Rentenplus kann Inflation nicht bereinigen : Von der Gefahr der heutigen Entsolidarisierung

Angst vor der Altersarmut haben viele. Foto: dpa
Angst vor der Altersarmut haben viele. Foto: dpa

Der 1. Juli war Stichtag: Die Renten steigen. Das Plus von 2,26 Prozent im Osten dürfte allerdings nur wenigen die Angst vor Altersarmut nehmen. Letztlich ist die heutige Rentenerhöhung nicht mehr als eine Nullrunde.

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01. Juli 2012, 06:13 Uhr

Der 1. Juli war Stichtag: Die Renten steigen. Das Plus in Höhe von 2,26 Prozent im Osten dürfte allerdings den wenigsten Ruheständlern die Angst vor Altersarmut nehmen. Denn letzten Endes ist die heutige Rentenerhöhung, preisbereinigt, nicht mehr als eine Nullrunde. Auch die durch die Inflation bedingten Kaufkraftverluste werden nicht ausgeglichen.

Im Übrigen halten Umfragen zufolge 67 Prozent der Bundesbürger ihre Altersvorsorge für nicht ausreichend. 49 Prozent rechnen mit einer Rente von weniger als der Hälfte ihres aktuellen Bruttoeinkommens. Eine realistische Erwartung. Denn selbst das Bundesarbeitsministerium prognostiziert für das Jahr 2025 ein Rentenniveau in Höhe von 45,2 Prozent des Durchschnittseinkommens.

Der Punkt ist doch, dass, wie diverse Institute vorrechnen, Otto Normalverdiener 35 Jahre lang Vollzeit arbeiten muss, um eine Rente auf Sozialhilfeniveau zu erreichen. Trotzdem wird, Stichwort "Generationengerechtigkeit", kein vernunftbegabter Mensch die für die kontinuierliche Senkung des Rentenniveaus verantwortlichen "Dämpfungsfaktoren" in Frage stellen.

Der zunehmenden Zahl von Ruheständlern steht nun einmal eine abnehmende Zahl von Einzahlern in die Rentenversicherung (RV) gegenüber. Wie aber ließe sich die unbestreitbare Schieflage der gesetzlichen Altersvorsorge, wie ließe sich die völlig aus dem Ruder gelaufene Unterfinanzierung des Generationenvertrages beheben? Aktive Bevölkerungspolitik? Seit der NS-Zeit diskreditiert. Steigerung der Frauenerwerbstätigkeit? Vollzogen. Gesteuerte Zuwanderung?

Sinnvoll - stößt allerdings auf mehr massive gesellschaftliche Vorbehalte, als die meisten Politiker wahrhaben wollen. Vielversprechender scheinen da andere Ansatzpunkte zu sein. Junge Menschen müssen früher ins Erwerbsleben eintreten, nicht erst mit Ende 20. Zudem hat die OECD Recht, wenn sie in ihrem "Pensions Outlook" eine "obligatorische private Altersvorsorge" und eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung fordert. Das (teilweise inszenierte) Geschrei bei der Rente mit 67 und erst recht bei der nun angepeilten Rente mit 69 (Sachverständigenrat) oder 70 (EU-Kommission) mag ja groß sein.

Aber Fakt ist doch, dass sich Arbeit im 21. Jahrhundert in fast allen Branchen von körperlicher Anstrengung entkoppelt hat. Abgesehen davon, dass ältere Menschen immer fitter sind. Nachlassende Konzentrationsfähigkeit und geringere Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien gleichen die "Silver Ager" durch "größere Erfahrung, Gelassenheit und bessere Menschenkenntnis" aus, wie Axel Börsch-Supan, Direktor des Mannheim Research Institute for the Economics of Aging, feststellt.

Börsch-Supans Fazit: "Es gibt keinen überzeugenden Beweis dafür, dass ältere Mitarbeiter weniger produktiv sind." Senioren, die sich gegen eine längere Erwerbstätigkeit sperren, sollten bedenken, dass es ihnen gut tun könnte, weiterhin (vielleicht in Teilzeit) gebraucht zu werden. Unsere Gesellschaft muss die starre Zweiteilung Beschäftigter-Ruheständler aufbrechen. Die 20 Millionen Rentner der Republik sollten sich einmal in die Perspektive der Jüngeren hineinversetzen, die es in ihrem, strukturell bedingt, unsichereren Erwerbsleben heutzutage schwerer haben als ihre Vorfahren in Zeiten lebenslanger Festanstellung und noch nicht inflationierter Bildungsabschlüsse.

Gleichzeitig dürfen die Jüngeren nicht vergessen, wer die auch soziale Infrastruktur unseres Landes aufgebaut hat; eine Infrastruktur, von der sie genauso profitieren wie von so manchem stattlichen Erbe. Der Sozialhistoriker Karl H. Metz sagt: Genau deshalb, genau wegen dieser drohenden Gefahr dürfen Jung und Alt nicht den Irrweg der Entsolidarisierung einschlagen.

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