zur Navigation springen

Lenins geheime Reise : Von Sassnitz aus in die Revolution

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Stadt will erstmals nach dem Untergang der DDR wieder an Lenins geheime Reise über Rügen nach Petrograd erinnern

von
erstellt am 27.Mär.2017 | 12:00 Uhr

Sassnitz hat sich entschieden. Erstmals nach 18 Jahren will die Stadt auf der Insel Rügen im April wieder offiziell an Wladimir Iljitsch Lenin erinnern, der auf dem Weg zur Oktoberrevolution vor genau 100 Jahren eine Nacht in Sassnitz verbrachte. „Wir planen eine kleine Ausstellung in unserer Bibliothek“, sagt Bürgermeister Frank Kracht (parteilos). An der Pressemitteilung werde bereits gearbeitet. Einige Exponate aus der damaligen Zeit und aus der früheren Lenin-Gedenkstätte sollen gezeigt werden.

Vor der Wende, als Sassnitz noch Saßnitz geschrieben wurde, hatte die Stadt einen Leninplatz, eine Leninstraße, eine Leninschule, ein Lenindenkmal und eine Lenin-Gedenkstätte mit einem Lenin-Waggon aus dem Siegeszug der Revolution. Die Stadt war in der DDR die Leninstadt schlechthin. Mit der Wende im Herbst 1989 befreite sich die Gemeinde von ihrem Revolutionär fast gänzlich. Heute gibt es noch einen abmontierten und mit Farbe beschmierten Lenin-Kopf, abgestellt im Stadthof.

„Nach der Wende haben nur noch wenige nach Lenin gefragt“, berichtet Dieter Holtz (Linke), der viele Jahre Bürgermeister war. Und die meisten, die fragten, kamen aus den alten Bundesländern oder aus dem Ausland. Auch ein Historiker aus Japan sei da gewesen. „Aber die Einheimischen hat das nicht mehr interessiert“, sagt Holtz.

Deshalb ist die geplante Ausstellung aus Sicht der Stadtverwaltung nicht ganz einfach. „Macht man zu viel, heißt es schnell wieder, das rote Sassnitz“, meint Frank Biederstaedt, der die Schau vorbereitet. Andererseits: „Warum soll man diesen Teil der Weltgeschichte ignorieren“, fragt er. Man habe nichts zu verschweigen.

„Er rührte an den Schlaf der Welt mit Worten, die Blitze waren“, dichtete Johannes R. Becher über Lenin. Mit der Oktoberrevolution legte der Marxist und Bolschewik den Grundstein für die Weltmacht Sowjetunion, aber auch für Diktatur und Unterdrückung.

Lenin im Oktober 1917 in Petrograd
Lenin im Oktober 1917 in Petrograd
 

In der Nacht vom 11. zum 12. April 1917 rührte Lenin in Sassnitz an den Schlaf der Welt. Aus Zürich war er über Berlin und Stralsund auf die Insel gekommen und ist am nächsten Tag weitergereist, über Stockholm und Finnland ins revolutionäre Petrograd.

Dabei leistete ihm ausgerechnet das deutsche Kaiserreich mit einer der ausgeklügeltsten und erfolgreichsten Geheimoperation des Ersten Weltkriegs hilfreiche Unterstützung. Deutschland wollte den Zweifrontenkrieg beenden und Frieden mit Russland schließen, um Divisionen für den Kampf an der Westfront frei zu bekommen. Dazu wollte man das Zarenreich politisch destabiliseren und brauchte Umstürzler in Russland – wie beispielsweise Lenin.

Die Unruhen hatten Anfang 1917 mit der Februarrevolution und dem Sturz des Zaren ihren ersten Höhepunkt gefunden. Lenin war zu dieser Zeit noch im Schweizer Exil in Zürich. Über Mittelsmänner bot das Auswärtige Amt in Berlin ihm eine Reise aus der neutralen Schweiz durch deutsches Staatsgebiet an. Am 9. April, es war ein Ostermontag, verließ Lenin mit seiner Ehefrau Nadja Krupskaja und seiner Geliebten Inessa Armand sowie acht weiteren Revolutionären in einem Schweizer Zug Zürich und stieg am frühen Morgen des 10. April an der schweizerisch-deutschen Grenze in einen Schnellzugwagen mit neun Abteilen um.

Bis auf das Offiziersabteil für zwei deutsche Begleiter wurde der Rest des Waggons als „russisches Territorium“ deklariert, mit einem weißen Kreidestrich vom deutschen Teil des Waggons getrennt und verplombt. Lenin wollte sich keine Kollaboration mit dem deutschen Kriegsfeind nachsagen lassen.

Eine eigene Lok gab es nicht. Der Schnellzugwagen und ein zweiter Waggon mit Lenins Gepäck, der ebenfalls verplombt war, wurden während der Reise, die über Frankfurt am Main und Berlin nach Sassnitz führte, als Kurswagen an reguläre Züge angehängt.

