Weiter Weg: 50 Jahre bis zur Ost-West-Angleichung

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05. Oktober 2011, 09:44 Uhr

Schwerin | Das hatte kaum einer glauben wollen: Mit einer Arbeitslosigkeit von 30 Prozent müsse man rechnen, prophezeite Karl Brenke im Frühjahr 1990. "Damals wollte davon kaum einer etwas wissen", erinnert sich der Ost-Experte des Deutsches Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Die Entwicklung gab ihm recht. Seine Prognose ist in einigen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns längst Realität. Einer der größten Fehler: "Den Menschen wurden zu große Illusionen gemacht", sagt der Volkswirt zwei Jahrzehnte später. "Die Erwartungen waren überzogen." Dass die tragenden Wirtschaftssäulen in den neuen Ländern derart zusammenbrechen würden, hatten viele nicht für möglich gehalten. Und doch gab es keine Alternative, glaubt der Wirtschaftsexperte - zu Währungsunion, Treuhand, Privatisierung...

Konzerne machen um Osten einen Bogen

Zwei Jahrzehnte Aufbau Ost: Die Lage in den neuen Ländern scheint inzwischen besser als der Ruf. "Es geht voran", meint Prof. Udo Ludwig, Ostdeutschland-Experte des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Eine topmoderne Infrastruktur, eine einigermaßen tragfähige Wirtschaftsstruktur mit einer neuen Industrie - "es ist viel erreicht", glaubt auch Brenke: "Von Deindustrialisierung kann man nicht mehr reden." Teurer Aufbau: Rund 25 Milliarden Euro hat allein der Bund in den vergangenen 20 Jahren mit den Förderprogrammen der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur in die neuen Länder gepumpt, geht aus dem Bericht zum Stand der Deutschen Einheit 2010 hervor - dazu gab es Geld aus Brüssel und den Ländern.

Nur: Die Unterschiede sind geblieben - Defizite vor allem in MV. Die mitteldeutschen Länder hätten den größten Sprung gemacht, schätzt Ludwig ein - auch Brandenburg. "Mecklenburg-Vorpommern aber liegt weit zurück." Schlusslicht beim Bruttoinlandsprodukt, bei den Löhnen, bei den Einkommen: Der Norden ist am weitesten zurück, so Ludwig. Forscherzwist: Für DIW-Experten Brenke sind hingegen weniger die "relativ kleinen Unterschiede zwischen den Bundesländern" als vielmehr die zwischen starken und schwachen Regionen entscheidend. Potsdam und die Uckermark, Dresden und Zittau, Schwerin, die Küstenregion und Vorpommern - dazwischen liegen zum Teil Welten.

Das überrascht kaum: Während in Sachsen, Thüringen oder auch Sachsen-Anhalt die Industrie Fortschritte mache, Thüringen inzwischen den gleichen Industriegrad wie im Durchschnitt des Westens erreicht habe, bleibe MV ein Agrarstandort, sagt Ludwig. "Das wird auch eine längere Zeit noch so bleiben." Ein agrarisch strukturiertes Tourismusland: "Das schafft zwar Arbeitsplätze und Einkommen, aber nicht so hohe wie in der Industrie", erklärt der Experte. Aber: Der Osten leide generell unter einer Strukturschwäche, die "wie eine Bremse wirkt" - kleinteilige Betriebsstrukturen, fehlende Großunternehmen, wenige kapitalkräftige Globalplayer, kaum Firmenzentralen. So waren 2008 einer DIW-Analyse zufolge von den 700 größten Unternehmen in Deutschland lediglich fünf Prozent in den neuen Ländern ansässig. "Das hemmt die Entwicklung", sagt Ludwig.

Verloren gibt er Mecklenburg-Vorpommern aber nicht: Das Land sei nicht "verdammt, ewig nur der Tourismusstandort zu bleiben". Regenerative Energien, neue Technologien: Das Land müsse auf diesen Entwicklungspfad einschwenken, empfiehlt der Wissenschaftler. "Da hat das Land eine Chance."

Und doch hat der Norden bei der Aufholjagd bereits Boden gut gemacht. MV ist nicht mehr überall Schlusslicht im Länder-Vergleich. Produktivität und Arbeitslosigkeit - da ist das Land die rote Laterne los. Auch beim Schuldenabbau gibt MV mit den Ton ab - "eine tolle Leistung", sagt Ludwig. "Mecklenburg-Vorpommern ist kein Land, in dem sich die Füchse gute Nacht sagen."

Starkes Lohngefälle

Aufschwung hin oder her: Die gefühlte Unzufriedenheit bleibt dennoch. Kein Wunder: Trotz der Milliardenförderung bekommen die neuen Länder die Arbeitslosigkeit nur zögerlich in den Griff. Zwar sorgt die Konjunktur für tausendfachen Stellenzuwachs. Vor allem aber wird der Arbeitsmarkt durch die demographische Entwicklung entlastet. So sinkt in MV monatlich die Zahl der erwerbsfähigen Frauen und Männer um 1200. Doch auch selbst die, die einen Job haben, fühlen sich als Deutsche zweiter Klasse. Der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zufolge gibt es bei den Bruttolöhnen auch zwei Jahrzehnte nach der deutschen Einheit zwischen Ost und West ein 17prozentiges Gefälle. Zwar hätten sich die tariflichen Grundvergütungen im Osten auf 96 Prozent des Westniveaus angenähert. Weit größer sei aber der Einkommensrückstand bei nicht tariflich bezahlten Arbeitnehmern - dem Großteil in MV. Während in den neuen Ländern nur für zwei von fünf Beschäftigten Branchentarife gelten, liegt der Anteil in Ostmecklenburg und Vorpommern noch darunter. Weniger als 30 Prozent, rechnen die Gewerkschaften.

Änderungen sind kaum in Sicht: An die Leistungskraft des Westens wird der Osten so schnell nicht heranreichen. Bislang hat das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner gerade etwas mehr als 70 Prozent des Westniveaus erreicht. Banker gehen indes davon aus, dass selbst wenn sich die neuen Länder weiter so gut entwickeln würden wie in den vergangenen Jahren, der Osten 2025 noch nicht einmal 80 Prozent des Westniveaus erreicht hätten. "Mit den Wachstumsraten der letzten Jahre wird sich der Abstand zwischen Ost und West nicht verringern", ist der 68-jährige Ludwig überzeugt.

Der Weg ist noch weit: 40 bis 50 Jahre werde es dauern, bis der Osten zum Westen aufgeschlossen hat, schätzt Wirtschaftsforscher Ludwig. Der Ost-Experte setzt allerdings neue Maßstäbe: Weniger der Ost-West-Vergleich als der zwischen vergleichbaren Regionen müsse künftig herangezogen werden. Und da wird MV im Wettstreit mit dem vergleichbaren Schleswig-Holstein weit mehr aufholen.

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