Rostock : Weit oben in einer Männerdomäne

Prof. Dr. Ing. Alke  Martens lehrt    an der Rostocker Universität  Praktische  Informatik.
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Prof. Dr. Ing. Alke Martens lehrt an der Rostocker Universität Praktische Informatik.

Prof. Dr. Ing. Alke Martens ist Lehrstuhlinhaberin, Ehefrau, Mutter – und immer noch nicht dort angekommen, wo sie einmal hinwill

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07. März 2014, 16:56 Uhr

„Professor Martens? Praktische Informatik?“ Auf den Fluren des Konrad-Zuse-Hauses, dem Institut für Informatik der Universität Rostock, herrscht Ratlosigkeit. „Praktische Informatik? Gibt es denn das überhaupt?“, fragt ein Student, bevor er feixend weiterschlendert.

„Tut mir leid, ich bin noch nicht so lange wieder hier“, entschuldigt sich Alke Martens wenig später. Denn natürlich gibt es Praktische Informatik – seit August hat die 43-Jährige den entsprechenden Lehrstuhl inne. Ihr Arbeitsschwerpunkt, so erklärt Alke Martens, seien computerbasierte Lehr- und Lernsysteme. „Wir untersuchen, wie Computer in die Lehre integriert und wie Lehrinhalte computerbasiert aufbereitet und angeboten werden können. Es geht darum, das individualisierte Lernen am Computer zu optimieren. Und natürlich beschäftigen wir uns auch mit den zugrundeliegenden Softwaresystemen.“

Bei Alke Martens – Frau Prof. Dr. Ing. – klingt das ganz einfach und verständlich. Dass Informatik nach wie vor eine Männerdomäne ist, mag man einen Moment lang gar nicht glauben. Auch Alke Martens versteht das nicht so recht: „Kommunikation und Medien sind doch eigentlich das Frauenthema schlechthin.“ Tatsächlich aber sei die ohnehin schon niedrige Zahl der Frauen unter den Informatik-Studierenden in letzter Zeit sogar noch weiter zurückgegangen.

Sie selbst sei mehr durch Zufall zu dem Fach gekommen – „weil ich nicht wusste, was das ist“, erzählt sie lachend. Ihr Vater, Akademischer Direktor für Psychologie an der Universität Hildesheim, hätte Informatik mit dem Nebenfach Medizin ins Gespräch gebracht. „Nach einem Jahr hatte ich alle Scheine in Medizin und noch keinen in Informatik“, erinnert sie sich. Aber dann habe sie sich reingekniet und sei bis heute von der Materie fasziniert. „Wenn man einfach etwas anfängt und vorurteilsfrei ist, dann kann man auch nicht enttäuscht werden.“

Dass sie danach die wissenschaftliche Laufbahn einschlug, sei ihr quasi in die Wiege gelegt worden. „Ich bin ja durch meine Eltern in der Uni groß geworden, in der Mensa war ich, glaub ich, schon mit zwei Jahren zum ersten Mal.“

Nach dem Diplom und nach wissenschaftlichen Tätigkeiten in Hannover und Ulm ging Alke Martens für ihre Promotion nach Rostock. Hier wurde sie zur Juniorprofessorin für „eLearning und kognitive Systeme“ berufen. Doch eine Juniorprofessur ist ein Ruf auf Zeit, zum Sommersemester 2011 stand deshalb der nächste Ortswechsel an: An der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd übernahm Alke Martens die Abteilung für Informatik und wurde kurz darauf sogar zur Prorektorin für Forschung und internationale Beziehungen. Doch die Professorin und ihr Mann wurden in dieser Zeit zum zweiten Mal Eltern – Zeit, sesshaft zu werden, möglichst da, wo Ganztags-Kinderbetreuung garantiert ist. Da passte es, dass die Rostocker Universität sie zum Sommersemester 2013 auf eine vollwertige Professur zurückrief.

„Ich kann nicht sagen, dass ich mich an irgendeinem Punkt ganz bewusst dafür entschieden habe, Karriere zu machen“, sagt Alke Martens. Wenn man forschen, wenn man wissenschaftlich arbeiten wolle, sei das eigentlich unumgänglich. Aber natürlich brauche man die richtigen Rahmenbedingungen, um voranzukommen: „Ein großes Maß an Flexibilität, Netzwerke und eine gehörige Portion Glück“, zählt Alke Martens auf.

In gewissem Sinne gilt das auch für die Partnerschaft: Zehn Jahre lang haben Alke Martens und ihr Mann eine Wochenendbeziehung geführt, pendelten , bis die Tochter geboren wurde, abwechselnd zwischen Ulm und Rostock.

Inzwischen ist die Kleine 7 und geht in Warnemünde zur Schule. Ihr Bruder, 16 Monate alt, meistert gerade die Eingewöhnung in die Kita. Alke Martens Ehemann hat für die Karriere seiner Frau die feste Stelle in Ulm aufgegeben und arbeitet jetzt in einem Projekt abwechselnd in Rostock und in Süddeutschland. So kann er jetzt in jeder zweiten Woche die Kinderbetreuung übernehmen.

Familie und berufliches Vorankommen lassen sich also unter einen Hut bringen – „auch wenn man dafür immer einen Preis zahlen muss“, sagt Alke Martens. Ihr Preis ist im Moment ihre Freizeit, die Zeit, die sie eigentlich gerne nutzen würde, um ihrem ersten Fantasyroman „AnWel“ einen zweiten folgen zu lassen. Aber bis die Kinder flügge sind, muss das zurückstehen, so wie ein Stück weit auch das berufliche Weiterkommen. Denn auch wenn sie auf der Karriereleiter schon ziemlich weit oben steht, kann Alke Martens sich doch gut vorstellen, noch weiter hinaufzuklettern: „Ich hab je hier nur eine W2-Professur, W3 wäre also noch drin. Und ich könnte mir auch vorstellen, mich hochschulpolitisch noch mehr zu engagieren.…“

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