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NS-Verbrecherprozess : Von der Vergangenheit eingeholt

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

94-Jähriger aus Vorpommern soll vor Gericht – Letzter Prozess gegen einen NS-Verbrecher im Nordosten fand vor fast 26 Jahren statt

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erstellt am 24.Feb.2015 | 08:00 Uhr

Seit 1994 wurde in Mecklenburg-Vorpommern gegen 15 mutmaßliche Kriegsverbrecher ermittelt – nicht ein Fall endete bisher mit einer Anklage. Oft kam die Staatsanwaltschaft nicht über einen Anfangsverdacht hinaus, weil sich die persönliche Schuld des Einzelnen an den NS-Verbrechen nach Jahrzehnten nicht mehr zweifelsfrei nachweisen ließ.

Doch die Rechtslage hat sich vor knapp drei Jahren geändert – auch zum Nachteil des ehemaligen SS-Sanitäters Hubert Z., der in den letzten Jahrzehnten unbehelligt in seinem kleinen Dorf zwischen Demmin und Altentreptow lebte und gegen den die Schweriner Staatsanwaltschaft gestern Anklage vor dem Neubrandenburger Landgericht erhob.

Grund für die Rechtsänderung ist das Urteil gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk im Mai 2012. Dem Landgericht München reichte der Nachweis, dass Demjanjuk in einem Vernichtungslager tätig war, um die Schuld des Verdächtigen und seine Beihilfe zum Mord festzustellen.

Auch der heute 94-jährige Hubert Z. war im Range eines SS-Unterscharführers in einem Vernichtungslager im Einsatz. Im Spätsommer 1944 gehörte er zur SS-Sanitätsdienststaffel Auschwitz-Birkenau. Er habe gewusst, dass dieses Lager einzig und allein darauf ausgelegt war, Menschen in großer Zahl zu ermorden. „Im Bewusstsein dessen hat sich der Angeschuldigte in die Lagerorganisation eingefügt und damit funktionell an dem Vernichtungsgeschehen mitgewirkt und die Morde befördert“, sagte Oberstaatsanwalt Stefan Urbanek.

Das Wissen um die Ermordungen im Lager habe er bei den Vernehmungen teilweise eingeräumt – laut Staatsanwaltschaft aber unbestimmt und gleichgültig. „Der Angeschuldigte äußert sich indifferent“, sagte der zuständige Dezernatsleiter, Oberstaatsanwalt Hans Förster, nach kurzem Überlegen.

Hubert Z. sei 1940 der SS beigetreten, so der Oberstaatsanwalt. Er kam zur Wachmannschaft des Konzentrationslagers Dachau. Von dort wurde er im Winter 1943/44 nach Ausschwitz abkommandiert und überwachte die Häftlingsärzte im Frauenlager. Danach erkrankte er an Gelbfieber und kam im August 1944 erneut als Sanitäter nach Auschwitz. 1948 verurteilte ihn ein polnisches Gericht wegen seiner SS-Mitgliedschaft zu vier Jahren Haft. Nach seiner Freilassung arbeitete er in Vorpommern in der Landwirtschaft.

Die DDR-Behörden wussten offensichtlich von der Vergangenheit des SS-Mannes. Das ging aus Stasi-Unterlagen hervor, die Fahnder des Landeskriminalamtes (LKA) bei den Untersuchungen einsahen, sagte ein Ermittler. Anwalt des Angeklagten ist der ehemalige DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel.

Der letzte Prozess gegen einen NS-Verbrecher liegt im Nordosten fast 26 Jahre zurück. Das DDR-Bezirksgericht in Rostock verurteilte im August 1989 den Rentner Jakob H. wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslangen Haftstrafe. Der damals 79-Jährige aus der Nähe von Karlsburg in Vorpommern war der letzte NS-Verbrecher, der in der DDR verurteilt wurde. Im polnischen Radom soll er von 1943 bis 1944 als Werkschutzmann in einer Waffenfabrik jüdische Zwangsarbeiter, darunter auch Kinder, erschossen haben. Bis 1992 saß er in der Justizvollzugsanstalt Bützow, dann wurde ihm Haftuntauglichkeit bescheinigt.

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