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Die Streiknacht bei der Bahn : Was Reisende jetzt wissen müssen

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Lokführerstreik trifft Berufspendler am Mittwoch. Fern- und Regionalzüge in MV bleiben stehen.

svz.de von
erstellt am 07.Okt.2014 | 08:20 Uhr

Bahnreisende müssen als Folge eines Lokführerstreiks bis Mittwochmittag mit Ausfällen und Verspätungen im bundesweiten Zugverkehr rechnen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatte ihre Mitglieder aufgerufen, die Arbeit am Dienstagabend für neun Stunden niederzulegen. Fern- und Regionalzüge sollten ebenso stillstehen wie Güterzüge und die von der Deutschen Bahn betriebenen S-Bahnen.

Der Streik sollte von Dienstag, 21.00 Uhr, bis Mittwoch, 6.00 Uhr dauern. Auch nach seinem Ende „werden wir erhebliche Störungen und Einschränkungen im Berufsverkehr haben“, sagte Bahn-Vorstand Ulrich Homburg am Dienstag. Die Beeinträchtigungen dürften „bis in die Mittagszeit reichen“.

Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber forderte die Gewerkschaft auf, in dem Tarifkonflikt an den Verhandlungstisch zurückzukehren : „Die GDL ist am Zug.“ Das Unternehmen wisse gar nicht, was die GDL von ihm erwarte. „Lass uns doch darüber reden und nicht die Öffentlichkeit verrückt machen“, meinte Weber. „Streiks sind aus unserer Sicht überflüssig, verantwortungslos und ohne jedes Gespür für die derzeitige Situation.“

 Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky beklagte im Gegenzug, dass die Bahn nicht auf die Forderungen seiner Organisation eingehe: „Man kann an dem Angebot klar die Zielrichtung der DB erkennen. Wir haben seit Monaten inhaltlich null Verhandlungen gehabt. Wir werden hingehalten und das Ziel ist eigentlich, Tarifeinheit herzustellen“, sagte der Gewerkschaftschef.

Die Lokführer fordern unter anderem fünf Prozent mehr Geld und eine um zwei Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit. Verhandlungen darüber scheiterten aus einem anderen Grund: Die GDL will auch für das übrige Personal im Zug verhandeln, etwa für Zugbegleiter und Speisewagen-Mitarbeiter. Die Bahn lehnt das ab. Die GDL konkurriert dabei mit der größeren der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Die Auswirkungen für Bahnreisende: 

Wo bekomme ich aktuelle Informationen über die Streiks?
  1. Im Netz: Auf www.bahn.de/abfahrtstafel können Kunden der Deutschen Bahn ihre Strecken eingeben und sehen, ob ihr gewünschter Zug eine Verspätung hat oder ganz ausfällt. Zusätzlich bietet die Deutsche Bahn noch einen „Verspätungs-Alarm“ an, den man sich entweder per Mail oder direkt als Push-Nachricht auf das Handy zukommen lässt.
  2. Per Telefon: Unter 0800-1507090 erreichen Kunden kostenlos die Fahrplan-Auskunft.
  3. Die Bahn schaltet zudem ab Streikbeginn eine kostenlose Servicenummer unter 08000-996633.
  4. Informationen sind mit Streikbeginn auch unter www.bahn.de/aktuell oder unter m.bahn.de abrufbar.
Was passiert mit Fahrgästen, die zum Streikbeginn noch im Zug sitzen?

Vor allem Bahnreisende auf längeren Strecken sollten ihre Route vorher genau checken und Ausweichmöglichkeiten prüfen. Die GDL will die Züge zwar nicht mitten auf der Strecke stoppen, ab 21 Uhr könnten Bahnreisende aber dennoch unterwegs stranden: „Wir steuern dann den nächstgelegenen Bahnhof an“, sagt GDL-Sprecher Stefan Musiol. ICE-Züge sollen im nächsten ICE-Bahnhof zum Stehen kommen. Für Reisende ist dann dort unter Umständen Endstation. Zwar bemühe sich die Bahn, Reisende von dort an ihr Ziel zu bringen. „Wir befürchten allerdings, dass dies nicht in jedem Einzelfall möglich ist“, sagte ein Bahnsprecher. „Wir empfehlen dringend, auf Züge auszuweichen, die um 21 Uhr am Ziel sind.“ 

Gibt es einen Ersatzfahrplan?
Kann ich von der Zugfahrt zurücktreten?

