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Gefährliche Gauner : Vorsicht, hier spricht nicht die Polizei

vom
Aus der Onlineredaktion

Sie bieten vermeintlich Hilfe an, wollen aber nur abkassieren: In MV werden falsche Polizisten immer mehr zum Problem

svz.de von
erstellt am 26.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Oberkommissar Schwarz meldete sich bei Elfriede J. (Name geändert) mit beunruhigenden Nachrichten: Die Polizei habe mehrere jugendliche Einbrecher festgenommen und bei dem Einsatz eine Liste mit den Adressen potentieller Opfer gefunden. Auch die 80-Jährige aus Greifswald sei ins Visier der Kriminellen geraten, erläuterte der Oberkommissar. Da die Seniorin immer noch Opfer werden könne, bot der vermeintliche Polizist an, ihr Geld in sichere Verwahrung zu nehmen. Bereitwillig gab Elfriede J. dem hilfsbereiten Beamten Auskunft über ihr Vermögen. Sie hatte den Köder geschluckt. Um abkassieren zu können, musste der falsche Kommissar Schwarz jetzt nur noch die Geldübergabe arrangieren.

Die Masche von sogenannten falschen Polizisten funktioniert meist nach demselben Prinzip: Ein Anruf, warnende Worte – und ein vermeintliches Hilfsangebot. Ihr Ziel: Geld und Wertgegenstände. Die Betrugsmasche wird immer mehr zum Problem. Die Zahl der Delikte steigt bundesweit an. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Betrugsvariante nach dem „Enkeltrick“ bereits die zweithäufigste Form von Trickstraftaten, wie der Sprecher des Landeskriminalamtes, Michael Schuldt, mitteilt. 40 Fälle mit falschen Polizisten wurden 2016 in MV registriert – dieses Jahr hat das LKA dagegen bereits 183 versuchte und vollendete Betrügereien durch falsche Amtspersonen erfasst.

Wie schon beim „Enkeltrick“ werden ältere Menschen als potenzielle Opfer ausgewählt. „Die Adressen besorgen sich die Täter von Daten-Händlern“, weiß Ulf Küch, Vize-Vorsitzender vom Bund deutscher Kriminalbeamter und Kripochef in Braunschweig. Die Kriminellen suchten gezielt nach Namen, die auf ein hohes Alter schließen lassen. Am Telefon geben sich die Gauner als Staatsanwälte, Polizisten oder Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes aus. Sie behaupten beispielsweise, der Angerufene stehe auf einer Einbruchsliste von Kriminellen. Ein Kollege werde die Wertgegenstände abholen und sicher aufbewahren. Eine andere Masche: Auf dem Konto des Opfers liege angeblich Falschgeld, das überprüft werden müsse. Bei einem Fall in Neubrandenburg gaukelten falsche Kriminalisten einer Rentnerin vor, die russischen Mafia hätte es auf ihr Geld abgesehen.

Tipps von der Kripo
Wer nach einem verdächtigen Anruf unsicher ist, sollte sich ans örtliche Polizeirevier wenden oder selbst den Notruf 110  wählen -  dabei aber keine Rückruffunktion des Telefons nutzen. Sonst könnte man möglicherweise wieder bei den Betrügern landet. Erscheint die 110 im Telefondisplay,  steckt nämlich   ein Gauner dahinter. „Das ist ein eindeutiges Zeichen für Betrug“,  erklärt Nicole Buchfink vom Polizeipräsidium in Neubrandenburg. Es sei technisch für die Polizei gar nicht möglich, sich über die 110 zu melden.   „Die echte Polizei wird auch niemals Kontodaten oder Vermögensverhältnisse  am Telefon erfragen“, so Buchfink weiter. Bargeld sollte auch niemals an fremde Personen übergeben werden. Weitere Informationen zum Schutz vor Betrug unter: www.polizei-beratung.de

Die Kriminellen, so schildern es Ermittler, spielen ihre Rollen sehr glaubhaft und agieren professionell. Senioren seien nicht mehr so wehrhaft und kritisch – und zudem oft froh über den Kontakt, meint Ralf Stetza, ehrenamtlicher Seniorensicherheitsberater und ehemaliger Polizist. Aber nicht nur „einfache Menschen“ würden zu Opfern, sagt er – sondern auch beispielsweise Juristen. „Die Betrüger nutzten die Angst der Menschen vor Einbrüchen aus“, sagt BDK-Vize Küch. Deutschland sei auch aufgrund des demografischen Wandels ein Eldorado für die Täter. Die Betrüger haben noch relativ selten Erfolg. Verhindert werden die Betrügereien meist in letzter Minute „von aufmerksamen Taxifahreren oder Bankangestellten“, weiß LKA-Sprecher Schuldt.

