Moment der Demut : Was der krankheitsbedingte Rückzug von Erwin Sellering bedeutet

Ministerpräsident Erwin Sellering Jens Büttner/Archiv
Ministerpräsident Erwin Sellering Jens Büttner/Archiv

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30. Mai 2017, 21:00 Uhr

Politik ist oft ein erbarmungsloses Geschäft. Doch ein Einschnitt wie dieser lehrt selbst hartgesottene Kontrahenten Mores. Nicht alle, aber zumindest einige. Deshalb: Bevor über politische Folgen raisoniert wird, gebietet die gute Kinderstube, Erwin Sellering und seiner Familie des Mitgefühls zu versichern und alle Kraft der Welt zu wünschen.

Vor dem Himmelfahrtsfeiertag waberten erste Gerüchte über eine akute Erkrankung, die keinen Aufschub dulde. Nun ist es amtlich: Erwin Sellering zieht sich ins Private zurück. Die Art und Weise, mit der er diesen Schritt gestern kommunizierte, stand symbolisch für seine Amtsführung: Klarheit, Sachlichkeit und Konsequenz. Man muss kein Sellering-Fan sein, um zumindest dies an ihm zu respektieren. Er hat in einer dramatischen Lebenssituation die Dinge unverzüglich, diskret und mit einer gewissen Härte gegen sich und andere geregelt. Andererseits konnten in der Kürze der Zeit nicht sämtliche Folgerungen schon überblickt und geklärt werden.

 

Dem einstigen Verwaltungsrichter hefteten in neun Amtsjahren als Ministerpräsident Verbündete wie Gegner gern den Nimbus des „Landesvaters“ an, dessen Habitus zuweilen Richtung „Landesfürst“ kippte. Derlei Vorwürfe lächelte Sellering weg. Wohl wissend, dass viele Mecklenburger und Vorpommern genau diese Erwartung, dass ein weiser und gütiger Herrscher die Geschicke seiner Landsleute fürsorglich lenken möge, an den Regierungschef haben. Mit Demokratie im Sinne aktiver Beteiligung an Willensbildung und Entscheidungsfindung haben es die meisten Bürger nicht so. Das lässt sich ganz gut an den bescheidenen Mitgliederzahlen aller Parteien ablesen. Doch gerade Sellering hat für die Förderung bürgerschaftlichen Engagements enorm viel getan, nicht nur mit der gegen alle Widerstände etablierten Ehrenamtsstiftung. Und er hat dem Land mehr als seine Amtsvorgänger auf Bundesebene eine vernehmbare Stimme verliehen.

Dabei wäre vor einem Jahr schon einmal beinahe Schluss für ihn gewesen: Wer entsinnt sich noch an die Frühjahrsumfragen im Wahljahr 2016? Da sah es ganz nach einem verheerenden SPD-Ergebnis aus. Die Partei setzte daraufhin alles auf die eine Karte: die Persönlichkeit des Partei- und Regierungschefs. Am Ende triumphierte Sellering. Und viele SPD-Abgeordnete verdanken mehr oder weniger ihm ihr Mandat.

Es gab einen Plan für die Nachfolge. Etwa Mitte der Legislatur hätte er das Amt übergeben - so wie er es einst von seinem politischen Ziehvater Harald Ringstorff übertragen bekam. Doch vorher sollte die von ihm massiv in die Bundespolitik lancierte Manuela Schwesig als Spitzenkandidatin der Landesliste noch den Wahlkampfzug zum Bundestag anführen. Das Kalkül geht nun nicht mehr auf. Was CDU-Konkurrent Dietrich Monstadt, der sein 2013 errungenes Direktmandat wohl beinahe abgehakt hatte, Auftrieb geben dürfte. Denn die Stärke von Sellerings Personalpolitik ist auch eine Schwäche: Hinter Schwesig kommt lange nichts, weil gegen die Protegés des „MP“ sich niemand so recht aufzubauen vermochte. Nun klafft im Bundestagswahlkreis 12 ein großes Loch.

Dafür hat jetzt Vize-Ministerpräsident Lorenz Caffier (CDU) ein Problem: Er war es, der einst beim politischen Aschermittwoch den SPD-Shootingstar Schwesig als „Küsten-Barbie“ titulierte. Nun müsste er sie wohl als Kabinettschefin akzeptieren – und sie ihn als Ressortchef und Stellvertreter.

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