zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

20. November 2017 | 10:55 Uhr

Herz-OP Live : Vor aller Augen mitten ins Herz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Rostock verfolgten am Dienstag mehr als 200 Interessierte vom Hörsaal aus eine echte Operation – die Live-Übertragungen haben bereits eine 15-jährige Tradition

Mehr als 200 Augenpaare schauen gebannt zu, als das Herz aufhört zu schlagen. Es ist mucksmäuschenstill. Dann hustet jemand. Durch die Tür drängen sich ein paar Nachzügler, die nur noch auf den Treppenstufen Platz finden. Oberarzt Dr. Bernd Westphal lässt sich dadurch nicht beirren. Sicher führt er das Skalpell, präpariert das Herzkranzgefäß frei, für das er gleich eine Umleitung – einen Bypass – legen wird. Mit ihm im OP-Saal der Rostocker Herzchirurgie befindet sich gestern Mittag nur das siebenköpfige Operationsteam. Die Zuschauer, gut 200 an der Zahl, verfolgen im nahegelegenen Chirurgie-Hörsaal auf einer Leinwand den Eingriff.

Bereits seit 15 Jahren haben Live-Übertragungen von Operationen an der Rostocker Herzchirurgie Tradition. Einmal jährlich werden sie zur Ergänzung des Unterrichts für die Studierenden, aber auch zur fachlichen Weiterbildung von Pflegekräften und Medizinern aus anderen Kliniken angeboten. Gestern stand eine Bypass-Operation auf dem Plan, heute wird der Ersatz einer Aortenklappe übertragen.

„Bis in die 60er-, 70er-Jahre hinein war es üblich, dass die Studenten in einem Hörsaal um die OP-Tische herumstanden und Operationen wirklich live miterlebten“, erzählt der Direktor der Klinik und Poliklinik für Herzchirurgie, Prof. Dr. Gustav Steinhoff. Heute würde sich das aus hygienischen, aber auch aus organisatorischen Gründen verbieten. Lediglich in Kleingruppen könnten Studierende an „richtigen“ Operationen teilnehmen. Viele Eingriffe würden sie aber nur durch Lehrfilme kennenlernen.

Eine Live-Übertragung aus dem OP biete für eine große Zahl Interessierter die Chance mitzuerleben, wie das Team agiere und reagiere, so Steinhoff – auch bei eventuellen Zwischenfällen. Zwar könnten den Beteiligten keine Fragen gestellt werden, denn das würde die Operation stören und ihren Erfolg gefährden. Ein Moderator im Hörsaal, in diesem Fall der Klinikdirektor selbst, gebe aber Erläuterungen.

Tatsächlich hat die Operation schon eine gute halbe Stunde vor Beginn der Live-Übertragung begonnen – das Eröffnen des Brustkorbs wird deshalb erst später als kurzer Einspielfilm gezeigt. Der Patient, ein 76-Jähriger, weiß, dass seine OP gefilmt wird, betont Prof. Steinhoff, er hätte dem ausdrücklich zugestimmt. Bereits seit Jahren leide der Mann an einer Arteriosklerose – Ablagerungen an den Gefäßwänden drohten, seine Schlagadern zu verschließen, was zum Infarkt führen würde. Zweimal schon, 2002 und 2007, seien ihm Stents gesetzt worden, die die Gefäße an den kritischen Stellen aufspannen und offenhalten sollen. Jetzt aber drohten auch sie sich zuzusetzen. Insgesamt drei Bypässe sollen das nun verhindern. Anders als bei den Stents werden dafür keine Prothesen benutzt, es wird vielmehr auf körpereigenes Material zurückgegriffen: Ein Teil der „Umleitung“ entsteht aus einer Vene, die dem Patienten aus dem Unterschenkel entnommen wird. Für die anderen Teile nutzt Dr. Westphal Abschnitte der Brustwandarterie.

Für die Dauer des Eingriffs wird der Patient an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die zeitweise die Funktion des Herzens übernimmt. Sie kühlt zusätzlich den Körper von 37 auf 34 Grad herunter – „das senkt den Sauerstoffverbrauch um 40 Prozent“, erläutert Prof. Steinhoff im Hörsaal. Durch eine Kaliuminjektion werde der Herzmuskel eine zeitlang künstlich gelähmt, das senke den Sauerstoffverbrauch noch weiter – und sorge dafür, dass nicht nur bei bewegungslosem Herzen, sondern auch ohne Blutfluss operiert werden könne.

In Deutschland würden 85 Prozent der Bypass-OPs am stillgelegten und nur 15 Prozent am schlagenden Herzen ausgeführt, erläutert der Klinikdirektor. Letzteres erspare den Einsatz der teuren Herz-Lungen-Maschine, sei für den Operateur aber technisch anspruchsvoller, so Steinhoff.

Derweil können die Zuschauer im Hörsaal beobachten, wie Dr. Westphal milimetergenaue Stiche setzt, um die Blutgefäße miteinander zu verbinden. Dabei ist nur die Nadel zu erkennen, den Faden sieht lediglich der Operateur, der eine Lupenbrille mit 3,5-facher Vergrößerung trägt.

Selbstverständlich reiche es nicht, nur gut mit Nadel und Faden umgehen zu können, wenn man Herzchirurg werden wolle, betont Prof. Steinhoff, der weltweit als Fachmann geachtet wird. Der Berufsnachwuchs müsse ein sechsjähriges Trainingsprogramm durchlaufen, bei dem alle einzelnen Bestandteile jedes Eingriffs immer wieder geübt werden müssten. „Jeder muss alles tausendmal mitgemacht haben, bevor er es einmal selbst durchführt“, verdeutlicht der Professor. Erst wer 120 Herzoperationen selbst gemacht hätte, könne die Facharztbezeichnung Herzchirurg erwerben - in Mecklenburg-Vorpommern tragen sie gerade einmal zwölf Mediziner, so Steinhoff. An den beiden klinischen Fachabteilungen im Land – in Rostock und Karlsburg – würden sie jährlich rund 2000 Patienten am Herzen operieren, etwa 350 von ihnen bekämen einen oder mehrere Bypässe.

Bundesweit werden jährlich etwa 60 000 Bypass-Operationen durchgeführt – mit sehr guten Ergebnissen: Nach fünf Jahren sind bei Patienten, bei denen mehrere Gefäße betroffen waren, noch mehr als 90 Prozent der Bypässe offen. Viele Patienten können 20, 25 oder sogar 30 Jahre gut damit leben.

Die hervorragende Qualität rühre auch daher, dass herzchirurgische Eingriffe hochgradig standardisiert sind, betont Prof. Steinhoff, der erklärt, was die tonlose Live-Übertragung nicht vermittelt: Dazu gehört auch, dass jeder im OP alles, was er tut, laut ansagt – zu seiner eigenen Kontrolle und zu der durch die Kollegen. Auch bei unvorhergesehenen Zwischenfällen wisse so jeder im Team sofort, wie reagiert werden müsse.

Gestern, bei der Live-OP, bleiben solche Zwischenfälle zum Glück aus. Nach knapp drei Stunden kann der Brustkorb wieder geschlossen werden. Der Patient wird anfangs noch beatmet, am späten Nachmittag soll er auf der Intensivstation aber schon wieder von der Maschine abgekoppelt werden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen