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Bio-Energiedörfer in MV : Warten auf das Wirtschaftswunder

vom
Aus der Onlineredaktion

Bislang nur acht Bio-Energiedörfer im Nordosten: MV hinkt hinter dem Süden her. Einstieg ins eigene Energiegeschäft: Niedriger Ölpreis lässt Gemeinden zögern

svz.de von
erstellt am 19.Jul.2016 | 07:45 Uhr

Er ist bis heute davon überzeugt: Bio-Energiedörfer in MV, „die könnten ein kleines Wirtschaftswunder auslösen“, glaubt Bertold Meyer. Strom und Wärme aus Wind, Biomasse oder Sonne vor Ort – „im ländlichen Raum entsteht die Energie der Zukunft“, ist sich der Bürgermeister des 640-Einwohner-Dorfes Bollewick im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte sicher. Seit gut zehn Jahren ist er in seinem Ort und in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs und wirbt für die Idee, für Bio-Energiedörfer, die mindestens die Hälfte ihres Bedarfs aus regional erzeugter Bioenergie decken. In seiner Heimatgemeinde hat er es inzwischen geschafft: Im Ort werde siebenmal mehr Strom erzeugt als die Einwohner verbrauchten, erklärt er. Und auch die bei der Stromerzeugung in den Biogasanlagen anfallende Wärme sorge in 54 Häusern entlang des 3600 Meter langen Bioenergie-Wärmenetzes für Wohlbefinden. 60 Eigenheime sollen es in diesem Jahr noch werden, sagt Meyer: „Alles was wir an Energie verbrauchen, wird hier hergestellt und das Geld bleibt in der Region.“ In Bollewick hat Meyers kleines Wirtschaftswunder schon begonnen.

Andernorts noch lange nicht: Trotz bester Voraussetzungen hinkt MV beim Ausbau der Bio-Energiedörfer dem Süden deutlich hinterher. Gerade einmal acht derartige Energiegemeinden zählt das Land, ermittelte das Energieministerium – im Verbund Schaalsee die Orte Neuhof, Neuenkirchen und Bantin sowie die Gemeinden Rosenow, Bollewick, Kambs, Hermannshof und Ivenack. Das Bundeslandwirtschaftsministerium gibt sogar nur vier Bioenergiedörfer im Nordosten an. Nicht viel: Ausgerechnet das Agrarland MV rangiert im Bundesvergleich unter den Schlusslichtern der 179 Energiegemeinden in Deutschland. Nur Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt zählen noch weniger. Zum Vergleich: In Bayern haben 34, in Baden-Württemberg 33 Gemeinden die Energieversorgung selbst in die Hand genommen.

Dabei hatte die Große Koalition in Schwerin noch vor fünf Jahren vereinbart, „den erfolgreich begonnenen landesweiten Aufbau von Bioenergiedörfern systematisch fortzusetzen“. Mit mäßigem Erfolg: Stattdessen sei in den vergangenen Jahren beim Land nicht immer ernsthaft der politische Wille zu erkennen gewesen, mahnt Meyer eine bessere Abstimmung zwischen den Ressorts an. In MV sehen Experten in 500 Dörfern das Potenzial, sich selbst mit Energie zu versorgen. Zumindest 150 Gemeinden hätten Interesse bekundet, gegebenenfalls ein Bioenergiedorf aufzubauen, ermittelte das Energieministerium. 70 haben einen entsprechenden Gemeinderatsbeschluss gefasst, in 39 wurde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben.

Die Vorbehalte sitzen tief, die Hindernisse sind groß: für Meyer eine Einstellungsfrage. Es reiche nicht, einfach die Energiewende auszurufen, „wir brauchen einen Kulturwandel“, meint er, der seit Jahren als Coach für die bislang vom Land beauftragte Akademie für nachhaltige Entwicklung (ANE) Güstrow durchs Land tourte. Jeder müsse sich die Energieeffizienzfrage stellen und überlegen, ob es nicht sinnvoller sei, Energie vor Ort zu erzeugen. Mit knapp 800 000 Euro hatte das Land über Jahre mit Beratern versucht, in den Dörfern die Chancen der Energiegewinnung vor Ort zu vermitteln. Etliche Gemeinden hätten sich überzeugen lassen, beobachtet Energieminister Christian Pegel (SPD). Von der Grundsatzentscheidung, sich selbst zu versorgen bis zur Umsetzung würden aber viele ganz spezielle Problem auftreten. Jetzt sollen die Beratung neu aufgestellt und neue Kapazitäten geschaffen werden, um individueller in Gemeinden unterstützen zu können, kündigt Pegel an.

Noch überwiegt vielerorts die Skepsis – auch wegen der derzeit niedrigen Ölpreise. Die in den vergangenen Jahren immer weiter in die Höhe schnellenden Energiekosten waren oft ein zusätzliches Argument für den Einstieg ins Energiegeschäft vor Ort. Gute Förderhilfen von Land und Bund machten die Umrüstung der mancherorts in die Jahre gekommenen Heizungsanlage nach wie vor attraktiv. Mit 6000 bis 7000 Euro müssten Hausbesitzer für eine neue herkömmliche Anlage rechnen. In Bollewick kostete jeder Familien der Anschluss ans Wärmenetz dank der guten Förderung im Schnitt nur 1500 Euro, so Meyer. Im Vergleich zu Öl und Gas könnten sich die Heizkosten um ein Drittel reduzieren, hatte er seinerzeit bei seinen Nachbarn geworben. Angesichts der niedrigen Ölpreise sei die Rechnung nicht ganz aufgegangen. Zumindest aber ist die Wärme aus der Biogasanlage und dem Verteilnetz vor Ort bei einer Vollkostenrechnung nicht teurer als Öl, erklärt Meyer. Und die nächste Ölkrise kommt erst noch. Vor allem aber: Die Erzeugung erneuerbarer Energien sei für die unter Bevölkerungsverlust und mangelhafter Infrastruktur leidenden Dörfer eine der letzten Chancen Wertschöpfung in die Orte zu holen. Für Meyer auch ein Modell der wirtschaftlichen Teilhabe der Menschen an der Bioenergieproduktion. Das schaffe Akzeptanz und lasse die Menschen wissen, wofür beispielsweise während der Maisernte so viele Erntefahrzeuge durchs Dorf rollen – wer ertragen muss, soll auch Ertrag haben.

In Bollewick haben sie ihn inzwischen: Drei Monate sei er durchs Dorf gelaufen und habe versucht, die Familien von der Idee zu überzeugen. Inzwischen seien im Dorf 5,5 Millionen Euro investiert worden – abzüglich der Materialkosten seien mehrere Millionen in der Region geblieben, rechnet Meyer vor. Ohne die Stromproduktion in den Biogasanlagen würden die beiden Milchviehbetriebe angesichts der Milchpreiskrise schlechter dastehen. Und so mache sich trotz mancher Probleme im Ort inzwischen Zufriedenheit breit: „Es ist ein langer Weg“, sagt Meyer. Für ihn steht fest: Bollewick als Bioenergiedorf – „ich würde den Weg noch einmal gehen“.

 

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