Forscher streiten über Zahl der IM : War die Stasi wirklich so mächtig?

<strong>Die Staatssicherheit - </strong>hier die ehemalige Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Rostock: 'Hinterfragen gehört zur Forschung.'<foto>dpa</foto>
Die Staatssicherheit - hier die ehemalige Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Rostock: "Hinterfragen gehört zur Forschung."dpa

Mehr als 23 Jahre nach dem Mauerfall tobt ein bizarrer Streit um die DDR-Staatssicherheit. War die Stasi wirklich so mächtig? Wie groß war ihr Spitzelnetz mit Inoffiziellen Mitarbeitern tatsächlich?

svz.de von
20. März 2013, 06:52 Uhr

Berlin | Mehr als 23 Jahre nach dem Mauerfall tobt ein bizarrer Streit um die DDR-Staatssicherheit. War die Stasi wirklich so mächtig wie bislang angenommen? Wie groß war ihr Spitzelnetz mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) tatsächlich? Forscher der Stasi-Unterlagen-Behörde sowie weitere Historiker stellten sich am Dienstagabend der öffentlichen Diskussion unter dem Motto "Der größte Lump...? Stasi-Spitzel auf dem Prüfstand."

Nur mühsam bewahrten die drei Kontrahenten aus der Bundesbehörde Fassung. Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker und Projektleiter in der Forschungsabteilung der Behörde, hat in seinem neuen Buch "Stasi konkret" die bisherige Zahl von 189 000 IMs infrage gestellt und geht von etwa 110 000 aus. Dies hatte ihm bereits den Vorwurf von Opferverbänden eingebracht, er verharmlose die SED-Diktatur. Kowalczuk blieb bei seiner Meinung: Dass zum Beispiel diejenigen als IMs erfasst wurden, die Wohnungen als konspirative Stasi-Treffs bereitstellten, sei irreführend. "Das waren teilweise Stasi-Leute." Auch "gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit" wie Kaderleiter gehörten nicht in die IM-Kategorie - die hätten ohnehin Stasi-Kontakte gehabt. "Es geht nicht um Zahlen", so der 45-Jährige. "Wir stecken noch immer in den Begrifflichkeiten der Stasi fest." Das müsse durchbrochen und das gesamte Beziehungsgeflecht des Ministeriums für Staatssicherheit in den Blick genommen werden. Dazu sei jetzt ein Forschungsprojekt in der Behörde gestartet worden. Thema: Denunziation in der SED-Diktatur - "unabhängig vom Label IM", wie Kowalczuk sagte. "Davon erhoffen wir uns neue Erkenntnisse."

Helmut Müller-Enbergs, Historiker und Kollege von Kowalczuk in der Forschungsabteilung der Behörde, widersprach vehement: Die Zahl von 189 000 IMs könne nicht "gemindert werden". Sie beruht auch auf seinen Forschungen. Kriterium sei, wer inoffiziell und konspirativ der Stasi zuarbeitete. Er frage sich, wie die Behörde künftig Auskünfte erteilen wolle.

Dass Führungsoffiziere Quoten bei der IM-Rekrutierung erfüllen mussten, sei ein Trugschluss, so der 52-Jährige. "Die Unterlagen sprechen eine andere Sprache." Christian Booß, ebenfalls aus der Forschungsabteilung, meinte, das Kowalczuk-Buch habe sowas wie eine Mao-Bibel. Es seien pauschal IMs "ausgebucht worden" - trotz geringer Indizien. Kowalczuk wies die Unterstellungen zurück. Jens Gieseke vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam setzte dagegen: "Wir können ja die Forschung nicht anhalten, weil das die gesetzlichen Grundlagen (der Stasi-Unterlagen-Behörde) durcheinanderbringen könnte." Es gehöre zur Forschung, Zahlen infrage zu stellen. Aus Historiker-Sicht sei es aber bedenklich, dass den Stasi-Akten grundsätzlich geglaubt werde. Und Klaus Schroeder, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, kritisierte: Die Stasi werde zu wenig als Teil des SED-Parteiapparates begriffen. "Das muss geradegerückt werden", gab er der Behörde mit auf den Weg.

Was folgt, blieb offen. Offensichtlich scheinen die Kontroversen nicht in der Forschungsabteilung der Stasi-Unterlagen-Behörde diskutiert worden zu sein. Sein Buch-Projekt sei eine genehmigte Nebentätigkeit gewesen, sagte Kowalczuk. "Ich bin Wissenschaftler."

Und was meint Behördenchef Roland Jahn zu der Auseinandersetzung, die auf mehr als einen Streit um Zahlen und Forschungsprojekte hindeutet? Der frühere DDR-Oppositionelle ließ vom Krankenbett aus mitteilen: "Hinterfragen gehört zur Forschung." Ihm sei es ein Anliegen, das Thema Staatssicherheit qualitativ und konkret zu sehen und Verrat, Anpassung, Verhalten in der Diktatur zu beschreiben. "Es geht nicht darum, Stempel zu verteilen, sondern differenziert die Geschichte der SED-Diktatur zu betrachten."

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