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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 02:39 Uhr

Von Menschen und ihren Rollen

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erstellt am 19.Jun.2013 | 08:20 Uhr

Schwerin | Der Mann ist Chef der Heiligen Inquisition, naja, so nennt man das nicht mehr, "Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre" heißt das jetzt. Eines der höchsten Ämter in der katholischen Kirche ist es aber immer noch. Privat trägt Gerhard Ludwig Müller am liebsten einen schluffigen Jogginganzug. Nach Feierabend ist er Herr Müller - im rotweißen Chorgewand dagegen ist er Seine Exzellenz, der Kurienerzbischof, Präfekt und so weiter.

Das Doppel-Porträt von Gerhard Ludwig Müller ist eines von insgesamt 45 Bildpaaren, die von heute Abend an in der Ausstellung "Kleider machen Leute" der Fotografin Herlinde Koelbl zu sehen sind. Schauplatz: das Schleswig-Holstein-Haus Schwerin, das damit seine Tradition der großen Sommer-Ausstellung fortführt. "So hochklassige Fotografie ist in der Region nicht oft zu sehen", sagt Antje Schunke, die Kuratorin der Schweriner Adaption von "Kleider machen Leute": "Die Kunsthalle in Rostock macht viel, das Schweriner Schleswig-Holstein-Haus und gerade auch das Staatliche Museum."

Koelbl hat für ihr jüngstes Projekt - erstmals gezeigt wurden die Bilder vor einem Jahr in Dresden - in der ganzen Welt Menschen jeweils einmal in ihrer Amts- oder Berufskleidung fotografiert und einmal in ihrem bevorzugten Freizeit-Outfit. Soldaten sind dabei, Metzger, aber auch Sportler, eine Domina und Schulkinder, Ärzte, Gärtner, Geschäftsleute, Bergleute und ein Bischof eben. Unter anderem.

Bekannt geworden ist Herlinde Koelbl vor mehr als 30 Jahren mit dem Fotoprojekt "Das deutsche Wohnzimmer". Sie lichtete Menschen in ihrer guten Stube ab und ließ die Porträtierten in einigen Sätzen zu Wort kommen - eine Methode, die Fotografie-Freunde in MV auch von den Arbeiten des Neubrandenburgers Bernd Lasdin kennen. Der Porträtierte, seine Umgebung, sein Selbstbild und sein von der Fotografin geprägtes, aber erst im Auge des Betrachters voll entstehendes Fremdbild verschmelzen so zu einer Einheit. Viele Serien wie "Männer", "Starke Frauen" oder "Feine Leute" später, ist Herlinde Koelbl die prominenteste Fotografin Deutschlands und stellt weltweit aus. Ihr bisher größtes Projekt war die Porträt-Serie "Spuren der Macht. Die Verwandlung des Menschen durch das Amt", bei der sie acht Jahre lang 15 Personen aus Politik und Wirtschaft begleitete und die Spuren dokumentierte, die Macht und das Ringen da rum etwa im Gesicht von Gerhard Schröder oder Angela Merkel hinterlassen haben.

"Herlinde Koelbls roter Faden ist immer der Mensch", sagt Antje Schunke. Koelbl suche sich immer wieder einen speziellen Aspekt ihres Generalthemas - nun eben die Rolle, die Kleidung spielt. "Konzeptionelle Fotografie" nennt Schunke das, alle Bilder sind nach einem strengen Schema gemacht. Ein Ganzkörper-Porträt im berufsspezifischen Gewand, eines in Freizeitkleidung. Auch diesmal hat die Fotografin die Bild-Paare jeweils durch eine Text-Tafel ergänzt, auf der die Porträtierten kurz erzählen, was ihnen ihre Amtstracht, ihre Uniform, ihre Berufskleidung bedeutet, wie sie es privat mit dem Thema Mode halten und was der Wechsel zwischen den beiden Bereichen Tag für Tag mit ihnen macht.

"Ich bin ein heiterer Mensch, lache und rede viel", sagt Kimurayama Mamoru. Nur wenn er seinen traditionellen Schurz anlegt und in den Ring tritt, dann ist der Sumo-Meister "aggressiv und es gibt kein Mitleid. Ich bin dann brutal und im Kampfmodus".

Ähnlich sieht es der Sportler Felix Petermann: Er sei privat ein lustiger Bursche, aber sobald er seinen Eishockey-Panzer anlege, werde er zum "kalten, aggressiven, unangenehmen Gegenspieler."

Kaum merkbar ist der Übergang bei Hans-Heinrich Wrede. Der deutsche Diplomat, inzwischen außer Dienst, trug immer Anzug und wechselte für den Feierabend nur das Hemd, weil ein Diplomat ja oft bei informellen Treffen die besten Ergebnisse erziele: "Mein Motto: immer verhandlungsbereit". Auch Milan Dirk Pajonkowski ist mit seinem Beruf verschmolzen: "Ich bin Bergmann durch und durch." Wenn er in vier Jahren in Rente gehe, "fehlt mir mein Leben".

Als Betrachter kann man lange vor den Bildern und Texten verharren, man ist auf Augenhöhe mit interessanten Menschen. Mit dem General der Schweizer Luftwaffe Markus Gygax etwa, der nun außer Dienst das anzieht, was seine Frau ihm hinlegt. Dann sieht der Kampfpilot aus wie ein Philosophie-Dozent. "Ganz ehrlich", sagt Kuratorin Antje Schunke, "Ich habe beim Auspacken der Bilder nicht erkannt, dass die beiden Fotos zusammengehören."

Für manche war das erste Anlegen der Berufskleidung der Moment des Ankommens am Lebensziel. "Als ich das erste Mal das Priestergewand trug, war ich am Ziel meiner Wünsche angekommen", sagt Gerhard Ludwig Müller. Dennoch habe er sich darin erst zurechtfinden müssen.

Menschen und ihre Rollen. Die Welt ist eine Bühne, schrieb Shakespeare. Herlinde Koelbls Doppel-Porträts sind auch deshalb so faszinierend, weil man nie so recht weiß, welche der beiden Personen, die man da jeweils durch den distanzierten, aber genauen Blick der Fotografin trifft, nun der wahre Mensch ist. Identität und Außenwirkung. Der Betrachter kann zu einem anderen Bild kommen als der Betrachtete selbst - starke Fotografie, die nicht nur abbildet, sondern ausleuchtet.

Die Ausstellung und mehr
Herlinde Koelbl
„Kleider machen Leute“
Schleswig-Holstein-Haus Schwerin,
Puschkinstraße, 21. Juni bis 15. September
täglich 10 bis 18 Uhr
Telefon 0385 / 555524 / 25 / 27
Schleswig-Holstein-Haus@schwerin.de

Eröffnung (für jedermann, ermäßigter Eintrittspreis)
heute – 20. Juni – Abend um 17 Uhr im
Schleswig-Holstein-Haus Schwerin,
Kuratorin Antje Schunke führt in die Schau ein.

Auch Herlinde Koelbl selbst wird anwesend sein, bei einer Führung durch die Schau dabei sein und das Buch zum Fotoprojekt signieren.

Führungen durch die Ausstellung mit der Kuratorin
Donnerstag, 11. Juli, 14 Uhr
Sonnabend, 10. August, 14 Uhr
Sonnabend, 14. September, 14 Uhr (Finissage)

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