Fritz-Reuter Bühne Schwerin : Von der Unschuld des Boshaften

Stefanie Fromm (Elsabe), Christoph Reiche (Willem), Tim Runow (Hein), Elfie Schrodt (Mudder Mews), Tina Landgraf (Lisbeth, v.l.)
Stefanie Fromm (Elsabe), Christoph Reiche (Willem), Tim Runow (Hein), Elfie Schrodt (Mudder Mews), Tina Landgraf (Lisbeth, v.l.)

Fritz Stavenhagens „Mudder Mews“ hatte bei der Fritz-Reuter Bühne Schwerin Premiere

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27. Januar 2016, 21:00 Uhr

„Wist du weiten, woans de Düwel utsüht, denn hal di dien Swiegermudder in’t Hus.“ – Dieser alte Schnack trifft zwar – wenn überhaupt was dran ist – nur eine Minderheit der Schwiegermütter, beschreibt aber so ziemlich genau die Ausgangslage des Dramas „Mudder Mews“, das am Dienstagabend im Großen Haus des Mecklenburgischen Staatstheaters Premiere hatte.

Die Fritz-Reuter-Bühne hat aus dem Schatzkästchen originärer niederdeutscher Theaterliteratur mit diesem den Naturalismus streifenden Stück von Fritz Stavenhagen einen Klassiker ans Licht geholt. Adelheid Müther hat ihn inszeniert. Katrin Kegler und Marie-Theres Krügler sorgten für Bühnenbild und Kostüme.

Also „Mudder Mews“: Das ist in der Schweriner Inszenierung Elfie Schrodt, die die ganze Widersprüchlichkeit dieser Figur grandios ausspielt, die – vom Leben hart gemacht – so zerstörerisch in das Familienleben ihrer Kinder einbricht. Mit Unschuldsblick legt sie ihre Minen, in jeder scheinbar harmlosen Bemerkung steckt ein vergifteter Pfeil, den sie vor allem gegen die Schwiegertochter Elsabe abschießt. „De hett ’n Mulwark as ’n scharp Metz“, sagt der Volksmund über solche Frauen. Stefanie Fromm beeindruckt als Schwiegertochter, eine junge Frau mit nicht sonderlich ausgeprägtem Widerstandswillen, diejenige, die alles in sich hineinfrisst, bis es schließlich, als es um ihre beiden Kinder geht, zur Eruption und zum schrecklichen Ende kommt.

Schwere Aufgaben hatten die Männer. Aber sie überzeugten beide auch in der undankbaren Rolle von ziemlichen „Waschlappen“: Christoph Reiche spielt Elsabes Ehemann Willem Mews, der sich, hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu seiner Frau und der Dankbarkeit gegenüber seiner Mutter, als ein schwankendes Rohr im Wind zu keiner rettenden Entscheidung durchringen kann, der seine Frau im Stich lässt, und in seiner Hilflosigkeit schließlich Zuflucht im Suff sucht. Nicht viel besser hat es Jens Tramsen als Hugo Mews, der seine Mutter zwar durchschaut, das Debakel aber nicht aufhalten kann und ebenfalls beim Alkohol landet.

Das durchweg auf gewohnt hohem Niveau spielende Ensemble wird komplettiert durch Tina Landgraf, die als pragmatische Lisbeth ein Element des Rationalen in das Familiendilemma zu bringen versucht, und den kleinen Tim Runow als Elsabes und Willems Sohn Hein, der mit dem Plattdeutschen kein Problem hatte. De lütt Butscher krech von den’ Bifall an’ Enn’ ’n besünners groten Deel af.

Doch nochmal zurück zu Elfie Schrodt. Sie dominiert die Szene. Und auch dann, wenn augenscheinlich auf der Bühne gar nicht viel passiert. Da kommt es, besonders im letzten Akt, zu den selten gewordenen Momenten, in denen aus der Ruhe der Bewegungen eine geradezu körperlich spürbare Spannung zwischen Bühne und Publikum entsteht. Es war dann so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können. Und wenn sie am Schluss allein auf den Trümmern ihrer Familie, einer toten Schwiegertochter, zwei mutterlosen Kindern und zwei saufenden Söhnen an der Nähmaschine sitzt und beklagt, was sie nun alles durchmachen müsse, ist da keine Reue, kein Unrechtsbewusstsein, da ist die Unschuld der Boshaftigkeit. Und dem Zuschauer bleiben (frei nach Brecht) vielleicht nicht alle, aber viele Fragen offen.

Und ich möchte meine beste Zigarre darauf verwetten, dass, nachdem der reichliche Schlussbeifall verebbte, in so mancher Familie gerade da-rüber heftig debattiert wurde. Gar nicht schlecht für ein Stück, das über 100 Jahre alt ist.
 

Die nächsten Vorstellungen im E-Werk:
31. Januar, 18  Uhr (ausverkauft), 10., 18. und 19.  Februar, 19.30 Uhr

 

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