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Mecklenburg-Vorpommern

12. Dezember 2017 | 11:33 Uhr

Geschichte : Von Stalins Gulag ins ZK der SED

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sergej Lochthofen hat die ungewöhnliche Geschichte seines Vaters aufgeschrieben, der trotz Lagerhaft in der Sowjetunion an seinen Idealen festhielt

Kälte, Folter, Zwangsarbeit, Willkür, Hunger, Demütigungen. Lorenz Lochthofen hat 20 Jahre in Lagerhaft und Verbannung in Stalins Sowjetunion verbracht. Es sei ein Wunder, dass der Vater den Gulag in Workuta nördlich des Polarkreises überlebt habe, sagt sein Sohn Sergej. Weit über 100000 Häftlinge sind dort umgekommen – vor allem Russen. 1958 kehrte der überzeugte Kommunist Lorenz Lochthofen nach Deutschland zurück. In der DDR stieg er bis ins Zentralkomitee der SED auf. Er blieb der Einzige in diesen Parteikreisen, der die Lager von innen kannte, und wurde misstrauisch beäugt von den Genossen.

„Die anderen haben ja alle mitgemacht bei Stalin“, hält Sergej Lochthofen fest. Er hat die ungewöhnliche Lebensgeschichte seines Vaters aufgeschrieben. Im Rahmen des Begleitprogramms zur Gulag-Ausstellung im Marstall in Schwerin liest er heute Abend um 19 Uhr aus „Schwarzes Eis“.

Nach Zusammenstößen mit der faschistischen SA floh Lorenz Lochthofen 1930 in die Sowjetunion. Anfangs arbeitete der Schlosser aus dem Ruhrpott, Jahrgang 1907, im Donbass in der heutigen Ukraine. Der junge Genosse fiel der Partei auf. Er durfte in Moskau Journalismus studieren und wurde Redakteur einer deutschsprachigen Zeitung. 1937 jedoch wurde er Opfer der stalinistischen Säuberungen. Acht Jahre Zwangsarbeit im Arbeitslager und danach lebenslange Verbannung lautete das Urteil. Erst 1958 durfte er ausreisen. In Gotha machte er nach und nach Karriere beim VEB Waggonbau. Danach leitete er für vier Jahre das Büromaschinenwerk in Sömmerda. Kurz vor der Wende starb er 1989 im Alter von 82 Jahren.

Sergej Lochthofen wurde 1953 in der Verbannung in Workuta geboren. Er wusste von dem Unrecht, das um ihn herum geschah, sagt Lochthofen, dennoch habe er eine glückliche Kindheit gehabt. „Kinder richten sich ein.“ Zudem habe er die Liebe und Wärme seines Vaters empfunden. „Er hat nie erfahren, warum er von der Straße weg verhaftet wurde. Es gab keine Anklage, kein Verfahren, keinen Richter.“ Auch in den Archiven hat Lochthofen keinen Hinweis gefunden, was seinem Vater von den eigenen Genossen vorgeworfen wurde. „Er hat nie ein Schuldeingeständnis unterschrieben“, berichtet der Sohn. Im Gegenteil, in einem Schriftsatz wies er 1956 alle denkbaren Vorwürfe zurück. Wahrscheinlich hatte Lorenz Lochthofen, ohne es zu wissen, kurz nach der Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU über die Entstalinisierung einen günstigen Zeitpunkt gewählt. Er wurde rehabilitiert. Möglicherweise hätte ihm seine Verteidigungsschrift schon wenig später zusätzliche Haft eingebrockt, mutmaßt der Sohn.

Sein Vater sei in die DDR ausgereist, weil er trotz der erlittenen Pein weiter an die von ihm hochgehaltenen Werte des Sozialismus glaubte. „Den Stalinismus in der Sowjetunion hat er als Entartung betrachtet.“ Außerdem seien die 1950-er Jahre in der Bundesrepublik, wo Kanzler Konrad Adenauer (CDU) Willy Brandt (SPD) einen „Vaterlandsverräter“ schimpfte, nicht so „gemütlich“ gewesen, wie sie manchem im Nachhinein erscheinen.

Erst später kam für Lorenz Lochthofen die Ernüchterung, als er begriff, dass die Entwicklung in der DDR nicht vom lang nachwirkenden Stalinismus in der Sowjetunion abzukoppeln war. Zu zeigen, wie stark die DDR beeinflusst wurde, sei auch ein Motiv gewesen, das Buch über seinen Vater zu schreiben, sagt Lochthofen. „Die DDR hatte keine andere Chance. Mit Stalin als Geburtshelfer konnte da nur eine Missgeburt herauskommen.“ Sergej Lochthofen glaubt, dass sein Buch in den 1990-er Jahren keine Chance gehabt hätte. Inzwischen seien Differenzierungen möglich. „Man ist bereit, Geschichte aus einer anderen Perspektive zu akzeptieren.“

Den Vorwurf, er idealisiere seinen Vater, sieht er gelassen. „Manche sagen, ich schreibe viel zu nüchtern.“ Andererseits hätte sein Vater „bei Hitler nicht mitgemacht. Das können nicht viele von sich sagen. Das allein wäre ein Grund, ihn zu idealisieren.“

Mit seinem Buch war Lochthofen auch in Russland auf Lesereise. Eine ältere Frau aus dem Publikum fragte ihn, warum er Stalin so schlecht mache. Sie bekam viel Applaus für die selbst gegebene Antwort: Weil die Deutschen den Krieg verloren hätten. Von einer Renaissance für Stalin will Sergej Lochthofen nichts wissen. „Er war nie verschwunden. Nur eine dünne Schicht der Intelligenz hat ihn in Frage gestellt. In der Bevölkerung ist er mit der Industrialisierung und dem Kampf gegen Hitler verbunden.“ Trotz der vielen Opfer.


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