Ja. Bei einem streikbedingten Zugausfall, Verspätungen und Problemen mit Anschlusszügen können Bahnreisende vor Fahrtantritt von der Reise zurücktreten und sich den vollen Fahrpreis erstatten lassen. Hierfür sollten sie sich an die DB-Reisezentren oder DB-Agenturen wenden, rät die Bahn auf ihrer Webseite. Auch Sitzplatzreservierungen werden erstattet. Wer ein Online-Ticket zum Normalpreis gebucht hat, kann dies über die Auftragssuche auf der Bahn-Webseite kostenlos umbuchen oder stornieren.

Wie viel Geld bekomme ich bei einer Verspätung zurück?

Wer doch in den Zug steigt, bekommt ab 60 Minuten Verspätung 25 Prozent des Fahrpreises erstattet. Ab 120 Minuten sind es 50 Prozent. Bei einer Verspätung des ICE-Sprinters wird ab 30 Minuten der Sprinter-Aufpreis zurückgezahlt. Bei einem Streik kann die Deutsche Bahn dem Europäischen Gerichtshof zufolge keine höhere Gewalt geltend machen (Rechtssache C-509/11).

Wie komme ich an die Erstattung?

Als Erstes müssen Bahnkunden das Fahrgastrechte-Formular ausfüllen, zu finden auf der Webseite der Bahn unter www.bahn.de mit Stichwort-Suche. Originalfahrkarten, Kopien von Zeitkarten und andere Originalbelege müssen beigelegt werden. Das Formular entweder in einem DB Reisezentrum abgeben oder per Post an das Servicecenter Fahrgastrechte, 60647 Frankfurt/Main schicken.

Was gilt bei Zeitkarten?

Für Nahverkehrsfahrten in der 2. Klasse gibt es ab 60 Minuten Verspätung 1,50 Euro pro Fahrt zurück. In der 1. Klasse sind es 2,25 Euro. Betroffen sind etwa das Quer-durchs-Land-Ticket und die Länder-Tickets. Bei Wochen- und Monatskarten rät die Bahn, die Verspätungsfälle nach Ablauf der Geltungsdauer des Tickets gesammelt beim Servicecenter Fahrgastrechte einzureichen. Bei Jahreskarten können die Verspätungsfälle auch im Laufe des Jahres eingereicht werden. Entschädigungsbeträge von weniger als 4 Euro werden nicht ausgezahlt – die Fahrgäste müssen mehrere Verspätungen sammeln und diese dann zusammen geltend machen.

Im Fernverkehr bekommen Fahrgäste der 2. Klasse pro Fahrt ab 60 Minuten Verspätung 5 Euro erstattet. Bahnreisende der 1. Klasse bekommen 7,50 wieder. Wer mit einer BahnCard 100 unterwegs ist, kann in der zweiten Klasse 10 Euro pro Fahrt zurückfordern und in der ersten Klasse 15 Euro. Für Zeitkarten im Nah- und Fernverkehr gilt: Mehr als 25 Prozent des Zeitkartenwertes werden nicht erstattet. Außerdem gibt es – anders als bei normalen Tickets – auch nicht mehr Geld ab 120 Minuten Verspätung.

Was ist mit einer Rail-&-Fly-Karte?

Flugreisende mit diesem Spezialangebot der Bahn müssen sich an die jeweilige Fluggesellschaft wenden, wie ein Sprecher der Bahn erklärt. Die Deutsche Bahn ist in diesem Fall Vertragspartner der Airline und nicht der direkte Ansprechpartner für den Reisenden.

Kann ich einfach auf einen anderen Zug wechseln?

Ja. Ist eine Verspätung von mindestens 20 Minuten zu erwarten, dürfen Fahrgäste die Reise mit einem anderen Zug antreten oder fortsetzen. Ausgenommen sind Züge mit Reservierungspflicht. Dazu gehören die ICE Sprinter oder City Night Liner. Wer mit einer Nahverkehrskarte unterwegs ist, muss sich zunächst eine Fernverkehrs-Fahrkarte für den anderen Zug kaufen. Die Kosten dafür bekommt der Kunde später erstattet. Ausgenommen von dieser Regelung sind ermäßigte Fahrkarten wie zum Beispiel die Länder-Tickets.

