Mecklenburgisches Staatstheater : Vor der Premiere: „Vor dem Fest“

Die Schauspieler auf einem Stoppelfeld bei Fürstenwerder in der Uckermark Fotos: Hans-Dieter hentschel                         
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Die Schauspieler auf einem Stoppelfeld bei Fürstenwerder in der Uckermark Fotos:

Schauspieler des Mecklenburgischen Staatstheaters besuchten das Dorf Fürstenwerder, das Vorbild für den Roman, der auf die Schweriner Bühne kommt

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15. September 2017, 11:40 Uhr

Das wird bestimmt lustig. Schauspieler auf Klassenfahrt. Das kann nur lustig werden. War lustig. Aber nicht nur. So eine Fahrt war das. Auf nach Fürstenwerder in die nordwestlichste Ecke der Uckermark, gleich an der Grenze zu Mecklenburg.

Wer „Vor dem Fest“, den umwerfenden Roman von Saša Stanišic gelesen hat, weiß, was der Reporter gerade versucht hat – den Stil des bosnischen Autors zu imitieren. Der heute 39-jährige Schriftsteller hat eine Zeit lang in Fürstenwerder gelebt, in der Pension „Zur alten Molkerei“, und dann das Buch geschrieben. Über Fürstenwerder und seine Bewohner. Im Roman heißt das Dorf Fürstenfelde, und auch die Leute und Geschichten aus Fürstenwerder tauchen im Buch nicht eins zu eins auf. Ist schließlich keine Ortschronik. Eine Chronik ostdeutscher Seelenlagen allemal.

Elf Schweriner Schauspieler samt Schauspieldirektor und Inszenierungsteams fallen an einem Montag in Fürstenwerder ein. Die Füchsin aus dem Roman ist nicht zu sehen. Auch sonst kaum jemand. Montag haben Fürstenwerder und seine 650 Einwohner Ruhetag. Eine Gardine bewegt sich, immerhin.

„Fremde kommen selten zu uns. Selten bleiben sie. Selten bleiben uns Fremde, die länger bei uns bleiben, fremd. Selten freunden wir uns mit den Fremden an, auch wenn sie länger bei uns bleiben.“

„Ich muss für meine Figurenfindung unbedingt auf die Promenade“, ruft der Schauspieler Jochen Fahr, der in der Bühnenfassung des Romans „Vor dem Fest“ Herrn Schramm spielt – „ehemaliger Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner“.

Darum geht es. Die Theaterleute wollen Leute aus Fürstenwerder treffen, die irgendwie Vorbilder für Figuren im Roman waren. Mit Fantasie verfremdete, magisch verwandelte Figuren. Wege gehen, auf denen auch die Helden der Stanišic-Geschichten gingen. In jener Nacht vor dem Annenfest, in der die Geister des Dorfes auf die Ruhelosen, die Alteingesessenen und Zugezogenen, die Alten und Jungen, die Enttäuschten und ein bisschen Verrückten treffen. Auf Mythen und Legenden, auf Tote und Lebende. So scheint nach und nach, bis zum Sonnenaufgang, eine Ahnung auf von der Geschichte dieses uckermärkischen Fleckens, der auch Lausitz oder Lewitz heißen könnte.

„DIE NACHT TRÄGT HEUTE DREI LIVREEN: Was War, Was Ist, Was Wird Geschehen.“

Zum Beispiel Andreas Kranzpiller, 93, Maler und Ortschronist. Lebt seit 1947 in Fürstenwerder, geflüchteter Donauschwabe. Stanišic ist auch Flüchtling, aus Bosnien mit 14 Jahren geflohen. Maler und Autor haben sich gut verstanden. „Ich bräuchte fünf Häuser, um alle meine Bilder auszustellen“, sagt Kranzpiller und holt ein Bild nach dem anderen hervor. Aquarelle, die Fürstenwerder und seine Seen, Feldern und Wiesen zeigen. Auch in der Heimatstube hängen Dutzende Bilder von Kranzpiller. Die heißen „Aufbau der MTS“ oder „Der erste sowjetische Mähdrescher“ oder „Ernst-Thälmann-Straße“. Wer sich an Dinge aus dem Alltag der DDR erinnern will, ist in den Heimatstuben genau richtig. Suppina Brühwürfel, Massagegerät von AKA Elektric, solche Sachen. Museum oder Gruselkabinett?

