Aus dem Gerichtssaal : Warnschuss für Betrüger

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Täter muss im Jugendarrest probeweise Knastluft schnuppern

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22. Juni 2016, 21:00 Uhr

Draußen auf dem Flur schnell noch ein Küsschen für die Freundin, dann begibt sich Nils H. (Name geändert) auf die Anklagebank im Schweriner Amtsgericht. Modischer Haarschnitt, modische Jeans mit vorgefertigten Rissen an den Knien und ein Tattoo unter dem rechten Ohr – selbstbewußt gibt der 20-Jährige zu, was der Staatsanwalt ihm vorwirft: Internet-Betrug, Fahnenflucht, Urkundenfälschung. Auf die Frage nach dem Warum hat Nils H. nur eine Antwort: „Weiß ich auch nicht.“

Amtsrichter Jens Brenne ist am Ende überzeugt, dass so viel Gleichgültigkeit einen Dämpfer verdient. Er verurteilt Nils H. zu sieben Monaten Jugendhaft, die auf Bewährung ausgesetzt werden. Allerdings kommt der Angeklagte für zwei Wochen in den Jugendarrest in Neustrelitz, damit er erfährt, wie es sich im Knast anfühlt. Es ist eine Art Warnschuss, um ihn doch noch vor einer kriminellen Karriere zu bewahren.

Nils H. hat im vergangenen Januar sein Smartphone auf einer Internet-Plattform zum Tausch angeboten. Er fand einen Tauschpartner, der ihm sein Handy zum Ladenpreis von 599 Euro zuschickte. Nils H. aber dachte gar nicht daran, wie vereinbart im Gegenzug sein Smartphone abzuschicken. Stattdessen verkaufte er das „getauschte“ weiter. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine Vorladung zum Amtsgericht. Denn im Februar saß er bereits schon einmal bei Brenne auf der Anklagebank. 2015 hatte Nils H. in drei Fällen ebenfalls im Internet ein Smartphone zum Kauf angeboten. Dreimal kassierte er 300 Euro und versetzte dann die „Käufer“. Brenne verhängte gemeinnützige Arbeit und eine Geldstrafe. Zum Arbeiten konnte Nils H. seitdem leider nicht antreten, weil er sich angeblich den Finger verstaucht hatte.

Eine Berufsausbildung hat Nils H. bislang nicht. Eine kurze Episode bei der Bundeswehr endete abrupt, als er mit einer Woche Verspätung aus dem Urlaub zurückkehrte. Ein Kumpel fertigte ihm dafür ein falsches Attest einer Schweriner Klinik. Doch der Schwindel flog schnell auf. Bei Angeklagten, die älter als 18, aber noch nicht 21 Jahre alt sind, muss das Gericht abwägen, ob sie nach Jugend- oder nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Bei Nils H. fiel Brenne die Entscheidung leicht, sich für eine Jugendstrafe zu entscheiden. Der Angeklagte, der noch bei seiner Mutter wohnt, habe keineswegs die Reife eines Erwachsenen, er habe keinen Plan für sein weiteres Leben und ihm mangele es an Unrechtsbewusstsein.

Auch bei Ilka B.s (Name geändert) erwachsener Reife hatte Brenne kleine Zweifel. Als 20-Jährige hatte sie sich an einer Schweriner Bushaltestelle einen „Zickenkrieg“ mit einer Bekannten geliefert, bei dem ihre Hand im Gesicht der anderen landete. Mit hohem Kinn und abschätzigen Blick für ihre als Zeugin geladene Kontrahentin folgte sie eher gelangweilt dem kurzen Prozess. Wegen Körperverletzung verurteilte Brenne sie zu 150 Euro Geldstrafe – nach Erwachsenenstrafrecht, denn Ilka B. sei ja auch reif genug, ihre beiden Kinder zu erziehen.

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