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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 06:16 Uhr

Zarrentin : Vom Sklaven zum Kochlehrling

vom
Aus der Onlineredaktion

Ibrahim Tall aus Mauretanien lernt im Zarrentiner Fischhaus in drei Jahren einen Beruf

von
erstellt am 15.Nov.2017 | 05:00 Uhr

In Mauretanien ist die Zwangsarbeit noch tief verwurzelt. Nur wenigen gelingt es, auszubrechen. So wie Ibrahim Tall. Der 21-Jährige stammt aus dem Vier-Millionen-Einwohnerland zwischen Atlantik und Sahara. In der festgefügten Gesellschaft dieser Region sind Sklaverei und Leibeigenschaft ein Teil der göttlichen Ordnung. Immer noch, obwohl sie dort seit 1981 offiziell abgeschafft worden sind.

„Ich war der Sklave eines arabischen Chefs“, erzählt der junge Mann im SVZ-Gespräch. Er habe zwar bis zur zehnten Klasse die Schule gemacht, einen Beruf habe er jedoch nicht erlernen dürfen. „Die Arbeit war schwer, ich musste alles machen, was gerade anfiel. Lohn bekam ich dafür nicht“, erinnert sich Ibrahim Tall, der schließlich die Flucht gewagt habe, in 20 Tagen über Mali, Niger, Libyen, Italien bis nach Deutschland. Das sei 2015 gewesen.

„In meinem Land wäre es jetzt viel zu gefährlich für mich“, erklärt der Mauretanier, der im März dieses Jahres im Zarrentiner Fischhaus eine dreijährige Lehre zum Koch begonnen hat. „Ich habe schon zu Hause gern gekocht und mag es, wenn es den Leuten schmeckt“, gesteht der Flüchtling. Beim Geschäftsführer des Hauses, Jens Niemann, habe er ein Praktikum gemacht und sich dann für eine Lehrzeit beworben.

„Wir haben es auch bisher nicht bereut, ihn genommen zu haben“, betont Niemann. Er komme gut mit den anderen aus dem Team klar und bekoche sie ab und an. Mit typisch mauretanischem Essen, unter anderem viel Reis, Fisch, Gemüse und Couscous.

„Für Zarrentin ist Ibrahim schon etwas Besonderes“, sagt Jens Niemann, der ab Februar 2018 auf eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis für den jungen Mann hofft. Er verrät, dass Ibrahim zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt habe, nach Hamburg zu ziehen. „Davon haben wir ihm jedoch abgeraten. Denn dort geht man entweder unter, gerät auf die schiefe Bahn oder bleibt nur unter Seinesgleichen. Hier in Zarrentin, wo er eine kleine Wohnung hat, ist er mittlerweile sozial eingebettet. Wir kümmern uns um ihn und passen auf ihn auf“, so der 37-Jährige.

Einer, der mit aufpasst, ist Jens Morawetz, Kollege und mittlerweile guter Freund des Mauretaniers. „Er ist geschickt, lernt sehr schnell und bei uns jeden Tag etwas Neues“, berichtet der 28-Jährige. Ibrahim komme super mit allen klar, sei ein fröhlicher Mensch. „Wir machen in der Freizeit vieles gemeinsam“, sagt der gebürtige Wittenburger, der als Koch im Fischhaus angestellt ist.

Ibrahim selbst würde nach seiner Lehrzeit gern in der Schaalseestadt bleiben. Und er wünscht sich für die Zukunft irgendwann eine eigene Familie, mit Frau und Kind. Ein weiterer großer Wunsch wäre außerdem ein Wiedersehen mit Schwester und Bruder, die in Guinea leben. Seit dem Tod der Eltern sind die Beiden seine letzte familiäre Bindung an das einstige Zuhause. „Ich habe zwar viele Freunde in Zarrentin gefunden, aber meine Geschwister fehlen mir doch sehr“, gesteht der Kochlehrling.

Hintergrund: Leibeigene in Mauretanien

Im westafrikanischen Mauretanien sollen Sklaven fünf bis 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Trotz eines gesetzlichen Verbots dienen sie seit Generationen ihren „Herren“ als Hausangestellte oder Viehtreiber. Schätzungen zufolge werden noch heute bis zu
600 000 Menschen in Mauretanien versklavt. Die Leibeigenen hoffen auf das Paradies und zementieren so die Vorherrschaft der hellhäutigeren Mauren. Widerstand regt sich nur langsam.

Die Sklaverei oder Leibeigenschaft wird immer wieder von den Müttern zu ihren Kindern weitergegeben. Wie ein naturgegebenes Schicksal, dem man nicht entrinnen kann. Fußfesseln, Ketten sind nicht nötig, denn die Sklaverei hat sich fest in der Vorstellung der Menschen eingebrannt.

Quelle: Deutschlandfunk Kultur


 

 

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