Lüttenwihnachten : Vor der Bescherung an die Tiere denken

Waldtiere: Warten auf den Gabentisch?
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Waldtiere: Warten auf den Gabentisch?

Lüttenwihnachten – ein alter Weihnachtsbrauch in Mecklenburg ist bis heute lebendig

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24. Dezember 2013, 09:00 Uhr

Der kurze Tag leuchtete hell von Schnee, der letzte Nacht gefallen war. Kein Laut störte die Ruhe. Still stand der Wald und schwieg.

Heiligtag. Großvater und Enkelsohn glitten mit Skiern über den silberblanken Weg, hinter sich die mit Heu beladenen Schlitten, pfeilgerade Spuren ziehend. Vom Wipfel der blätterlosen Buchenzweige schüttete ein Häher Schneeflocken wie Lametta auf sie hinab. Heiser rufend meldete er sie als Fremde in seinem Revier. Ein Rabe gab die Nachricht weiter.

Großvater hielt inne. Seinen schweren Rucksack hätte er gern abgesetzt, doch vor dem Enkel duldete er keine Schwäche. Der trug eine ebenso große Last auf dem Rücken. Eine kurze Rast verdienten beide. Die Stille klang ihnen in den Ohren und der glitzernde Schnee blendete.

Wo waren die Tiere? Großvater wies mit seinem Skistock auf Abdrücke im Schnee. Ein Feldhase hinterließ sie auf seiner Suche nach dürren Grashalmen. Und dort im Graben führten Trippelschritte in ein unter bereiften Binsen verstecktes Mauseloch.

Nahe der Waldlichtung mehrten sich die Spuren von Damwild im Neuschnee und der Junge fragte, ob sie nun bald am Ziel wären. Er sähe keine Futterkrippe. Stürzte der letzte Dezembersturm sie um? Nur ein Balken ragte aus der hohen Schneewehe. Großvater nickte, setzte die Skistützen in den Schnee und zog Werkzeug aus der Fracht. Durch Busch und Tann drangen die Hammerschläge, dann stand sie wieder aufrecht und fest auf der Lichtung und wurde mit allen Gaben aus den Rucksäcken gefüllt. Der Junge zog vom Schlitten den Heuballen durch den tiefen Schnee. Er duftete nach Sonne und Sommerwind und blieb unter dem breiten Dach der Krippe locker verteilt trocken.

Danach streuten Großvater und Enkel Kastanien, Eicheln und Sonnenblumenkerne in die von Eis und Schnee befreiten Futtertröge. Die tönernen Blumentöpfe, in die sie zu Hause Talg mit Kernen taten, befestigten sie unterhalb der Dachtraufe und heimlich – Großvater sollte es nicht bemerken – legte der Junge einige Wal-, Erd - und Haselnüsse unter die losen Dachschindeln. Seit dem Nikolaustag hielt er sie versteckt – jetzt wollte er Eichhörnchen und Eichelhäher zur Lüttenwihnachten damit überraschen. Großvater sah es und schmunzelte – wie sich Alte und Junge über die Zeiten glichen, wenn es auf das Fest zuging, das gefiel ihm an diesem uralten Brauch:

Vor der großen Bescherung am Heiligen Abend zuerst an die Tiere zu denken, wärmte und rührte ihn in jedem Jahr. In seiner Kindheit galt der Gebrauch den vielen Haustieren, die zur Hauswirtschaft gehörten, vom Kater, der Katze, den Hofhunden, den Schweinen, Hühnern, Enten, Gänsen bis zu den Rindern und Pferden. Sie bescherte man vor dem Kirchgang zur Christvesper mit einer weit vorgezogenen Fütterung.

Für die nächsten Nachbarn standen Weihnachtsteller mit Pfeffernüssen, weiß und braun, Proben von Leber- und Mettwürsten aus der Hausschlachtung und kleine geschmückte Tannenzweige mit Kringeln und Brezeln aus Marzipan bereit. Der Tausch der festlichen Köstlichkeiten erfreute sich im Dorf größter Beliebtheit, und man holte sich selbst die schönste Weihnachtsvorfreude ins Haus.

Es dunkelte, sie mussten sich sputen, aufzubrechen. Lüttenwihnachten, das sie für die Waldtiere und Vögel ausrichteten, erfüllte sie mit großer Freude.

Großvater und der Junge entzündeten Kerzen in alten Stalllaternen, warfen noch einen Blick zurück. Am reich gedeckten Gabentisch stellten sich die ersten Gäste ein: Wildkaninchen saßen unter der Heukrippe. Zwei Rehe kamen – ein Fuchs schnürte aus dem Unterholz heran. Raben krächzten und hüpften ungeduldig. Komm, mahnte Großvater. Leise und leicht glitten sie über ihre erste Skispur mit den Schlitten zurück.

Als sie die dunkle Silhouette ihrer Siedlung vor dem Himmel und die Weihnachtslichter in den Fenstern der Häuser an der Dorfstraße sahen, liefen sie schneller. Zu ihrem Heiligen Abend.


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