Bundeswehrkoch aus Banzkow fährt zur Militär-WM : Von Gulaschkanone zur Nationalmannschaft

23-48614435.jpg
1 von 2

Auf der Koch-Olympiade in Thüringen liefern sich Bundeswehrköche mit Militärteams aus den USA, der Schweiz und Polen einen Kampf ums beste Drei-Gang-Menu. Im Team auch Kevin Haberland aus Banzkow.

von
29. September 2012, 04:14 Uhr

Schwerin | Die Messerklinge muss am Kopf angesetzt werden und dann nach hinten geführt werden. Unteroffizier Kevin Haberland zieht seine flache ausgestreckte Hand in einer waagerechten Linie durch die Luft. "Gleichmäßig, ohne zu stocken. Das muss man verinnerlichen", erklärt Haberland. Die richtige Schnitttechnik, um einen Seeteufel akkurat zu filetieren, beherrscht der 26-jährige Soldat im Schlaf. Auf der Koch-Olympiade in sechs Tagen in Erfurt geht es auch um Präzision auf dem Teller.

Die Ravioli mit gelben, roten, schwarzen und grünen Streifen will Unteroffizier Kevin Haberland aus Banzkow, Mitglied der Nationalmannschaft der Bundeswehr-Köche, dagegen noch einmal üben. "Die müssen perfekt und identisch sein", erklärt er. Und das sind die mit Steinpilzcreme gefüllten Teigtaschen nur, wenn die vier Farbstriche gleich breit sind.

Kampf ums beste Drei-Gang-Menu

Auf der Olympiade in Thüringen liefern sich die Bundeswehrköche mit Militärteams aus den USA, der Schweiz und Polen einen Kampf ums beste Drei-Gang-Menu. Für Kevin Haberland ist es "der wichtigste Wettkampf." Als gefährlichster Gegner gelten die Eidgenossen. "Vor denen müssen wir aufpassen. Die waren schon bei der WM stark", sagt er. Den Traum von der Goldmedaille will der Olympiateilnehmer nicht mit schief geformten Ravioli gefährden.

Punkten will der 26-Jährige auch mit einem Wildkräutersalat aus Löwenzahn, Brennnessel und Sauerampfer. Dazu wird er Sonnenblumen-Sesamgebäck reichen. Für den Pepp kreiert er eine Ingwer-Limettenvinaigrette. Im zwölfköpfigen deutschen Team ist Haberland der Spezialist für Vorspeisen. Im Nationalteam der Bundeswehrköche hat jedes Mitglied so ein Spezialgebiet. Es gibt Experten, die sich um Fleisch und Saucen kümmern, Fachmänner für den Nachtisch. "Ich liefere den ersten Eindruck. Das Filigrane liegt mir", erklärt Haberland seine Aufgabe.

Höchste Geheimhaltung für Kochrezepte

Über weitere Gerichte schweigt der Vorspeisenspezialist beharrlich. Für das deutsche Menü gilt die höchste Geheimhaltungsstufe. Bekämen die Konkurrenten Wind von den Rezepten "könnten sie ihre Menüs noch umstellen und uns vielleicht toppen", befürchtet Haberland. Der Erfolg soll nicht durch eine Indiskretion in Gefahr geraten - die Karriere in der weißen Kochjacke mit schwarz-rot-goldenem Stehkragen und Bundesadler auf der Brust keinen Knick erleiden. Für den Unteroffizier ist es "ein Privileg, darin zu kochen."

Bis vor anderthalb Jahren wusste er noch nicht einmal etwas von der Existenz der Bundeswehr-Nationalmannschaft. In einer Feldkochhalle bei Bremen stand der gelernte Koch hinter einem vier mal zwei Meter großen olivfarbenen Metallklotz auf Rädern, ausgestattet mit vier Kesseln und zwei Backröhren. Im Volksmund Gulaschkanone genannt - bei der Bundeswehr als taktische Feldküche 250 im Einsatz. Aus den 150 Liter fassenden Kesseln können bis zu 250 hungrige Soldaten mit Wurstgulasch oder Erbsensuppe versorgt werden. Unteroffizier Haberland hatte Eclairs in die Backröhre geschoben. Die Liebesknochen weckten die Neugier des Kapitäns der Nationalmannschaft. "Meine Liebe zum Detail gefiel ihm", erinnert sich Haberland. Der Kaptän lud ihn zum Vorkochen nach Berlin ein. Er richtete Dreierlei von der Birne an. "Jo, du kommst mit", sagten sie ihm anschließend. Der Truppenkoch aus Banzkow hatte den Sprung in die Nationalmannschaft der Bundeswehrköche geschafft.

Gebratene Entenbrust für den Präsidenten

Den großen Kochlöffel an der taktischen Feldküche schwingt Kevin Haberland seit der Nominierung nur noch selten. Mit der kochenden Elitetruppe der Bundeswehr ist er 40 Wochen im Jahr unterwegs. Statt auf dem Truppenübungsplatz für hungrige Panzergrenadiere kocht Haberland nun für den Bundespräsidenten, Offiziere und Generäle: Geräucherte Entenbrust auf Glasnudelsalat und Wraps vom Wildwasserlachs für Joachim Gauck. Perlhuhn an Perlgraupenrisotto für US-Offiziere in Fort Lee. Der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung wurde bewirtet mit Ziegenfrischkäsecreme auf einem Selleriechip und Birnenchilli Chutney. "Die Nationalmannschaft ist ein wunderbares Aushängeschild. Da lernst du was", findet der Unteroffizier in Kochuniform.

Den kulinarischen Schliff für Herdschlachten wie Olympia holt sich Haberland im Trainingslager in Mainz. Die täglichen Drilleinheiten an Induktionsherd, Kombidämpfer und Schockfroster dauern bis zu zwölf Stunden: Immer wieder übt die Truppe Parfait aus Fruchtsaft mit Champagner und angeräucherten Hirschrücken unter der Pfifferlingshaube. "Alle Fleischscheiben müssen gleich rosa aussehen", erklärt der Koch. Es gehe um Perfektion - bis zu 150 Portionen werden gekocht. Als Geschmackstester treten Sanitäter, Panzerfahrer und Fallschirmjäger an.

Vom letzten Training ist Unteroffizier Haberland am Dienstag zurückgekehrt. "Räuchersachen und Gänseleber kann ich nicht mehr sehen", gibt er zu. Auf Klopse und Schnitzel hat er Appetit. "Herzhaft, einfach, schnell", lautet die Devise am heimischen Herd. Eine Ausnahme bilden natürlich die vierfarbigen Raviolis. Da geht es um die Präzision.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen