Inklusion in MV : Weg vom „Stempel Förderbedarf“

„Inklusion ist nicht allein auf die Schule zu reduzieren.“ - Birgit Hesse (SPD) Bildungsministerin
„Inklusion ist nicht allein auf die Schule zu reduzieren.“ - Birgit Hesse (SPD), Bildungsministerin

Temporäre Lerngruppen und eine flexible Eingangsphase an der Grundschule sollen die Stigmatisierung von Förderschülern beenden

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29. Mai 2017, 21:00 Uhr

Von den aktuell rund 143 000 Schülerinnen und Schülern im Land erhalten 13 500 eine besondere Förderung – die meisten von ihnen, weil sie Probleme beim Lernen haben oder Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Noch besucht der größere Teil dieser Kinder und Jugendlichen eine Förderschule, doch ab Herbst 2024 wird es die in Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr geben. Dann sollen auch Kinder mit Förderbedarf gemeinsam mit ihren Altersgefährten ohne Beeinträchtigung unterrichtet werden. Das sieht die Inklusionsstrategie des Landes vor, deren Umsetzung Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD) gestern gemeinsam mit den Bildungsexperten von CDU, SPD und Linken vorstellte. Dabei gehe Genauigkeit vor Schnelligkeit, betonte die Ministerin. Nur wenn Lehrer, Eltern, Schüler und Schulträger das Projekt mittragen, werde Inklusion gelingen, zeigte sich der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Andreas Butzki, überzeugt. Von einer „Inklusion mit Augenmaß“ sprach CDU-Bildungsexperte Marc Reinhardt. Auch Kurskorrekturen hält er für möglich.

Im kommenden Schuljahr werde man zuerst einmal das Gespräch mit Lehrern, Schulträgern, Eltern und Kindern suchen, erläuterte die Ministerin. Im Schuljahr 2018/19 soll dann damit begonnen werden, verstärkt temporäre Lerngruppen für Schüler mit besonderem Förderbedarf einzurichten. „Solche Lerngruppen gibt es schon – aber es sollen mehr werden“, betonte die Fraktionschefin der Linken, Simone Oldenburg. Sie warnte allerdings auch davor, dass Inklusion nicht zur Überforderung von Kindern, Lehrern oder Eltern führen dürfe. Gerade in Gruppen für lernauffällige Kinder könne das passieren. Dann müssten zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden.

Ohnehin sieht die Inklusionsstrategie vor, an öffentlichen Schulen 237 zusätzliche Stellen für Lehrerinnen und Lehrer zu schaffen, darunter 30 an Gymnasien – denn auch die Förderung Hochbegabter ist Bestandteil der Strategie.

Neu – voraussichtlich ab dem Schuljahr 2019/20 – werden flexible Schuleingangsphasen an Grundschulen sein, in denen die Kinder je nach individuellen Voraussetzungen und Lerntempo bis zu drei Jahre verweilen können – ohne Versetzung oder Zurückstufung. Ebenso wie die temporären Lerngruppen wird es dieses Angebot nicht an jeder Schule geben – Hesse versprach aber Wohnortnähe.

Durch die Inklusion, so die Hoffnung der Ministerin, werde den betroffenen Kindern der „Stempel Förderbedarf“ genommen: Während im Sport Fördern etwas durch und durch Positives sei, sei der Begriff in der Schule leider noch negativ besetzt. Hier sei ein Umdenken nötig. „Inklusion ist nicht allein auf die Schule zu reduzieren. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, betonte Hesse.

Kritik kam von der AfD. Das bewährte Förderschulsystem werde ohne Rücksicht auf Eltern und Schüler aufgegeben und die Wahlfreiheit der Betroffenen ausgehebelt, so der der schulpolitische Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, Stephan Reuken. „Am Ende gibt es dann ein schlechteres Bildungsniveau für alle. Geholfen ist damit niemandem.“

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