In Sassnitz soll man noch vor der Ankunft Wind von dem geheimen Zug mit russischen Gästen bekommen haben, erzählt Frank Biederstaedt. Historisch belegt, sei diese Episode der Reise allerdings nicht. Danach habe man in der Stadt einen kleinen Festempfang geplant, weil man annahm, ein Großfürst sei der geheime Ankömmling. An der Feier nahmen aber nur die beiden Begleitoffiziere teil. Lenin verließ den Waggon erst am nächsten Tag, um an Bord des Schiffes „Drottning Victoria“ zu gehen, das ihn nach Trelleborg brachte.

In Stockholm wartete bereits der deutsche Bankier und Geheimdiplomat Heinrich Bockelmann auf Lenins bunte Truppe, um an Informationen über deren Positionen zu einem Friedensschluss zu gelangen. Der Geheimdiplomat riet dem Auswärtigen Amt später, die Bolschewiki zu unterstützen. Bockelmann hatte lange Zeit in Moskau gelebt und war im Ersten Weltkrieg ins neutrale Schweden geflohen. Noch zu Bockelmanns Lebzeiten wurde 1934 sein Enkel Udo Jürgen Bockelmann geboren, der unter dem Künstlernamen Udo Jürgens („Aber bitte mit Sahne“) als Schlagersänger berühmt wurde.

Die Saat der deutschen Geheimdiplomatie ging auf. Lenin kam am 16. April in Petrograd an und konnte sich nur ein halbes Jahr später mit der Oktoberrevolution an die Macht putschen. Im März 1918 schloss seine Regierung den von Deutschland erhofften Frieden von Brest-Litowsk.

Das Kaiserreich gruppierte anschließend seine Armeen um und konnte im Sommer an der Westfront eine Offensive nach der anderen starten – bis die Militärführung keine Reserven mehr hatte und im Herbst den Waffenstillstand beantragte. Eine Revolution zwang Kaiser Wilhelm II. – wie schon zuvor seinen Vetter Zar Nikolaus II. – die Krone niederzulegen.

In Sassnitz war schon ein Jahr zuvor, im Herbst 1917, Heinrich Bockelmann aus Schweden angekommen. Er wurde noch im Hafen festgenommen, weil er in seinem Koffer 850 000 Rubel hatte, die nirgendwo deklariert waren.

Und was wurde aus Lenins Waggon? Ein Duplikat schaffte es am 26. Oktober 1977 auf die erste Seite des „Neuen Deutschland“. Das Zentralorgan der SED titelte an diesem Tag: „Neue Lenin-Gedenkstätte in Saßnitz eröffnet“. Kernstück der Gedenkstätte war ein alter Reisewagen aus der Kaiserzeit. Bis zur Wende, 13 Jahre lang, konnten Schulklassen und Arbeitskollektive die geheime Fahrt des Revolutionsführers in diesem alten Waggon nacherleben. Der originale Wagen existierte zwar nicht mehr, doch bei der DDR-Reichsbahn hatte man einen Waggon gleicher Bauart gefunden.

Während der Wende wurde der Wagen dankend an die Reichsbahn zurückgegeben. Man hatte keine Verwendung mehr. Die Deutsche Bahn brachte das historische Stück ins Museum nach Nürnberg. Dort firmierte er weiter als „Leninwagen“. Heute steht der Reisewagen im Kaiserbahnhof Potsdam. Er wurde im Inneren komplett umgebaut und dient kapitalistischen Führungskräften der Deutschen Bahn für Konferenzen.

Die russische Oktoberrevolution

Die Oktoberrevolution im Herbst 1917 in Russland leitete das etwa sieben Jahrzehnte dauernde Zeitalter des Kommunismus ein. Unter Führung von Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924) übernahmen die russischen kommunistischen Bolschewiki damals gewaltsam die Macht, beseitigten die bürgerliche sozial-liberale Vorgängerregierung und errichteten eine selbst ernannte Diktatur des Proletariats.

Lenin proklamierte Russland als Sozialistische Sowjetrepublik, die von einem Rat der Volkskommissare unter seiner Führung geleitet wurde und nur aus Bolschewiki bestand. Die Oktoberrevolution sicherte den Bolschewiki zunächst nur die Macht in Petrograd, der damaligen Hauptstadt Russlands. Es folgte ein langer und grausamer Bürgerkrieg mit Hunderttausenden Toten und der kompletten Ausschaltung der politischen Opposition. Mit Gewalt und Terror wurde landesweit das Machtmonopol der kommunistischen Partei durchgesetzt.

1922 wurde von den Bolschewiki schließlich die Sowjetunion als Vielvölkerstaat gegründet, dessen Territorium sich über Osteuropa und den Kaukasus bis nach Zentralasien erstreckte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Sowjetunion zur Führungsmacht der kommunistischen Staatengemeinschaft. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989/1990 löste sie sich schließlich 1991 auf.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen