7. Mai 1989 Kommunalwahlen in der DDR : Wahlbetrug in der DDR aufgedeckt - „Was hast denn du davon?“

Laut SED hätten bei der Kommunalwahl 98,85 Prozent der Wähler für die Kandidaten der von der Partei aufgestellen Einheitsliste gestimmt.   
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Laut SED hätten bei der Kommunalwahl 98,85 Prozent der Wähler für die Kandidaten der von der Partei aufgestellen Einheitsliste gestimmt.   

1989 war Matthias Ortmann Pastor im Dorf Mestlin. Bei der Kommunalwahl vom 7. Mai beobachtete er, wie gefälscht wurde – mit seiner eigenen Stimme.

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07. Mai 2019, 05:00 Uhr

Güstrow/Schwerin | „Sie hatten ja recht.“ Das sagt Matthias Ortmann 30 Jahre danach. Heute, wo er weiß, wie das alles ausgegangen ist. Dass er in einem Staat lebte, der eine Diktatur war, der vor nichts zurückschreckte. Nicht im Großen, nicht im Kleinen. Der auch ihn und seine Familie unter Druck setzte.

Nicht an jedes Detail des Abends vom 7. Mai 1989 kann er sich erinnern. Am deutlichsten aber ist der eine Mann, er kennt sogar noch seinen Namen. Ihn nennen will er an dieser Stelle nicht.

Hintergrund: Kommunalwahl 1989

Mehr als 1000 Wahllokale verteilt über die DDR: Die Kommunalwahl vom 7. Mai 1989 war die letzte unter der Aufsicht des SED-Regimes. Überall im Land fanden sich Bürger zusammen, um die Auszählungen zu beobachten. Nach Paragraf 37 (1) des DDR-Wahlrechts war das nicht verboten. Erstmals gelang es, Wahlfälschung festzustellen. Trotzdem: Die SED veröffentliche ein Ergebnis mit beinahe 100 Prozent Zustimmung.

 

Angeordneter Wahlbetrug flog vor seinen Augen auf

Nach dem Schließen des Wahllokals zählten die Helfer im Mestliner Kulturhaus die Stimmen. Das Ergebnis: 100 Prozent für die von der SED aufgestellten Kandidaten der Einheitsliste. Ortmann stand daneben und wusste: Das kann nicht richtig sein. Er und seine Frau waren der Grund dafür. Er forderte, dass nachgezählt wird. Der Betrug, von der Partei angeordnet, flog vor seinen Augen auf.

„Dann kam der Mann zu mir und sagte: Was hast denn du davon?“

Matthias Ortmann sitzt am Tisch in seinem Wohnzimmer. Vor ihm eine Tasse Tee, die er mit seinen Händen umschließt. „Sie hatten ja recht. Es hat grundsätzlich an der Wahl nichts geändert.“

Matthias Ortmannin seiner Wohnung in Güstrow. Von 1982 bis 1991 war er Pastor in Mestlin.
Volker Bohlmann
Matthias Ortmannin seiner Wohnung in Güstrow. Von 1982 bis 1991 war er Pastor in Mestlin.

Kommunalwahl 1989 - der Anfang vom Ende der DDR

Und doch, seitdem ist alles anders. Sein Leben und das von Millionen anderen. Ein Land existiert nicht mehr. Eingeholt und überholt. Vier Jahrzehnte, von mutigen Bürgern innerhalb weniger Monate niedergerissen. Den Anfang vom Ende markierte auch die Kommunalwahl.

Nicht alles aus dieser Zeit lässt sich logisch erklären. Die Wende war auch Zufall. Genau wie dieses Treffen mit Matthias Ortmann.

Zeitzeuge berichtet

Seit Januar suchten wir einen Zeitzeugen. Einen, der sah, wie bei der Kommunalwahl gefälscht wurde. Wir kontaktierten die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Bis in den April gab es keine positive Rückmeldung. Dann erinnerte man sich in der Behörde an das Dorf Mestlin in Mecklenburg und dessen Pastor. Der Kontakt war schnell hergestellt. Eine Mitarbeiterin dort ist die Schwester von Matthias Ortmann.

