Umschulungen für "Schlecker-Frauen"? : Von der Kasse in die Kita

<strong>Gewerkschafter und Betriebsräte</strong> fordern von der Regierung ein Umdenken. <foto>Foto: dpa</foto>
Gewerkschafter und Betriebsräte fordern von der Regierung ein Umdenken. Foto: dpa

Hoffnung für die Schlecker-Frauen? Oder doch nur schlechte Aussichten? Vor einer Woche, als die Gläubiger das endgültige Aus für die Drogeriekette besiegelten, hatte die Kanzlerin erklärt, es sei noch vieles möglich.

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08. Juni 2012, 09:09 Uhr

Berlin | Hoffnung für die Schlecker-Frauen? Oder doch nichts als schlechte Aussichten? Vor einer Woche, als die Gläubiger das endgültige Aus für die Drogeriekette besiegelten, hatte Kanzlerin Angela Merkel noch erklärt, im Augenblick sei "vieles möglich", man werde sich jetzt kundig machen und "alles versuchen, da Hilfe zu leisten".

Nun zeigt sich, dass sich die Perspektiven für die Schlecker-Frauen deutlich schlechter darstellen als zunächst angenommen: Bei einem Spitzentreffen gestern in Berlin zogen Regierung, Bundesagentur für Arbeit und Verdi Bilanz der ersten Entlassungswelle im Frühjahr. Von den 11 190 seit Januar gekündigten Schlecker-Beschäftigten haben demnach lediglich 2500 einen vollwertigen neuen Arbeitsplatz gefunden, etwa ebenso viele befinden sich in Fördermaßnahmen. Laut Verdi-Chef Frank Bsirske gibt es bei 360 000 Arbeitssuchenden im Einzelhandel gerade einmal 25 000 offene Stellen.

Die Regierung versucht nun, aus der Not eine Tugend zu machen und den Schlecker-Frauen neue Chancen zu eröffnen - als Erzieherinnen oder Altenpflegerinnen. Lange Zeit hatte die Politik über eine staatlich geförderte Transfergesellschaft gestritten, die letztlich am Widerstand der FDP in Bund und Ländern gescheitert war. Nun der neue Vorschlag: Schlecker-Frauen in die Kindertagesstätten?

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen rührte gestern bereits die Werbetrommel für diese Idee. Während der Umschulungen würde den Betroffenen weiter Arbeitslosengeld I gezahlt, also 67 Prozent des bisherigen Einkommens. Der Absturz in Hartz IV bliebe den Schlecker-Frauen erspart. "Das ist ein Angebot", so CDU-Politikerin von der Leyen. "Wir würden uns freuen, wenn viele Arbeitssuchende dieses Angebot annehmen würden." Umschulung "in Mangelberufe", so der Plan, der jetzt im Fall Schlecker zur Anwendung kommen soll.

Verdi-Chef Bsirske warnte vor einer "Schmalspur-Ausbildung". Und von der Leyen sicherte zu, es werde sich um eine gewöhnliche zweijährige Erzieherausbildung handeln, und ermunterte die Schlecker-Frauen ausdrücklich zu diesem Neuanfang.

Unterstützung kam von Familienministerin Kristina Schröder (CDU), die derzeit mit Hochdruck nach geeignetem Personal für Kindertagsstätten suchen lässt: Sie könne sich gut vorstellen, "dass unter diesen lebenserfahrenen Frauen viele mit Freude und Engagement diese neue berufliche Chance ergreifen wollen".

Während die Politik nach Auswegen und Perspektiven für die Schlecker-Frauen sucht, herrscht in der Belegschaft größte Verunsicherung. Für Ärger sorgen auch die neuen Vorwürfe gegen die bisherige Eigentümer-Familie. Nach einem Bericht der "Bild-Zeitung" soll das Zentrallager der Drogeriekette vor der Insolvenz von Firmenchef Anton Schlecker für 2,5 Millionen Euro an seine Kinder verkauft worden sein - die Immobilie sei deshalb nicht Teil der Insolvenzmasse geworden. Verdi-Chef Bsirske fordert rasche Aufklärung. Seine Forderung: Sollten die Vorwürfe zutreffen, müssten die zusätzlichen Mittel genutzt werden, die Schlecker-Abwicklung sozial abzufedern - zum Beispiel durch regionale Transfergesellschaften.

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