Klappt der Betrug jedoch, ist die Schadenssumme meistens enorm. Die Täter ergaunern Millionen. Die Greifswalderin Elfriede J. übergab an den Gehilfen des falschen Oberkommissars 30 000 Euro in bar. Der Polizei in Münster wurden seit Anfang September 100 Anrufe von falschen Polizisten gemeldet, nur bei sechs kam es zur Übergabe von Wertgegenständen, Schmuck oder Geld – insgesamt jedoch im Wert von mehreren 100 000 Euro. Die größte Beute in einem Einzelfall in Nordrhein-Westfalen lag bisher bei über 520 000 Euro.

Opfer können laut Bundeskriminalamt (BKA) auch mehrfach ins Visier genommen werden. Falsche Polizisten oder Staatsanwälte würden anrufen und behaupten, dass sich die Menschen durch die Erstzahlung strafbar gemacht hätten und ein angeblich eingeleitetes Ermittlungsverfahren nur gegen eine weitere Zahlung abwendbar sei. Opfer würden oft massiv unter Druck gesetzt. So warnten falsche Polizisten ihre Opfer vor vermeintlichen Polizisten - tatsächlich handelte es sich aber um die echten Beamten. Besonders tückisch: Auf dem Telefon-Display der Opfer erscheinen oft manipulierte Rufnummern wie der Notruf „110“ oder die Nummern von anderen Behörden wie dem BKA oder einem örtlichen Polizeirevier. Ermittler wie Küch gehen davon aus, dass die Betrüger aus Call-Centern vor allem aus der Türkei anrufen. In Deutschland haben sie Komplizen, die als Geldboten unterwegs sind. „Es ist schwierig, die elektronischen Spuren zu verfolgen und den tatsächlichen Anschluss ausfindig zu machen“, erläutert Kripochef Küch. Die Aufklärungsquote sei sehr niedrig.

Hinter den Betrügereien steckten international operierende Banden. „Die Zusammenarbeit mit den Behörden anderer Länder wie Polen und der Türkei gestaltet sich aber sehr schwierig“, sagt Küch. Ein weiteres Problem: Nur etwa jeder fünfte bis siebte Fall von Telefonbetrug wird angezeigt. „Viele Opfer schämen sich, dass sie auf die Masche hereingefallen sind. Oft werden wir zu spät informiert“, erklärt Küch. Die hochflexiblen Betrüger seien dann längst über alle Berge.

Besonders wichtig ist deshalb die Prävention. Die Polizei warnt mittlerweile auf vielen Wegen: Sicherheitsberater klären Senioren in Kursen über die Maschen der Trickbetrüger auf. Das LKA Mecklenburg-Vorpommern verweist auf ein Merkblatt für Kreditinstitute und Banken, mit dem Angestellte für das Problem Trickstraftaten sensibilisiert werden sollen. Doch Präventionsarbeit allein reicht laut BDK-Vize Küch nicht aus. „Werden die Menschen vergesslich oder dement, bringt das nichts.“ Die Polizei müsse aufrüsten: „Wir brauchen mehr zivile Fahnder und erfahrene Ermittler.“

Udo Roll / Antonia Hofmann

 

Falscher Nummernzauber

Bonn Festnetz-Telefone und Smartphones sind für zwielichtige Unternehmen und Kriminelle ein Türöffner: Sie setzen Lockanrufe ab, die teure Rückrufe provozieren sollen. Ein großes Problem sind verbotene Lockanrufe (Ping-Calls), also von Computern gesteuerte Anrufe, die nur so kurz eingehen, dass man überhaupt keine Chance hat, sie anzunehmen.

Das Kalkül dahinter: Man ist neugierig, ruft zurück und wundert sich über nebulöse Bandansagen oder Rauschen. Die Hintermänner der Ping-Calls aber streichen als Nummerninhaber einen Teil der Gebühren ein, die der Rückrufer zahlt.  „Wir stellen fest, dass etwa seit Mitte letzten Jahres im Bereich Ping-Anrufe vermehrt ausländische Rufnummern genutzt werden“, sagt Michael Reifenberg von der Bundesnetzagentur, die für das Vorgehen gegen rechtswidrige Nummern-Nutzung zuständig ist.

Ob Burundi, die Seychellen, der Kosovo – sicher ist: Ein Rückruf wird teuer. „Wenn man sich nicht sicher ist, ob das jetzt jemand ist, den man erreichen möchte, dann hilft sicher auch eine kurze Recherche im Internet“, rät Michael Reifenberg allen, die zwischen Misstrauen und Neugierde hin- und hergerissen sind.  Bleibt es nicht bei wenigen Anrufen oder Kurznachrichten, kann man der Belästigung schnell einen Riegel vorschieben: In der Telefon-App des Smartphones lassen sich Nummern meist direkt blockieren. Und im Menü vieler Router ist es möglich,  etwa alle Nummern mit bestimmten Vorwahlen zu sperren.

Dirk Averesch

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