Auszählung der Stimmen im Wahllokal 112 in der Magdeburger Straße in Schwerin
svz
Auszählung der Stimmen im Wahllokal 112 in der Magdeburger Straße in Schwerin
 

Zusammen mit seiner Frau wohnt er am Marktplatz von Güstrow. Er ist das, was man eine Erscheinung nennt. Groß und mit kräftigem Händedruck, die Stimme füllt nicht nur den Raum, sondern die ganze Wohnung. Gleichzeitig ist da die Fürsorge. Seinen Gästen stellt er Schlappen hin und kocht ihnen Kaffee, obwohl er selbst keinen trinkt. Bevor Matthias Ortmann (66) vor drei Jahren in Rente gegangen ist, war er Pastor.

Zur Person: Matthias Ortmann

Vor 66 Jahren wurde Matthias Ortmann in Mecklenburg als Sohn eines Pastors geboren.

18 Monate Wehrdienst bei der NVA.

Nach der Elektrikerlehre arbeitete er bei einer LPG. Studierte von 1976 bis 1981 Theologie in Rostock. Anschließend war er Pastor und nach der Wende auch Krankenhausseelsorger: in Mestlin, später in Ludwigslust und Güstrow.

Vater von sechs Kindern, Großvater von 17 Enkelkindern.

 

 „Ich kann zum Thema gar nicht viel erzählen“, sagt er. Das mit der Kommunalwahl und ihm sei unspektakulär.

Mit jeder Minute mehr aber, mit jeder Erinnerung, wird es deutlicher. Was damals alles nicht funktionierte. Warum es ihn an jenem Abend zur Auszählung trieb.

Pastor ohne Angst vor Repressalien

Seine Geschichte in der DDR ist eine des Zwiespalts. Schon sein Beruf. Pastor in Mestlin. Der Geistliche predigt im sozialistischen Musterdorf mit 1000 Einwohnern. Walter Ulbricht hatte es am Reißbrett konzipieren lassen. Es sollte Vorbild sein für ein ganzes Land. Als Ortmann kam, 1982 nach seinem Studium in Rostock, bröckelte schon der Putz. Risse im System.

„Für die Leute im Dorf war es klar: Das ist der Pastor und der Pastor macht immer mal sein Maul auf. Ich brauchte keine Angst zu haben. Was sollte mir passieren?“

Bis zu einem gewissen Punkt, sagt er, ist er narrenfrei gewesen. Geschützt durch die Kirche. Der Gedanke: Es sperrt doch niemand einen Pastor ein. Aber auch das ein Zwiespalt.

Damals auf seinem Schreibtisch, sagt er, lag für seine Frau stets ein Zettel. Die Telefonnummer des zuständigen Bischofs und die des Rechtsanwalts Wolfgang Schnur. Ein inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit, wie sich nach der Wende rausstellte. „Ich habe zu meiner Frau gesagt: Wenn ich abends mal nicht nach Hause komme, dann rufst du da an. Das war mein Schutz.“

Anzeige wegen staatsfeindlicher Hetze

Die Mauer, sie stand in Berlin. Die Mauer, sie war auch in den Köpfen der Mestliner. Sie hatten Probleme damit, die Grenze zu ziehen zwischen dem Pastor Ortmann und dem Bewohner Ortmann, dessen Kinder dort in die Schule gingen. Weil er nicht wollte, dass sein Kind in der neunten Klasse eine Waffe in die Hand nimmt, wurde er wegen staatsfeindlicher Hetze angezeigt.

„Ich war kein Oppositioneller. Ich habe in diesem Land gelebt. Ganz bewusst.“ Matthias Ortmann
 

Schlucke aus dem Tee. Er blickt ins Leere. Er will die Tage aus dem Mai wieder zurückholen. Die Momente, die noch irgendwo in seinem Kopf abgelegt sind.

 Fotos: voker bohlmann
Fotos: voker bohlmann
 

Das Durchsuchen der eigenen Gedanken ist beschwerlich. Sie haben kein Aktenzeichen. Die hat nur die Staatssicherheit. Befehl Nr. 6/89, Bezeichnung „Symbol 89“, ausgegeben von Minister Erich Mielke. Mit Schild und Schwert gegen jeden, der es wagte, die Kommunalwahl zu stören.

