zur Navigation springen

Wärmenetz in Bollewick in Betrieb genommen : Wärmewunder im Haus ohne Fenster

vom

In Bollewick ist die berühmte 130 Jahre alte Feldsteinscheune der Mittelpunkt des Dorfes. 50 000 Liter Öl wurden im Jahr benötigt, um das Gebäudes zu heizen - seit gestern keinen einzigen mehr. Nun heizen sie mit Biogas.

svz.de von
erstellt am 15.Feb.2013 | 08:33 Uhr

Bollewick | Hinter den Einfamilienhäusern an der Ortsdurchfahrt ragt die berühmte 130 Jahre alte Feldsteinscheune hervor. Zu DDR-Zeiten war sie ein Stall für 650 Rinder, heute Mittelpunkt des Dorfes. Neben kleinen Kunsthandwerkern, Läden und dem Hotel sind in der Scheune die Dorfkneipe, die "Tenne" und der Marktplatz. Hier trifft sich das Dorf. 50 000 Liter Öl brauchte die Gemeinde im Jahr, um die Räume zu heizen. Aber seit gestern keinen einzigen mehr. Nun heizen sie mit Biogas.

In Bollewick ist die Energiewende Realität. Während sich die Politik noch über Kosten und Details streitet, haben in dem kleinen Ort nahe der Müritz Gemeinde, Bürger und Unternehmen das Zepter selbst in die Hand genommen. Setzten Solaranlagen auf alle Gebäude der Gemeinde und bauten zwei Biogasanlagen. Und gestern wurde nun ein Wärmenetz, das die Abwärme von den Biogasanlagen an die Haushalte im Dorf liefert, feierlich in Betrieb genommen. Auch Energieminister Volker Schlotmann (SPD) gehörte zu den Gästen in der "Tenne". Er lobte das Engagement im Ort als beispielgebend. Es mache anderen Gemeinden Mut sich auf den Weg zum Energiedorf zu machen.

In Mecklenburg-Vorpommern dürfen sich neben Bollewick fünf weitere Dörfer als Bio-Energiedorf bezeichnen. Damit hinkt der Nordosten dem Süden immer noch hinterher. In Baden Württemberg und Bayern erzeugen bereits 50 Ortschaften ihren Strom und ihre Wärme selbst. Dabei könnten es im Land deutlich mehr sein. In 80 Dörfern sei der Umstieg bereits beschlossene Sache und vier Gemeinden setzten ihre Beschlüsse gerade um, hieß es aus dem Ministerium für Energie und Infrastruktur.

In Bollewick gestaltet Berthold Meyer nun schon seit 1990 das Leben im Dorf als Bürgermeister mit. Vor großen Projekten schreckten er und seine Mitstreiter nicht zurück. Nach Wende sanierten sie die Scheune, nun krempelten sie die Energieversorgung des Dorfes um.

Meyer sieht in den erneuerbaren Energien eine große Chance für den ländlichen Raum etwas Wohlstand zu schaffen. Seine Vision ist die Energiewende von unten, sagt er. Energie ist zu einer Passion für ihn geworden. Fast sechs Millionen Euro investierten sie in Bollewick seit 2007 in Energieprojekte.

In zwei Landwirten fand der Bürgermeister und Energie-Coach der unabhängigen Akademie für nachhaltige Entwicklung (ANE) in Güstrow Mitstreiter. Sie steckten jeweils zwei Millionen Euro in Biogasanlagen, gewannen aus Raps, Mais, Getreide und Stalldung Strom. Aber die Kleinkraftwerke produzieren Abwärme, die Meyer nicht ungenutzt lassen wollte. Also warb er im Ort für ein Wärmenetz. Mehr als drei Kilometer lange Leitungen wurden zwischen den Biogasanlagen der Landwirte und den Häusern der Dorfbewohner verlegt. Dafür gab die Gemeinde rund 1,1 Millionen aus - verzehrte Rücklagen, bekam Landesmittel und nahm Kredite auf. Nun hängen 53 Häuser und die große Scheune am Wärmenetz.

Einige hundert Meter von der Scheune Richtung Röbel entfernt steht der Kern des Wärmenetzes: Das Haus ohne Fenster, wie Meyer es nennt. Hier wird Wärme in Tanks gespeichert und durch Rohre zum größten Abnehmer, der Scheune am Ende des Ortes geleitet.

"Wie der Preis für fossile Energie in den Jahren aussieht, wissen wir nicht." Aber durch die Eigenversorgung kann langfristig ein niedriger Preis für Wärme garantiert werden. Und schon jetzt sind die Heizkosten um ein Drittel günstiger.

Aber dennoch will Bollewick kein Leuchtturm sein, sondern Lotse. "Wir wollen anderen helfen einen ähnlichen Weg zu gehen und nicht herausragen", sagt Meyer, dem bereits neue Ideen im Kopf herumschwirren. Gemeinsam mit sieben anderen Dörfern überlegt er, wie Grünschnitt energetisch genutzt und wie die überflüssige Wärme der Biogasanlagen im Sommer verkauft werden kann.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen