Wenn die Schiffe nicht über die idyllischen Wasserstraßen schippern, sind die Urlauber per Rad unterwegs.

In dieser Saison sind das Handy und Internet für den Niederländer wichtiger denn je. "Ich habe gerade angerufen, ob die Schleusenwärter in Mirow demnächst wieder streiken, dann müssten wir einen Tag eher nach Norden fahren", sagt Bel. Er glaube nicht, dass der Gewerkschaft Verdi und dem Bundesverkehrsministerium bewusst ist, wie kompliziert die Lage für Flusskreuzfahrer sei. So müsse die Branche seit 2012 eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 7 auf 19 Prozent verkraften; zudem stehe sie mit Wochenpreisen von rund 800 Euro in einem harten Wettbewerb zu Pauschalreiseanbietern. Der erfahrene Seemann bleibt trotzdem ruhig. "Ich war Techniker, Musiker und Coach, bevor ich Kapitän wurde", erzählt er. Fast 20 Jahre fuhr er mit einem Plattbodenschiff in seiner Heimat Gäste herum. Auch dort kamen die meisten Passagiere aus Deutschland. "Aber als ich 2001 nach Berlin, Brandenburg und Mecklenburg kam, war das landschaftlich eine Entdeckung", erklärt Bel. Berlin spiele mit seiner einzigartigen Geschichte der Teilung nun touristisch in einer Liga wie Barcelona, London oder Paris.

Bels "Gretha van Holland" gehört mit 40 Metern zu den größten Flusskreuzfahrern im Nordosten. Länger können die Schiffe wegen der Schleusen nicht sein. Das Schiff war 1950 in den Niederlanden für eine bekannte Unternehmerfamilie gebaut worden, die damit auf dem Mittelmeer schipperte. "Als ich es 2001 übernahm, musste viel repariert werden", so Bel. In Hohlräumen habe er noch Cognacfässer gefunden - wohl von früheren Schmuggelfahrten.

Sollten weder Gewerkschaft noch Bundesministerium für Verkehr ein Einsehen haben, müsse er wohl Angela Merkel, die gerade zu einer Wahlveranstaltung an der Seenplatte war, mal einladen. "Dann fahren wir über die Müritz bis zur Schleuse Mirow, dann weiß die Kanzlerin, wie wichtig die Schleusen sind und spricht vielleicht ein Machtwort."

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