Messerstecher-Prozess : „…was ich dir angetan habe“

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Messerstecher entschuldigt sich vor Gericht bei seinem Opfer. Der Anwalt beantragt Schmerzensgeld.

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08. September 2017, 07:30 Uhr

Früher wollte der Zeuge einen hartgesottenen Eindruck auf seine Mitmenschen machen. Davon zeugen die Tätowierungen, die auf seinen Waden, seinen Händen und im Gesicht zu sehen sind.

Als der Vorsitzende Richter ihm gestern am Landgericht Schwerin allerdings ein Steakmesser zeigte, löste dies bei dem 34-Jährigen Panik aus. Schweißgebadet verließ er den Gerichtssaal. Es war das Messer, mit dem ein 20-jähriger im Juni 2016 auf ihn einstach. Seitdem sind seine Lunge und seine Milz kaputt. Er leidet unter Angstattacken und Albträumen.

Der Angeklagte entschuldigte sich während der Gerichtsverhandlung bei seinem Opfer. Es sei „nicht menschlich gewesen, was ich dir angetan habe“. Still nickend schien der Zeuge die Entschuldigung anzunehmen. Dennoch muss sich der 20-jährige wegen versuchten Totschlags und schwerer Körperverletzung vor Gericht verantworten. Er räumte die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft grundsätzlich ein. An Details der blutigen Attacke konnten sich jedoch weder der Angeklagte noch der Geschädigte erinnern. Er sei mit Drogen und Alkohol „vollkommen zugeknallt gewesen“, behauptete der Angeklagte. Auch sein Opfer war damals nicht mehr nüchtern.

In einem Schweriner Plattenbaugebiet nahm der Angeklagte an einem Abend im Juni 2016 trotz seines angeblich bekifften Zustands wahr, wie sein späteres Opfer zusammen mit einem Kumpel einen 16-Jährigen wegen eines verschwundenen Handys in die Mangel nehmen wollte. Er mischte sich ein. Nach einem Wortwechsel habe er sein Messer gezogen und zugestochen, gab der Angeklagte zu. Als der Angegriffene floh, rannte er hinterher.

Das Opfer suchte bei einer unbekannten Frau in deren Auto Schutz. Aber der Angeklagte holte auf, stach erneut zu, trat ihn und rief laut Zeugen: „Ich stech dich ab.“ Erst als Passanten eingriffen, ließ er von dem 34-Jährigen ab.

Mühsam versuchte der Verteidiger, aus dem Angeklagten eine nachvollziehbare Erklärung für den Gewaltausbruch herauszufragen. Es sollte ihm nicht so recht gelingen. So blieb vorerst nur der exzessive Drogen- und Alkoholkonsum als Grund, auch wenn die Marihuana-Joints und die Tabletten, die der Angeklagte genommen haben will, eher beruhigen statt Aggressionen auslösen.

Im Alter von zwölf Jahren habe der Angeklagte die ersten Drogen konsumiert, berichtete eine Sozialarbeiterin, die für die Jugendgerichtshilfe arbeitet. Seine Familie habe davon lange Zeit nichts mitbekommen. Sie glaubt, dass der Angeklagte nach der zu erwartenden Strafe ein geregeltes Leben wird führen können, weil die Familie zu ihm hält und er in der Untersuchungshaft seinen Realschulabschluss nachgeholt hat.

Allerdings wird die Familie mit der blutigen Attacke für lange Zeit nicht abschließen können. Der Anwalt des Opfers hat Schmerzensgeld beantragt. In vergleichbaren Fällen sind den Opfern bis zu 100 000 Euro zugesprochen worden.
 

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