Viehwirtschaft : Was Schweine wollen

Die mehr als 100 toten Ferkel stammen nicht aus einem Zuchtbetrieb aus MV
Die mehr als 100 toten Ferkel stammen nicht aus einem Zuchtbetrieb aus MV

Zwischenbilanz bei der „Aktion Tierwohl“: Etwas mehr Platz und Extra-Beschäftigung bekommt Ferkeln sehr gut.

svz.de von
19. November 2015, 20:45 Uhr

„In der Ecke ist das Ferkelnest“, erläutert Ingo Papstein. Hier liegen manchmal 12 bis 15 Ferkel auf einem beheizten Aluminiumteil übereinander. Andere wuseln unermüdlich durch die 2,3 mal 2,3 Meter große Buchte oder versuchen, bei der Muttersau Milch zu trinken. Alltag bei der Gut Schweinezucht GmbH & Co. KG Alt Gaarz/Blücherhof (Kreis Mecklenburgische Seenplatte), die der 51-jährige Papstein leitet. Die Anlage mit 550 Sauen und etwa 1300 Ferkeln gehört zu den wenigen Betrieben, die an der im Mai gestarteten bundesweiten „Initiative Tierwohl“ von Handel und Landwirten teilnehmen durften.

Sechs Monate nach dem Start der Aktion, an der in MV zehn Agrarbetriebe mit 14 Produktionsstätten teilnehmen, wird eine erste Bilanz gezogen. Ziel ist es, dass Betriebe den Schweinen, Hähnchen und Puten mehr Platz und Beschäftigung bieten. Dafür erhalten sie aus einem Fonds vier Cent pro Kilo Fleisch extra. Bundesweit stehen 64 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Auf drei Jahre ist die „Aktion Tierwohl“ befristet.

Erste Bilanz der Organisatoren: Die Aktion sorge wirklich für mehr Tierkomfort, könnte aber noch deutlich ausgeweitet werden, meint Jörg Brüggemann von der Landwirtschaftsberatung Mecklenburg-Vorpommern/Schleswig-Holstein (LMS) GmbH. Allein in MV gab es dreimal mehr Bewerber als zugelassen wurden. Bundesweit wollten 4800 Tieranlagen teilnehmen, nur 44 Prozent wurden zugelassen. Entschieden wurde per Los. „Für die Zertifizierung gibt es strenge Auflagen“, sagt er. So müssen Betriebe wählen, ob sie mehr Platz anbieten oder lieber Rauhfutter füttern. Dazu kommen Komfortliegeflächen, mehr Lüftung oder „Saufen aus offenen Flächen“ statt aus Behältern. „Wir haben uns für mehr Platz und zusätzliche Beschäftigung entschieden“, sagt Papstein. So sind  Ferkelbuchten größer als sonst, haben Spielmöglichkeiten und in gemeinsamen Gehegen im Nachbarstall laufen weniger Jungsauen als sonst herum. „Wenn alles klappt, würde uns das 3,62 Euro pro Ferkel mehr bringen, das wären 50  000 Euro im Jahr“, hat Papstein ausgerechnet. Allerdings sei der Schweinefleischpreis mit 1,25 Euro pro Kilogramm derzeit sehr tief. „Man bräuchte mindestens 1,48 Euro“, sagt Brüggemann.  

Unterdessen nagen die Jungsauen eifrig an Holzstücken an den Wänden. „Die müssen aus Eiche sein, sonst halten die nicht lange“, sagt Anlagenleiterin Ilona Evert. „Klar ist, wenn die Tiere beschäftigt sind, geht es ihnen besser – wie allen Lebewesen“, sagt sie. „Die Schweine wirken ausgeglichener.“ Pro Tag bedeute das Ganze etwa 25 Minuten Mehrarbeit. Das Fleisch der Tiere aus den „Aktion Tierwohl“-Betrieben gelangt normal in die Regale der beteiligten Handelsketten. Zusätzliche Etikettierung und Kühlketten – und noch mehr Kosten – habe keiner der Beteiligten gewollt.

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