Darf ich auf ein anderes Verkehrsmittel umsteigen?

In bestimmten Fällen können Fahrgäste, die mit einer Verspätung von mindestens 60 Minuten am Zielort rechnen müssen, ein anderes Verkehrsmittel wie Bus oder Taxi nutzen – und zwar, wenn die planmäßige Ankunftszeit zwischen 0 und 5 Uhr morgens liegt. Die Deutsche Bahn erstattet Kosten bis zu maximal 80 Euro. Fahrgäste müssen das Original der Busfahrkarte oder Taxi-Quittung aufheben. Fällt ein Zug aus und ist er gleichzeitig die letzte fahrplanmäßige Verbindung des Tages, gilt die Regelung ebenfalls.

Alternativen zur Bahn:

Mitfahrgelegenheiten: Um unkompliziert ans nächste Ziel zu gelangen, kann man sich im Netz auf zahlreichen Portalen Mitfahrer oder Fahrer suchen. Die Spritkosten werden dann durch alle Mitfahrer geteilt. Auf www.blablacar.de und www.mitfahrgelegenheit.de werden zahlreiche Mitfahrgelegenheiten angeboten und gesucht.

Busse: Für längere Strecken sind Fernbusse eine gute Alternative zur Bahn. Einige Anbieter fahren mittlerweile auch größere Städte in Schleswig-Holstein an. Auf www.flixbus.de und www.fernbusse.de kann man online Strecken buchen.

Zahlt die Bahn auch eine Nacht im Hotel?

Manchmal. Erfordert ein Zugausfall oder eine Verspätung eine Übernachtung und ist die Fortsetzung der Reise am selben Tag nicht zumutbar, erstattet die Bahn die Hotelkosten. Auch in diesem Fall sollten Fahrgäste das Original der Rechnung aufheben.

 

In der vergangenen Woche hatten 91 Prozent der GDL-Mitglieder in einer Urabstimmung für einen Arbeitskampf votiert.Für die Nacht zum Mittwoch war ein flächendeckender Streik geplant, regionale Schwerpunkte nannte die GDL nicht. „Wir wissen nicht, welche Züge bestreikt werden“, sagte Bahnmanager Ulrich Homburg. „Wir müssen davon ausgehen, dass wichtige Bahnhöfe bald mit bestreikten Zügen zugestellt sind.“ Die GDL hatte bereits Anfang September mit zwei dreistündigen Warnstreiks weite Teile des Bahnverkehrs lahmgelegt.

Zum Zeitraum des Ausstands bemerkte Homburg: „Wir finden es perfide, mit der Streikzeit zu suggerieren, dass man damit verantwortungsvoll umgehen möchte.“ Tatsächlich seien zu Streikbeginn um 21.00 Uhr noch mehr als 200 Fernverkehrszüge sowie mehrere tausend Nahverkehrszüge unterwegs. „Viele werden ihren Zielort nicht erreichen oder nur mit großer Verspätung.“ 

Auch bei der Lufthansa hat die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) neue Streiks angekündigt, allerdings ausschließlich für Frachtflüge. Von Mittwochmorgen 3.00 Uhr bis Donnerstag 22.30 Uhr sollen keine Flüge von Lufthansa Cargo von deutschen Flughäfen starten. Die Lufthansa will die Aktion ins Leere laufen lassen. „Wir planen, alle Flüge trotz des Streikaufrufs durchzuführen“, sagte ein Sprecher der Fluggesellschaft in Frankfurt.In dem Tarifstreit geht es um die künftigen Übergangsrenten für 5400 Piloten und Co-Piloten der Fluggesellschaften Lufthansa, Lufthansa Cargo und Germanwings. Die Lufthansa will unter anderem erreichen, dass die Piloten frühestens mit 60 (bislang 55) Jahren in den bezahlten Vorruhestand gehen können. Bislang wurden im härtesten Ausstand der Lufthansa-Geschichte mehr als 4300 Flüge gestrichen, eine knappe halbe Million Fluggäste waren betroffen.

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