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Mecklenburg-Vorpommern

17. Dezember 2017 | 22:36 Uhr

Wege aus dem Seelental

vom

svz.de von
erstellt am 12.Dez.2012 | 07:07 Uhr

Rostock | Draußen liegen Ruderboote am Warnowufer. Drinnen stehen Seelenboote im Regal. Hier, in Andrea Schürguts Atelier, gibt es viele Gegenstände, die abbilden, was in Seelen vorgeht - in ihrer eigenen oder in denen ihrer Besucher. Die Kunstwerke entstehen "aus Ton und aus allem, was die Menschen mitbringen", wie die Künstlerin sagt. Andrea Schürgut arbeitet meist allein, fertigt Objekte nach Auftrag an oder folgt ihren eigenen Ideen. Boote faszinieren sie, da liegt es nahe, diese auch in die künstlerische Arbeit einzubauen - eben bei ihren Seelenbooten.

"Meine Keramiken sind mehr als funktionelle Gegenstände. Wenn man etwas sieht, das mit der Seele zu tun hat, denkt man vielleicht zuerst, das hat keinen Nutzen. Aber diese Dinge können uns Trost geben oder ein Thema ausdrücken, das uns im Innern begleitet. Das ist für mich inzwischen genauso wichtig wie die funktionellen Gegenstände." Deshalb bezeichnet sie ihre Werke als Seelenobjekte, verkauft sie zu Geburten, Hochzeiten oder Taufen. Oder eben zu Trauerfeiern. "Wenn ein Kind auf die Welt kommt, kommt auch eine Seele auf die Welt. Und wenn ein Mensch stirbt, dann geht eine Seele."

Die gelernte Töpferin studierte an der Fachschule für angewandte Kunst in Heiligendamm. Trauer ist eines der zentralen Themen in ihrer Arbeit. Sie gestaltet sogenannte Grabzeichen, also Stelen für den Platz auf dem Friedhof, aber auch Urnen für die Asche von Verstorbenen. Diese künstlerische Handschrift entstand durch ihre eigene Biografie. "Das ist durch den Tod meines Sohnes bestimmt worden. Er war schwer krank, ich habe ihn gepflegt, bis er mit vier Jahren gestorben ist. Für ihn habe ich den ersten Grabstein aus Ton gemacht." Ihre damalige Werkstatt in Berlin lag neben einem Bestattungsunternehmen - die dort ausgestellten Urnen empfand Andrea Schürgut als zu wenig individuell. Ihr Kind war damals schon sehr krank, das Thema Tod stand im Raum, da konnte sie "keine Teekanne entwerfen", wie sie sich erinnert. Sondern begann, Gefäße für die Asche von Toten zu gestalten, die sich ganz stark an deren Persönlichkeit orientierten.

Später hat sie viele Menschen in Trauer begleitet, konnte ihre eigenen Erfahrungen einbringen. Doch sie stellte fest, dass sie sich damit, so aus dem Bauch heraus und ohne spezielle Kenntnisse, auf Dauer überfordern würde. "Wenn ich mit jemandem eine Urne oder ein Grabzeichen gestalte, kommt eine ganze Geschichte zum Vorschein. Da ist dann auch therapeutische, psychologische und pädagogische Arbeit gefragt." Deshalb absolvierte die Künstlerin eine zweijährige Ausbildung für Trauerbegleiter in Hamburg - neben ihrer eigentlichen Arbeit. "Natürlich hilft mir es auch selbst. Wenn es das in erster Linie wäre, wäre es falsch, denn dann kann man kein guter Begleiter sein", meint sie. "Aber ich kann durch meine Erfahrungen sehr authentisch, sehr glaubwürdig sein."

In ihrem eigenen Fall war damals vieles nicht gut gelaufen. Zu Passivität und Ohnmacht kam irgendwann Wut, aus der heraus sie die Kraft entwickelte, etwas anders machen zu wollen, konstruktiv zu sein. "Ich kann nichts mehr daran ändern, was ich erlebt habe. Aber ich kann dazu beitragen, dass es für andere Menschen besser wird. Es ist ein Heilungsprozess, und ich kann ihnen zeigen, dass aus dem tiefsten Tal heraus auch etwas Positives entstehen kann."

Zu Anfang sei es am wichtigsten, den Menschen zuzuhören. Ihnen den Raum zu geben, sich zeigen zu können, wie sie gerade sind. Weinen, schweigen, reden - nur da sein. Später beginnt dann die Arbeit mit Ton oder anderen Materialien. Das könnte auch Eltern helfen, deren Kinder im Rahmen von "Mike Möwenherz" zu Hause betreut werden.

Andrea Schürguts Mit-Künstler auf Zeit sind aber nicht immer Trauernde. Sie arbeitet auch mit Krankenschwestern und Hospizhelfern, mit Kindern in Schulen oder jungen Leuten im Freiwilligen Sozialen Jahr. "Trauer hat zu wenig Raum in unserem Leben", ist sie überzeugt. "Da bleibt vieles stecken, was sich später vielleicht in Krankheiten widerspiegelt. Dagegen möchte ich angehen."

Regelmäßig bietet sie Workshops an für Menschen, die einen kreativen Weg zu sich selbst suchen. Das klingt für manchen vielleicht spirituell, ist aber ganz handfest. "Viele glauben ja, dass sie gar nicht kreativ sind, aber in jedem steckt etwas davon. Meist sind es Menschen in ihrer zweiten Lebenshälfte, die einen Blick zurückwerfen wollen, manchmal aber auch ganz junge, die mit einem konkreten Thema kommen", erzählt die 46-Jährige. "Sie bauen zum Beispiel einen Lebensturm aus Ton - in mehreren Etagen bilden sie ab, wer oder was ihnen wichtig ist." Oft tragen die Teilnehmer tatsächlich Trauer mit sich, aber auch Freude, Dankbarkeit oder Hoffnung drücken sie in der schöpferischen Arbeit aus.

Einzel-Begleitung bietet Andrea Schürgut für Trauernde an, zum Beispiel für Eltern, die ein Kind verloren haben, für Geschwisterkinder, die nun ohne Bruder oder Schwester weiterleben müssen. Und sogar mit sterbenskranken Kindern hat sie getöpfert - kurz vor deren Tod. Auch sie haben noch ihren eigenen Lebensturm gebaut. Der wurde später die Basis für den Grabstein, den Andrea Schürgut mit den Eltern gestaltete.

"Das Tun mit den eigenen Händen ist wie ein Ventil", hat sie erlebt. "Viele wollen erstmal gar nicht so viel sprechen. Aber wenn sie dann ihre Gefühle in Ton ausdrücken können, kommen sie oft hinterher wieder zum Reden. Auch das ist eine Erfahrung aus meinem eigenen Leben - mir hat das Arbeiten mit dem Ton damals auch geholfen." Ihr Angebot ist für sie selbst auch anstrengend - eine Gratwanderung, nicht alle Geschichten ständig mit sich herumzutragen. "Aber durch die Beschäftigung mit dem Tod habe ich ganz viel über das Leben gelernt. Ich kann die schönen Dinge viel mehr schätzen. Ich sehe immer wieder, wie schnell alles zu Ende sein kann. Das macht mich mutiger, die Dinge zu tun, die ich leben will. Seitdem ich mich mit dem Tod beschäftige, lebe ich leidenschaftlicher und bewusster."

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