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Alter Adel im Osten : Von Ribbeck ist wieder zu Hause

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Auf den Spuren des alten Adels im Osten: Aus der Gruft eines Herrn von Ribbeck wuchs einst ein Birnbaum/ An den Früchten erfreuten sich die Kinder des Dorfes

Bundesweit gibt es nach Schätzungen 80 000 „Blaublüter“. Wie viele davon in den ostdeutschen Ländern leben, kann selbst die Vereinigung der Deutschen Adelsverbände nicht sagen. In einer Serie werden wir alte Familien vorstellen, die zurückkamen.

Heute: die Ribbecks

Ein Birnbaum steht nicht in seinem Garten. Aber einige wunderschöne Exemplare kann Friedrich-Carl von Ribbeck fast in Sichtweite seines Hauses sehen. Der 75-Jährige genießt den Anblick.

Vor 25 Jahren kehrte er im Zuge der Wende nach Ribbeck zurück, ins Zuhause seiner Familie, 60 Kilometer westlich von Berlin.„Ich hatte keine andere Wahl“, erzählt der Adlige schmunzelnd. Wer die Familiengeschichte kennt, weiß: Es ist ernst gemeint. Seit 770 Jahren sitzt das Geschlecht derer von Ribbeck im brandenburgischen Havelland. Ihnen gehörte ein Schloss, Ländereien und Wälder. Dem Dorf gaben sie den Namen. Zu DDR-Zeiten wurde die Familie vertrieben. Der Nachfahr macht nun in Birnenessig und lässt hochprozentige Schnäpse brennen.

Ihre Bekanntheit verdanken die Ribbecks dem märkischen Dichter und Schriftsteller Theodor Fontane (1818-1898). Mit dem Gedicht vom Birnbaum im Havelland setzte er ihnen ein Denkmal. Erzählt wird die Parabel von einem Mann, der über den Tod hinaus Kinder beschenkt. Von Ribbeck kann die Verse gut zitieren.

„In Brandenburg sind manche adlige Rückkehrer zu unverzichtbaren Trägern des zivilgesellschaftlichen Engagements geworden“, sagt die Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung, Martina Weyrauch. Die Behörde hat ein Buch unter dem Titel „Heimat verpflichtet“ herausgegeben. Befragt wurden Blaublütige, die den „Marschbefehl der Ahnen“ befolgten und den Neuanfang wagten.

Von Ribbecks Eltern und Großeltern wären vermutlich stolz auf den 75-Jährigen. „Ich hatte mir manches anders erträumt“, gibt er zu und erinnert an den Aufbruch nach der Wende. „Wir waren davon überzeugt, dass wir unser Eigentum zurückerhalten.“ Etwa 300 Hektar fielen zu DDR-Zeiten als Bodenreformland an Neubauern, 1600 Hektar wurden Volkseigentum – und die Familie ging in den Westen.

Über die Zeit nach dem Mauerfall und den Kampf um das Eigentum könnte von Ribbeck Romane schreiben. Immerhin war der Großvater ein Nazi-Gegner, der 1944 ins Konzentrationslager kam und nach dem Krieg als verschollen galt. Ungefähr ein Jahrzehnt beschäftigten sich dann Brandenburger Behörden mit dem Fall.

Nach einem Vergleich 1999 ist das Thema für den Rückkehrer abgeschlossen. „Ich habe meinen inneren Frieden gefunden.“ Preußisch nüchtern stellt er fest. „Eine Entschädigung erleichterte uns den Neuanfang.“

Den Schmerz, dass er das Familien-Schloss nicht kaufen durfte – der Landkreis wollte es nicht aus der Hand geben –, habe er überwunden.

Dafür erwarb der 75-Jährige das Grundstück des ehemaligen Reit- und Kutschpferdestalls. Ein Wink auf die Tradition muss sein: Die Architektur des Hauses erinnert an das im 19. Jahrhundert abgebrannte Schloss. Im Wohnzimmer hängt die alte Grafik. Von Ribbeck fragt sich, wie er das alles schaffen konnte. Nur Gottvertrauen reichte nicht.„Ich wusste, dass ich Gummistiefel anziehen musste.“ Bei der Pflege des Familiengrabes wurde er einmal irrtümlich für den Gärtner gehalten und Ohrenzeuge, wie über Adlige hergezogen wurde. „Ich stellte mich vor und sagte, dass ich heute wohl keine Leibeigenen mehr auf den Feldern antreibe.“ 700 000 Euro hat von Ribbeck in die Brennerei investiert, wo er mit einer Mitarbeiterin Essig produziert. Pro Saison werden drei bis vier Tonnen Birnen verarbeitet. Essig und Birnen-Brände werden übers Internet oder im Hofladen verkauft.

Ribbeck, das zur Stadt Nauen gehört, ist ein Touristen-Magnet. Die meisten kämen wegen des berühmten Gedichts, erzählt Bürgermeister Detlef Fleischmann. Mittlerweile gibt es sogar gebührenpflichtige Parkplätze. „Wenn man dann noch einen lebenden Nachfahren des Herrn von Ribbeck sieht, ist das kaum zu toppen.“ Dessen Erbe wird mal ein Familienmitglied antreten, dem das Geschäft mit Essig und Bränden jedoch zu wenig abwirft. Von Ribbecks Sohn verließ samt Frau und drei Kindern Brandenburg nach zehn Jahren wieder. „Ich habe die Aufgabe meiner Vorfahren übernommen“, motiviert sich der Senior. Ein Grab auf dem Familienfriedhof wird ihm versagt bleiben. Der wurde nach Umbettung seiner Eltern geschlossen. „Vielleicht bekomme ich eine Gedenktafel.“

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