Weglachen für Anfänger

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27. Januar 2013, 05:48 Uhr

Gnoien | Sie wollen mal wieder so richtig laut loslachen, ohne dass jemand verwundert guckt? Sie sind neugierig auf neue Erfahrungen? Sie heulen gern wie ein Wolf? - Wenn Sie nur eine dieser Fragen mit Ja beantworten können, sollten Sie einen Lach abend in Erwägung ziehen. Unsere Zeitung hat es probiert - und war zu einer verdeckten Ermittlung in Gnoien im Landkreis Rostock, an einem Mittwoch abend im Januar. In der Kulturbörse stand erstmals ein Lach abend im Programm.


Mit oder ohne? Die erste Frage gilt dem Spiegel. Er bedeckt eine ganze Wand im Gruppenraum unterm Dach. Eine Frau zieht entschlossen den Vorhang zu. "Besser ohne." Oder will sich etwa jemand zusehen bei diesem… - nun ja - Wagnis?

Sieben Menschen stehen im Kreis. Sie können sich an den gelben Zetteln festhalten, die ihnen Lachprofi Thomas Draeger bei der Begrüßung überreicht. Ein paar Erklärungen auf die Hand, Regeln, Ablauf, Wissenswertes, einige Zitate. "Wir sollten nur die Dinge ernst nehmen, die uns froh stimmen" von Heinz Erhardt.

Thomas Draeger hat im Frühjahr 2000 einen Lachchor gegründet und damit weltweit Interesse erregt: Ein Lachchor? Ausgerechnet in Deutschland! Über mehrere Jahre führte er Lachgruppen - in Berlin. Vor fünf Jahren zog er nach Mecklenburg-Vorpommern aufs Land. Thomas Draeger weiß um die Mentalität der Nordlichter. Was passiert, wenn ihnen einer vorschlägt, sich zu treffen, um grund- und hemmungslos zu lachen? Ein Freund hat Thomas Draeger überredet, es zu testen. Beim ersten Mal sind zwei Männer und vier Frauen dabei.

Sie sollen sich weglachen. "Die deutsche Sprache hat genau das passende Wort", sagt Thomas Draeger. "Sich weglachen bedeutet, dass der Verstand eine Pause macht. Diese Pause für unser Gehirn wirkt befreiend, erfrischend und erneuernd." Ganz im Gegensatz zum Lachen mit Grund, bei dem der Verstand hellwach sein müsse, um die Pointen nicht zu verpassen.

Erster Schritt zum Weglachen: Nichts erwarten und locker werden! Recken. Einatmen, Ausatmen mit Flatterlippen. Strecken. Einatmen, Ausatmen mit Wolfsgeheul. Durch den Raum tanzen, unterhaken, drehen, Kontakt zu den anderen aufnehmen. Ausatmen und "Doliöh!" rufen. Locker bleiben! "Doliöh!" - "Doliöh!"

Ein junger Mann zuckt und windet sich. Fragende Gesichter sehen ihm beim Lachen zu. Thomas Draeger flüstert: "Reden und Lachen sind wie Feuer und Wasser", schweigt und lächelt. Eine der Grundregeln in der Gruppe: Lachen geht immer vor! Eine zweite erweist sich gerade jetzt als harte Nuss. Die Merkzettel hatten "Geduld mit den Lach experimenten der anderen" erbeten. Es heißt: "Die Teilnehmer befinden sich auf ganz unterschiedlichen Lach-Niveaus: Die einen lachen frei und ungehemmt wie Kinder, andere experimentieren mit künstlichem Lachen, um ihr natürliches Lachen wiederzuentdecken…" Alle warten, bis der Allein-Lacher aufhört. Wie sich zeigen soll, ist er von der Theaterprobe direkt zum Lachkurs gekommen. Ach so! - Locker bleiben! Nichts erwarten! Ist gerade ein bisschen schwerer geworden.

Thomas Draeger lässt Matten in den Raum legen. Sternförmig. Wer sich langmachen will, möge es bitte mit dem Kopf zur Mitte tun. Jetzt also los - ohne Grund, ohne Hemmungen, ohne Leistungsdruck. Mit dem Geräusch einer Dampflok. Ha. Ha. Ha. Ha, ha, ha. Hahahahaha.

Vier Leute prusten tatsächlich weiter - Thomas Draeger und der Theater-Mann natürlich, der sich herumwirft und den Fußboden abklopft. Doch kann man die Beiden mitzählen? Der dritte Mann ist als Testballon unverdächtiger: Er scheint sich tatsächlich köstlich zu amüsieren. Er lacht und lacht und lacht ein tiefes, fröhliches, ansteckendes Lachen. Offensichtlich ganz ohne Anstrengung. Der Frau auf der Matte gegenüber - Typ: unbeschwerte Frohnatur - geht es ebenso. Für die übrigen drei Frauen gilt, was die Handzettel als letzte Möglichkeit beschreiben: "…noch andere liegen einfach nur da, hören zu, schmunzeln und genießen das allgemeine Lachen" (mehr oder weniger). Ein Viertelstündchen später ebben die Geräusche ab. Thomas Draeger legt Entspannungsmusik auf. Danach bleibt es ganz still.

Zum Abschluss kann reden, wer will. Die Lautlacherin ist erschöpft und glücklich und müde. Der dritte Mann wundert sich, dass es einfach so geklappt hat, grund- und hemmungslos. Thomas Draeger verrät, wie er sein Lachen wiedergefunden hat - und warum das überhaupt nötig war. "Aus einer Krise heraus. Natürlich." Einst war er erfolgreicher Regisseur von Kinderfilmen mit eigener Produktionsfirma. Bis der Sender fand, ein Kinderfilmemacher dürfe nicht älter als 45 sein. Das Aus nach 30 Jahren. "Ich konnte nicht einmal einen Apfel essen, ohne daran zu denken, dass ich gescheitert bin." Joggen, Yoga, Bergsteigen - an Tipps "das Affengeschnatter im Kopf" abzuschalten, fehlte es nicht. Am Ende gab Thomas Draeger in Berliner Zeitungen Annoncen auf: "Wer bringt mich wieder zum Lachen?" Er hielt - ganz Regisseur - drei Castings ab, um die 16 stärksten Lachtalente zu finden. Der erste Schritt zu Lachchor und -gruppen, zu Lach-CD und -meditation war getan. Noch heute fährt er regelmäßig in die Hauptstadt, um seine Mitlacher zu treffen.

Mit der Premiere in der Kulturbörse Gnoien ist Thomas Draeger sehr zufrieden. Und wer es nicht ist, dem hilft erneut der gelbe Zettel: "Sei nicht frustriert, wenn du nicht gleich lachen kannst." Und: "Glücklich sind nicht die, die bekommen, was sie wollen, glücklich sind die, die wollen, was sie bekommen."

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