„Solang noch ein DDR-Fön irgendwo Haare trocken kriegt, ist die DDR nicht tot.“

„Als ich noch das Kinderferienlager geleitet habe, habe ich alle Kinder der beiden Durchgänge mit Kohle gezeichnet, 120 Porträts.“ Kranzpiller, Maler und Geschichtenerzähler. Die Sopranistin Anne Steffens hört besonders gut zu, sie spielt im Stück die alte Malerin Ana Kranz, die viel von Kranzpiller hat. Aber auch von der zweiten Malerin in Fürstenwerder – Irene Sohler. In ihrem Atelier hängt ein neues Bild, das Porträt eines syrischen Mädchens. Wie die Flüchtlinge in Fürstenwerder aufgenommen wurden? „Eine große Gruppe hat sich engagiert. ,Die Garage‘ würde sich wohl sträuben“, sagt die Malerin vorsichtig. Mit der Figur der Malerin im Roman identifiziere sie sich nicht. „Das fiktive Fürstenfelde ist irgendwie unser Dorf, aber doch auch ganz anders.“

Was meint die Malerin mit „Die Garage“? Eine zur Kneipe umfunktionierte Garage. Gibt es tatsächlich, ein zentraler Ort im Roman, wo der neueste Klatsch bei einem Sterni-Bier ausgetauscht wird.

„In der Garage darf nichts ohne Widerworte ernst genommen werden. Zu Hause ist es ernst genug, auf der Arbeit, auf keiner Arbeit.“

Den Kneiper Ulli spielt Martin Neuhaus, der seit vielen Jahren nebenan in Feldberg lebt und diesen Ausflug für seine Kollegen organisiert hat. Der erste Arbeitstag für die Schauspieler nach der Sommerpause. Leider hat „Die Garage“ so früh am Tag noch geschlossen.

Annett Schröder, die schöne Keramikerin, erwartet die Schauspieler. Im Roman heißt sie Frau Reiff. In der alten Schmiede hat sie ihre Werkstatt eingerichtet. Dort brennt sie ihr edles Raku-Geschirr. Die Schauspieler lassen sich alles erklären, fragen nach, auch Katrin Heinrich, die auf der Bühne Frau Reiff spielt. Annett Schröder zeigt ihren Märchengarten und erzählt, wie Saša Stanišic bei einer Führung hier das Kapitel über die „Keramik-Maus“ (O-Ton aus der „Garage“) vorgelesen hat. Die Künstlerin klingt stolz. Sie schenkt der Schauspielerin ein Stück feuchten Tons.

„Frau Reiff erzählt, dass sie immer dann, wenn sie eine Sorge hat, auf die Felder rausgeht, bis sie einen Stein gefunden hat, er muss ungefähr so groß sein wie ihre Sorge, und den bringt sie her und legt ihn auf die Mauer, und die Sorge ist dann schon kleiner geworden.“

Auf einem Stoppelfeld bei Fürstenwerder. Fototermin. Eine Szene wie aus dem Roman. Die elf Schauspieler in Pelzmänteln. Vogelscheuchen. Pralle Sonne. Sie tanzen im Kreis. Singen „Hejo spann den Wagen an“. Das erinnert nun wirklich an eine ausgelassene Schulklasse. Schauspieldirektor Martin Nimz, der „Vor dem Fest“ inszeniert, war sofort begeistert von der Idee, das reale Fürstenfelde zu besuchen. „Schön, so in die Proben zu starten“, sagt auch Dramaturgin Nina Steinhilber, die gemeinsam mit Nimz die Bühnenfassung geschrieben hat.

Auf der Fahrt nach Fürstenwerder geriet das Ensemble auf Abwege. „Das Mecklenburgische Staatstheater irrt durch die Provinz auf der Suche nach einem Ort, den es vielleicht gar nicht gibt“, witzelte Schauspieler Jochen Fahr.

Wir sind froh. Es gibt dieses Dorf. Aus dem die Einwohner demnächst ins Theater nach Schwerin fahren werden. Eine Begegnung der dritten Art. Zwischen ihrem Fürstenwerder, dem von Saša Stanišic erfundenen Fürstenfelde und dem, was im Theater erwacht.

Aufführungen

Premiere von „Vor dem Fest“ am Freitag, den 22. September 2017, um 19.30 Uhr im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters

Weitere Vorstellungen: 24.9. und 1.10. um 18 Uhr; 12., 27.10., 7., 23.11., 9.12.2017 sowie 5. und 11.1.2018 jeweils 19.30 Uhr; 14.1. um 18 Uhr und 28.1.2018 um 15 Uhr

Kartentelefon: 0385 5300 – 123; kasse@mecklenburgisches-staatstheater.de

* Zitate aus dem Roman „Vor dem Fest“ von Saša Stanišic (Luchterhand)

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