Ausbildung bei der Polizei : Wappnen für den Ernstfall

<p>Die Auszubildenden in Neustrelitz kommen aus allen Bundesländern. </p>
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Die Auszubildenden in Neustrelitz kommen aus allen Bundesländern.

In Neustrelitz werden etwa 500 Jungpolizisten trainiert

svz.de von
10. Mai 2017, 06:25 Uhr

„Hände auf das Genick, eine gefesselte Person wird immer geführt“, ruft Danyel Zoch jungen Polizisten zu, die einen fiktiven Gefangenen in einen Transporter bringen. Der energische Beamte ist Ausbilder in Neustrelitz (Kreis Mecklenburgische Seenplatte), dem einzigen Aus- und Fortbildungszentrum der Bundespolizei in Ostdeutschland.

Auf 32 Hektar im Wald an der Bundesstraße 198 finden angehende Polizisten und künftige Polizeitrainer fast alles vor, was man derzeit üben kann, um sich auf gefährliche Lagen einzustellen. Es gibt ein Flugzeugmodell, eine Grenzabfertigung, ein nachgestelltes Wohnzimmer, moderne Schießstände mit Videotraining, viele Sportmöglichkeiten und den größten Fahrschulstandort bei der Bundespolizei. „Wir versuchen, die Realität so genau wie möglich abzubilden“, sagte Ausbildungsleiter Sven Greßler. „’Stirb langsam’ ist dabei aber nicht das Drehbuch für uns“, ergänzt Andreas Bindseil als Leiter des Ausbildungszentrums.

Im Zuge der Terroranschläge in Brüssel, Paris und in Deutschland hat Berlin die Verstärkung der Bundespolizei beschlossen. „Bundesweit gibt es etwa 40 000 Bundespolizisten“, erläutert Bindseil. Diese Zahl soll um rund 7000 Mann erhöht werden. Wurden 2011 noch 450 „Neue“ eingestellt, so sind es derzeit 2700 „Anwärter“, die an acht Standorten ausgebildet werden. 500 Plätze davon hat jetzt Neustrelitz, wo 280 Beschäftigte arbeiten. In Norddeutschland ist Walsrode das nächste Ausbildungszentrum.

„Die Erfahrungen der Polizei bei den Anschlägen fließen auch in die Ausbildung ein“, sagt Greßler. Standen früher Castor-Einsätze und Amokläufe Einzelner als schlimmste Szenarien bei Übungen an, sind es nun Terrorfälle und die Einsätze dabei. Im Fachjargon wird das „Komplexe lebensbedrohliche Einsätze“ genannt, die immer am Ende der in der Regel zweieinhalbjährigen Ausbildung in einer größeren Übung trainiert werden – in Neustrelitz im Herbst wieder.

Ein Szenario dafür beschreibt Greßler: „In einem Bahnhof sind Schüsse gefallen. Die ersten Polizisten sollen die Situation aufklären.“ So müssten fliehende Leute befragt werden, wie viele Täter es gibt. Weitere Fragen sind: „’Gehe ich allein rein?’ und ’Wie muss ich mich bewegen, um nicht gleich zur Zielscheibe zu werden?’“.

Bevor diese große Übung zum Abschluss ansteht, müssen die Auszubildenden erst die Grundausbildung schaffen. Dazu gehört auch das Training, wie man einen Kriminellen stoppt, der gerade einen Fahrkartenautomaten aufbricht. Ein erfahrener Ausbilder spielt auf einem nachgebauten Bahnsteig den Kriminellen, der mit einem Brecheisen einen täuschend echten Automaten traktiert. „Lassen Sie das Brecheisen fallen“, ruft ein 22 Jahre alter Polizeianwärter, der mit einer „Kollegin“ auf den Bahnsteig stürmt und die Pistole in der Hand hat.

„Nochmal von vorn, das war zu hektisch“, erwidert Ausbilder Andreas Röller. Sieben junge Polizisten schauen zu. Im dritten Anlauf klappt es. „Wenn Sie Fluchtgedanken haben, müssen wir Sie fesseln“, erklärt der 22-jährige Polizei-Lehrling dem fiktiven Täter, den er zu einer Mauer gehen lässt. „Dabei aber nie das Brecheisen außer Acht lassen“, weist der Ausbilder seine Schützlinge auf die Waffe hin. In einem weiteren Raum wird den Jung-Polizisten erläutert, wie sie noch herkömmlich Fingerabdrücke nehmen müssen. „Das wird heute zwar elektronisch erfasst, aber es muss auch klappen, wenn der Strom ausfällt“, sagt Greßler.

Die Auszubildenden in Neustrelitz kommen aus allen Bundesländern. Wenn sie fertig sind, gehören der Flughafen München, die Bahnhöfe in Leipzig und in Köln ebenso zum Einsatzgebiet, wie Berlin und die Häfen und Straßen in Mecklenburg-Vorpommern.

Etwa fünf Prozent der Bewerber brechen ihre Ausbildung wieder ab, lautet die Erfahrung. Manche beginnen doch lieber ein Studium, andere haben gesundheitliche Probleme. Wieder Andere verkraften es nicht, dass wirklich einmal auf sie geschossen werden würde und einige schaffen die Prüfungen nicht. „Dabei bereiten wir die Frauen und Männer möglichst umfassend auf die Realität vor“, sagt Bindseil. Trotz der Aufstockung bleibe die Ausbildung umfangreich und gründlich, erläutert er. „Wir wollen keine Schnell-Polizisten“, lautet das Credo.

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