Heute ist aus den Akten von damals Angst zu lesen. Die Angst einer Behörde, die Bevölkerung zu verlieren. Einen ganzen Fall lösten zwei pinkfarbene Handzettel in Schwerin aus. Sie waren 7,2 mal 9,2 Zentimeter groß.

Den ersten Handzettel fand Genosse Lübbe am 15. März 1989 gegen 6.50 Uhr in der Salzstraße 7 an der Motorhaube eines geparkten Autos. Den zweiten in der Theaterstraße an einem Seitenfenster des Staatstheaters. Die Aufschrift: „Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin.“ Es wurde DDR-weit gefahndet.

Protest gegen die SED-Führung

Matthias Ortmann ging am 7. Mai 1989 zur Wahl. Nicht immer machte er das. Es war Kalkül. „Ich wollte nicht, dass die Leute wissen: Der Ortmann kommt sowieso nicht. Wir können mit seiner Stimme machen, was wir wollen.“

Zusammen mit seiner Frau holte er sich die Wahlzettel. Aber die beiden falteten nicht, gaben ab und verschwanden wieder. Sie schritten quer durch den Saal des Kulturhauses zu den aufgestellten Sichtblenden. „Psychologische Kriegsführung“ ist das gewesen, sagt er. Auf ihnen ruhten die Augen der Wahlhelfer und somit die des Staates. Er meint: Auf den Tischen lagen harte Bleistifte. Was sie beide mit den Zetteln machten, das weiß er nicht mehr. Sie strichen wohl die Namen durch. Er formuliert das heute so: „Wir haben die Zettel bearbeitet.“ Ihre Form des Protestes gegen die SED-Führung.

Ungültige Stimmen vertuscht

Abends, da ging er zum Auszählen. Aus einem Gefühl heraus zurück ins Kulturhaus. Sein Herz pochte. 100 Prozent, die keine waren. Seine Stimme und die seiner Frau wurden als gültig gewertet. Der Betrug, vom Staat angeordnet. Und dann der Mann, der ihn fragte, nachdem Ortmann zum Nachzählen aufgefordert hatte: „Was hast denn du davon?“

Abends, da verkündete Wahlleiter Egon Krenz im DDR-Fernsehen, bei einer Wahlbeteiligung von 99 Prozent hätten 98,85 Prozent für die von der SED festgelegten Kandidaten gestimmt. Er nannte das ein „eindrucksvolles Bekenntnis zu der auf Frieden und Sozialismus gerichteten Politik der Partei“. Intern hatte die Staatssicherheit vor der Wahl an Erich Honecker gemeldet, dass 8 bis 15 Prozent der Bevölkerung gegen die aufgestellten Kandidaten seien.

So berichtete die Schweriner  Volkszeitung am 8. Mai 1989 über  die Kommunalwahl.
So berichtete die Schweriner Volkszeitung am 8. Mai 1989 über die Kommunalwahl.

Dank mutiger Bürger bricht Diktatur in sich zusammen

Es war der Anfang vom Ende. Eine Wegmarke hin zum Fall der Mauer, zur Wiedervereinigung. Vorbei die Zeit, in der alles hingenommen wurde. Menschen wie Matthias Ortmann haben eine Diktatur mit zum Einsturz gebracht.

Anne Drescher, die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, sagt: Es brauchte Mut und Courage, an jenem Tag die Auszählung zu beobachten. Dass jemand wie Matthias Ortmann zur Auszählung ist, ohne zu wissen, was das für Konsequenzen haben könnte. Für ihn selbst und für seine Familie. Ärger und Wut aber waren stärker als die Angst.

Matthias Ortmann sagt, er hat nicht damit gerechnet, mit diesem Zerfall, dieser enormen Geschwindigkeit. Er wollte nur sein Maul aufmachen und sich engagieren. So glaubt er, lebt man am besten zusammen. Für die Umstände, das eingezäunte Leben, dafür konnten die meisten doch nichts.

Fast auf den Tag genau ein Jahr danach, am 6. Mai 1990, wählten die Bürger der DDR zum letzten Mal. Wieder eine Kommunalwahl. Wieder beobachtete Matthias Ortmann in Mestlin, ob alles wirklich mit rechten Dingen zuging.

Erwar dort der Wahlleiter.
 

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