Verkürzte Erzieherausbildung : Warnung vor „Sparmodell“

Debatte um verkürzte Erzieherausbildung. Kommunen und Kita-Träger haben noch viele Fragen

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11. Mai 2017, 06:25 Uhr

Protestaktion vor dem Landtag für ein besseres Kita-Gesetz Jens Büttner
Foto: Jens Büttner
Protestaktion vor dem Landtag für ein besseres Kita-Gesetz

Kommunalverbände und Kita-Träger haben die Pläne zur Einführung einer praxisintegrierten und um ein Jahr verkürzten Erzieherausbildung in Mecklenburg-Vorpommern begrüßt. Gleichzeitig forderten sie aber eine Pflicht zur pädagogischen Weiterbildung für Seiteneinsteiger. „Wir brauchen dringend Fachkräfte, dürfen bei der Einstellung aber kein Niveaulimbo betreiben“, sagte der Rostocker Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) gestern bei der Experten-Anhörung zum neuen Kita-Gesetz im Sozialausschuss des Landtags.

Die Gewerkschaft Verdi, die einen Großteil der Erzieher im Land vertritt, aber nicht zur Anhörung geladen war, machte bei einer Protestaktion vor dem Schweriner Schloss erneut ihre Ablehnung der Regierungspläne deutlich. Sie befürchtet neben Qualitätsverlusten in der Kinderbetreuung auch den Einstieg in eine Zwei-Klassen-Beschäftigung mit gravierenden Einkommensnachteilen für Mitarbeiter, die nur die dreijährige Ausbildung durchlaufen.

Mit der geplanten Gesetzesänderung wollen SPD und CDU parallel zur vier Jahre dauernden akademischen eine dreijährige duale Erzieherausbildung ermöglichen. Zudem sollen künftig auch Tanz- und Musikpädagogen, Kinderkrankenpfleger, Hebammen oder Physiotherapeuten als vollwertige Fachkräfte in Kitas eingesetzt werden können. Damit reagiert das Land auf die Personalnot in den Kitas, die durch wieder steigende Kinderzahlen und altersbedingtes Ausscheiden von Erziehern noch größer zu werden droht. Etwa jede vierte der aktuell rund 11 000 Erzieherinnen im Land geht in den kommenden zehn Jahren in Rente.

Andreas Wellmann vom Städte- und Gemeindetag warf der Landesregierung vor, zu spät zu handeln. Der wachsende Personalbedarf in den Kitas sei lange absehbar gewesen und viele Einrichtungen könnten inzwischen nur noch mit Ausnahmegenehmigungen für fachfremdes Personal die Betreuung sicherstellen. Wellmann forderte das Land auf, seinen Anteil an der Finanzierung der Kitas aufzustocken und damit Kommunen, andere Kita-Träger und Eltern zu entlasten.

Martin Scriba beklagte das Fehlen konkreter Vorgaben für die dualen Ausbildungsgänge, die nach dem Willen der Regierung schon im September an staatlichen Schulen starten sollen. Azubis würden laut Gesetz zu je 40 Prozent auf den Betreuungsschlüssel angerechnet, obwohl sie nur an zwei Tagen pro Woche in den Kitas seien und dann auch selbst Anleitung brauchten. „Die Ausbildung darf nicht zum Kostensparmodell werden“, mahnte Scriba. Ähnliche Bedenken äußerten auch Vertreter von Diakonie, Arbeiterwohlfahrt und Volkssolidarität.

Der Magdeburger Bildungsprofessor Thomas Kliche sieht die Politik in der Pflicht, rasch zu handeln. „Wir haben in den Kitas einen irrsinnigen Personalbedarf und stehen dabei erst am Anfang“, sagte er unter Hinweis auf steigende Betreuungsquoten und Pläne für kleinere Gruppen. Dies betreffe alle Bundesländer, unter denen inzwischen ein harter Konkurrenzkampf um junge Fachkräfte tobe. „Bayern und Baden-Württemberg zahlen inzwischen 30 Prozent über Tarif. Das führt zu Abwanderung. Im Moment bilden arme Ostländer für reiche Westländer aus. Der Bildungsföderalismus funktioniert nicht“, konstatierte der Wissenschaftler. Nach seiner Ansicht ist die Einführung der dualen Erzieherausbildung sinnvoll, bedarf aber erheblicher Nachsteuerung.

Sozialministerin Stefanie Drese (SPD) versprach, die Vorschläge aus der Anhörung im weiteren Gesetzgebungsverfahren intensiv zu prüfen.

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