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Mecklenburg-Vorpommern

17. August 2017 | 10:03 Uhr

70 Jahre DEFA : Von Kult- und Kellerfilmen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

DEFA-Erfolge fester Teil des deutschen Filmerbes

In den Ruinen Berlins wird im Frühsommer 1946 der erste deutsche Nachkriegsfilm gedreht. Hildegard Knef spielt in „Die Mörder sind unter uns“ eine junge Fotografin und Holocaust-Überlebende, die sich auch nach Kriegsende mit den Nazi-Tätern auseinandersetzen muss. Wolfgang Staudtes beklemmendes Antikriegs-Drama war der erste Film der vor 70 Jahren gegründeten Filmgesellschaft DEFA. Bis heute vom Publikum geliebten Kultfilme wie „Spur der Steine“, „Die Legende von Paul und Paula“ und die deutsch-tschechische Koproduktion „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ entstehen in dem volkseigenen Betrieb mit Sitz in Potsdam-Babelsberg – oft unter schwierigen Bedingungen.

Am 17. Mai 1946 erteilt die sowjetische Besatzungsmacht den Gründern der Deutschen Film AG (DEFA) – darunter Regisseur Kurt Maetzig –die Lizenz zur Filmproduktion. „Wir wollten damals etwas ganz Neues beginnen“, sagte Maetzig (1911-2012) einmal rückblickend. Den Gründungsvätern, von denen viele den Nazi-Terror am eigenen Leib erlebt haben, geht es um eine antifaschistische und demokratische Filmkunst. Ein bewusster Kontrast zum DEFA-Vorgänger, der Babelsberger Traumfabrik UFA, soll entstehen.

Es geht um das „Vermitteln der neuen Ideen durch begeisternde Filme, die das Schöne, sich Entwickelnde und sich Festigende veranschaulichen und das Negative im In- und Ausland geißeln“. Mit der zunehmenden Stalinisierung der Kulturpolitik versucht die SED-Führung schon bald das Filmwesen in ihr Sprachrohr zu verwandeln. Die politische Einmischung gipfelt im Kahlschlag-Jahr 1965, in dem die SED zwei Drittel der DEFA-Jahresproduktion verbietet.

DEFA-Mitbegründer Maetzig fällt mit seinem Liebesdrama „Das Kaninchen bin ich“ in Ungnade. Der Film erzählt von einem Mädchen, das nicht studieren darf, weil sein Bruder wegen „staatsgefährdender Hetze“ im Gefängnis sitzt. Frank Beyers mit Manfred Krug prominent besetzter Film „Spur der Steine“ über den Konflikt zwischen einer Bauarbeiter-Brigade und einem Parteisekretär wird nach nur wenigen Aufführungen verboten.

Viele weitere Werke enden als Keller- oder Regalfilme, die in den Tiefen des Archivs verschwinden, darunter auch der in Güstrow gedrehte Barlach-Film „Der verlorene Engel“ mit Fred Düren. Das SED-Regime wirft den Künstlern vor, die Realität zu kritisch darzustellen. Erst nach der Wende kann „Spur der Steine“ wieder im Kino gezeigt werden.

Von diesem staatlich verordneten Kultur-Kahlschlag sollte sich die Filmkunst in der DDR nie mehr richtig erholen. Der Anfang vom Ende ist schließlich 1976 die Ausbürgerung Wolf Biermanns, die einen Exodus von Künstlern, darunter viele populäre DEFA-Stars, zur Folge hat.

Dennoch sind zahlreiche DEFA-Filme auch heute noch sehenswert. Schauspieler wie Armin Mueller-Stahl, Eva-Maria Hagen, Christel Bodenstein, Hilmar Thate, Ulrich Mühe, Katrin Sass, Corinna Harfouch und Michael Gwisdek drehen bei der DEFA. Es entstehen Filmperlen wie Wolfgang Staudtes „Der Untertan“, Frank Beyers „Nackt unter Wölfen“, „Solo Sunny“ mit Renate Krößner und Heiner Carows „Coming Out“. Eine Oscar-Nominierung für die DEFA gibt es für Beyers „Jakob der Lügner“ (1974).

Besonders populär wird der DEFA-„Chefindianer“ Gojko Mitic. Nach dem Kahlschlag-Plenum ziehen sich die Filmemacher thematisch ins Private zurück – später entstehen auch vergleichsweise freizügige Filme wie „Hostess“ mit Annekathrin Bürger. „Man war nicht prüde“, erinnert sich Ralf Schenk, Chef der DEFA-Stiftung. „Frauen sind sehr oft die stärkeren Figuren gewesen“, sagt Schenk.

Nach der Wende werden die volkseigenen Filmstudios privatisiert. Die DEFA-Stiftung kümmert sich heute um das Erbe der DEFA mit 950 Spiel-, mehr als 800 Animations- und fast 6000 Dokumentarwerken.

„Viele DEFA-Filme sind Zeitdokumente, die Auskunft geben über politische Hoffnungen und Träume, über die Realität und den Alltag in der DDR, über soziale und private Konflikte“, sagt Schenk.

„Nach 30 Jahren werden alle Filme, auch die fiktiven, Dokumente“, sagt Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase („Solo Sunny“, „Berlin - Ecke Schönhauser“) in der RBB-Dokumentation „Hier dreht die DEFA! Berliner Orte und ihre Filme“. In ihnen sei etwas aufgehoben.

„Auch in der fiktiven Geschichte steckt ja immer die wirkliche Welt.“

 

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