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Obst mit Geschichte : Was die Banane zur Wende beitrug

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Es gab Witze, Beleidigungen, aber auch nett gemeinte Gesten – die Südfrucht wurde zum Symbol

svz.de von
erstellt am 13.Okt.2014 | 20:45 Uhr

„Wie verdoppelt man den Wert des Trabis? Indem man ihn volltankt. Und wie vervierfacht man ihn? Eine Banane auf den Rücksitz legen!“ Im Internet finden sich immer noch Witze, die auf den Bananenhunger der ehemaligen DDR-Bürger anspielen. Tatsächlich war die Südfrucht jahrzehntelang im Osten Mangelware, in der Wendezeit wurde sie dann zum Symbol. Als nach der Grenzöffnung Kolonnen von Trabis in den Westen tuckerten, reichten ihnen Westbürger nicht nur Bier, Sekt und Schokolade, sondern auch Bananen durch die Autofenster.

„Zonen-Gaby (17) im Glück (BRD): Meine erste Banane“ betitelte die Satire-Zeitschrift „Titanic“ ihre November-Ausgabe 1989 und landete damit einen Verkaufsschlager. Der Titel zeigt eine junge Frau in verwaschener Jeansjacke mit Minipli-Frisur, die stolz eine auf Bananenart geschälte Gurke in die Kamera hält. „Ich sehe ihn mir noch heute gerne an und er entlockt mir immer noch ein Lächeln. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Zonen-Gaby ja eine Dame aus Rheinland-Pfalz ist, die damals tatsächlich diese Frisur hatte, die jeder gleich als DDR-typisch identifizierte“, erinnert sich der damalige „Titanic“-Chefredakteur Hans Zippert.

Wollten sich die „Titanic“-Redakteure in Frankfurt am Main vor 25 Jahren über die Konsumgier der DDR-Bürger lustig machen? Zippert verneint das: „Es ging weniger um den sicher berechtigten und verständlichen Bananenhunger der Ossis, als um die Klischeebilder, mit denen die Medien damals das Thema Mauerfall behandelten“, sagt er. Dauernd seien Menschen zu sehen gewesen, die jubelnd Begrüßungsgeldscheine und Konsumtrophäen in die Kameras hielten.

Der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe beschäftigt sich seit Jahren mit den Bildern, die sich Ost- und Westdeutsche voneinander machen. Dass sich auch viele Ostler Zonen-Gaby und ihre erste Banane als Poster bestellten, findet er nicht verwunderlich. „Ostdeutsche neigen zur Selbstironie“, sagt der Leipziger.

Allerdings habe es in der Wendezeit auch Diffamierungen gegeben. Der spätere Bundesinnenminister Otto Schily, damals noch Mitglied der Grünen, hielt nach der Volkskammerwahl im März 1990 wortlos eine Banane in die Höhe, als er bei einer Bonner Politikerdiskussion auf das gute Abschneiden der CDU bei den DDR-Wählern angesprochen wurde. „Diese Inszenierung war empörend“, sagt Ahbe. „Üblicherweise gestehen Politiker eine Wahlniederlage ein. Otto Schily unterstellte stattdessen: ,Diese Ostprimaten haben den Kohl gewählt, weil sie Bananen wollten.‘“ Später entschuldigte sich Schily für das Vorzeigen einer Südfrucht, wie er es ausdrückte.

Nach der Maueröffnung wurde die Banane dem Wissenschaftler Ahbe zufolge immer wieder beispielsweise auf Plakaten zitiert. Bei der Besetzung von Stasi-Zentralen 1989 und 1990 skandierten die DDR-Bürger nicht nur „Wir sind das Volk“oder „Wir sind ein Volk“. Eine weitere Parole lautete: „Es geht nicht um Bananen, es geht um die Wurst!“

Selbst fünf Jahre nach dem Mauerfall war die Banane noch in den Köpfen, wie ein Beispiel aus Sachsen-Anhalt zeigt. Als die Schließung des vom Bombardier-Konzern übernommenen Waggonwerks in Halle-Ammendorf drohte, wurde auf der Betriebsversammlung ein Transparent mit folgender Aufschrift in die Höhe gehalten: „Banane gewählt, uns bleibt die Schale“.


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