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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 11:39 Uhr

Warten auf die große Welle

vom

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erstellt am 06.Jun.2013 | 08:42 Uhr

Schwerin | Angesichts der Bilder von untergehenden Dörfern und dem Kampf gegen das Wasser aus dem Süden und Südosten der Republik fragt sich Mecklenburg: Wann kommt die Flut? Anfang nächster Woche, dann soll die Welle heranrollen. Überall laufen die Vorbereitungen für den schlimmsten Fall. Eine Region packt an - unsere Reporter waren dabei.

Heiddorf: Hoffen auf den Deich

Nur einen Steinwurf vom Deich der Müritz-Elde-Wasserstraße in Heiddorf entfernt wohnt Heinrich Holtz mit seiner Frau. Der 73-Jährige hätte einen Dammbruch direkt vor der Haustür. Und: "Ich befürchte, dass die neu gemauerte Dammwand entlang des Überflutungsbeckens das Grundwasser nicht in das Becken wegsickern lässt", sagt er. "Stattdessen wird es, sobald es steigt, in die Keller der Häuser hineindrücken."

Dennoch bleibt Heinrich Holtz ruhig und hofft für den Fall eines Rückstaus aus der Elbe auf den Deich. Wie die meisten hier. Noch brachte gestern niemand seine Habe in Sicherheit, auch die Kita blieb geöffnet - aber die Tagesstätte wäre wie das Wasserkraftwerk unter den ersten Gebäuden, die das Hochwasser erreicht.

An Elbe und Müritz-Elde-Wasserstraße im Amt Dömitz-Malliß laufen seit gestern die Vorbereitungen. Hunderte Feuerwehrleute, freiwillige Helfer und Bundeswehrsoldaten vom Panzergrenadierbataillon 401 Hagenow sind im Einsatz. "Unser Dorf schützen", das sei das Ziel, sagt Gemeindevertreter Frank Ahlers am Fuß des Heiddorfer Deiches. Er blickt auf Hunderte Sandsäcke, die von einem Lastwagen der Bundeswehr auf der Deichkrone abgeladen werden. Um 50 bis 150 Zentimeter sollen die Dämme in diesem Bereich erhöht werden, um das Niveau des Elbdeichs bei Dömitz zu erreichen.

Dömitz: Alle packen mit an

Auch ein Gotteshaus rüstet sich gegen die Fluten. Die Orgel in der katholischen Kirche in Dömitz muss ab Sonnabend wieder ihren Platz auf dem Altar finden - bis die Hochwassergefahr gebannt sei , sagt Diakon Christophorus Baumert.

Immerhin: Die Prognosen für die Pegelstände haben sich verbessert. Mittlerweile wird der Scheitel in Dömitz bei 6,90 Metern erwartet. "Wir sind jetzt ein bisschen entspannter", sagt der Amtsvorsteher von Dömitz-Malliß, Burkhard Thees. Dank Bundeswehr, Feuerwehr und vieler freiwilliger Helfer sei schon viel geschafft. Beeindruckend sei, wie die Leute zusammenhalten, so Thees: "Einige kamen mit Getränken und Essen für die Helfer. Eine sehr nette Geste."

Bis gestern hatte Christian Hoffmann in seiner Pension mit "Märchen-Café" noch Gäste. Eine Überflutung gleich zu Beginn der Saison - das wäre ein Desaster. "Kommt das Wasser bis ins Haus, dauert es Wochen, bis der Pensionsbetrieb fortgesetzt werden kann", erklärt der Wirt.

Flut hin oder her - Christel Fuhrmann wird bleiben, wie 2002. Mit ihren 86 Jahren hat sie einige Jahrhundertfluten überstanden. "Ich sichere nur Heizung und Öltanks, werde im Obergeschoss leben. Das ist höher als jeder Deich."

Boizenburg: Hoffen auf niedrigen Pegel

Bürgermeister Harald Jäschke steht ein bisschen erleichtert inmitten der Vorbereitungen für den schlimmsten Flut-Fall. Ein Pegel von 6,90 Meter - das ist die Vorhersage für Mittwoch, den 12. Juni. Erste Prognosen hatten noch Horror-Wasserstände von mehr als 8,00 Meter am Pegel Boizenburg angekündigt. Nun also unter sieben Meter. "Genau diesen Wert hatten wir beim Hochwasser im Januar 2011", sagt Jäschke. Von einer Entwarnung wollte der Verwaltungschef aber nicht reden. 6,90 Meter, die gingen vor gut zwei Jahren nicht spurlos an der Region vorüber. Jäschke betont: "Nach wie vor gilt die Alarmstufe IV, der Katastrophenalarm ist nicht aufgehoben."

Auch Geschäftsleute rüsten sich. Der Discounter Norma stocke die Vorräte an Mineralwasser, Bockwurst, Fertiggerichten und Toilettenpapier auf, sagt Verkaufsleiter Christian Wolfgramm: "Diese Waren sind bei einer Flut besonders gefragt."

Lübtheen: Sandsäcke für die Flutfront

Aufhalten, schippen, wegtragen. Aufhalten, schippen, wegtragen. Aufhalten, schippen… Im Sekundentakt füllen sich am Großen Sandberg auf dem Truppenübungsplatz in Lübtheen die Sandsäcke. Etwa 300 Panzergrenadiere sind hier seit Mittwoch im Einsatz. Pausenlos. Den ganzen Tag. Die ganze Nacht. "Wir sehen ja jetzt täglich im Fernsehen, was vor Ort an der Elbe passiert", sagt Kompaniechef Sven Scharnitzki.

Die Soldaten schuften in Dreiergruppen. Jeder weiß, was zu tun ist. Zugführer Marco Berger-Müller war schon bei der Flut 2002 dabei: "Damals haben wir in der Kiesgrube in Neu Kaliß Sand geschippt." Der Einsatz in Lübtheen sei noch die Anfangsphase. "Da gibt es noch Ruhezeiten, da kann man im Schatten kurz was trinken." Später, draußen am Deich, könnte die Lage angespannter werden.

Pausenlos fahren Lkw die Säcke zur Elbe, nach Dömitz. Sven Scharnitzkis Telefon klingelt, das Lagezentrum des Bataillons aus Hagenow. "Wir müssen Marschbereitschaft herstellen", sagt der Hauptmann und ruft den Soldaten zu, ihre Rucksäcke zu schnüren: "Die 5. Kompanie rückt ab nach Heiddorf."

Demnächst soll der Sandberg auf dem Truppenübungsplatz an zivile Rettungskräfte übergeben werden. Am Deich sei die Bundeswehr mit ihrer Struktur noch besser einsetzbar,. sagt Oberleutnant Gerrit Schütt. Im Bataillon stellt man sich auf einen längeren Hilfseinsatz ein. "Mit dem Aufbau am Deich ist es nicht getan", sagt Hauptmann Sven Scharnitzki. Das Aufräumen danach, das könne zwei Wochen dauern. Der eine oder andere hatte eigentlich Urlaub geplant...

Drei Stundenkilometer, so schnell fließt die Elbe normalerweise. Die Flutwelle nähert sich Mecklenburg. Mehr als 30 000 Sandsäcke haben die Soldaten schon gefüllt, zwei Millionen braucht es zur Verstärkung der Deiche.

Aufhalten, schippen, wegtragen - die Soldaten schaufeln weiter.

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