Kultur in MV : Vom Opern-Fieber angesteckt

Weihnachtskonzert bei der Landesvertretung MV
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Weihnachtskonzert bei der Landesvertretung MV

Der Verein „Opernale“ aus Sundhagen bei Stralsund ist ein „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“ und belebt die regionale Kulturszene in Vorpommern

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28. Januar 2018, 05:00 Uhr

„Ausgezeichneter Ort“ – das steht auf einem Schild an einem Fachwerkhaus mit der Nummer 13 in Jager, einem Ortsteil der 5100-Seelen-Gemeinde Sundhagen. Beim Betreten fallen Kleiderständer mit Kostümen auf. Hier im Landkreis Vorpommern-Rügen wohnt eine Künstlerin: Henriette Sehmsdorf. Im Sommer 2010 hat sie mit Hans-Henning Bär die „Opernale“ gegründet. Zu einem Zeitpunkt, als bundesweit Theaterfusionen diskutiert und das kulturelle Angebot aus Kostengründen reduziert worden ist.

2014 nahm der Verein an einem bundesweiten Innovationswettbewerb teil und trägt als eine der besten 100 Ideen in Deutschland den Titel „Ausgezeichneter Ort im Land der Ideen“. Entwickelt wurde dieser 2006 von „Deutschland-Land der Ideen“, einer gemeinsamen Standortinitiative der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft.

Der Grundgedanke war, „Innovationen aus Deutschland im In- und Ausland sichtbar zu machen und die Leistungskraft sowie Zukunftsfähigkeit des Standorts zu stärken“, erklärt Franziska Rohde, Referentin in der Pressestelle der Initiative.

Oper? Elitär und teuer. Mit diesem Vorurteil musste sich Henriette Sehmsdorf anfangs herumschlagen. „Es gab hier keine freie professionelle Szene der darstellenden Künste und abseits der touristischen Küstenstreifen keine Spielorte“, erinnert sich die künstlerische Leiterin. Identifikation für die Kulturgeschichte der Region stiften und allen Menschen auf dem Land Zugang zu Kulturangeboten ermöglichen – das sind ihre Beweggründe.

Die 44-jährige Diplom-Opernregisseurin schreibt die Texte, organisiert die Künstler und inszeniert die Stücke. All das finanziert sie mit Fördermitteln. Fünf bis 40 Mitwirkende auf der Bühne – die Zahl variiert je nach Bedarf und Stück – und ein Team hinter den Kulissen bildet das Ensemble. „Wir möchten lokale Künstler fördern, ihnen eine Perspektive geben, sonst bleiben sie unentdeckt“, sagt Sehmsdorf. Durch die Arbeit u.a. am Burgtheater in Wien sowie an den Theatern in Greifswald und Stralsund „habe ich mir ein Netzwerk aufgebaut. Einige sind sogar in die Gegend gezogen.“ Ein großer Gemeinschaftsgeist herrscht im Verein. „Gerade in der Festivalzeit ist der Zusammenhalt besonders groß.“ Neben den Auftritten auf den Brettern, die sprichwörtlich die Welt bedeuten, verbringen die Künstler dann auch ihre freie Zeit zusammen.

Die „Opernale“ gibt es in drei verschiedenen Formaten. Im Sommer 2011 wurde das erste große Festival im ländlichen Norden mit dem musikalischen Singspiel „Der Schauspieldirektor“ von Mozart in der barocken Schloss- und Parkanlage Griebenow aus der Taufe gehoben. Drei Jahre später ging der Verein auf Wanderschaft. Es folgte die bislang am weitesten zeitlich und geografisch ausgedehnte „Opernale-Tour“: von Altenkirchen auf Rügen bis Burg Klempenow, von Rostock bis Klein Jasedow im Lassaner Winkel. In historischen Guts- und Gartenhäusern im Grünen wurde das Stück „Ist Lieb ein Feur“ aufgeführt. Den Text um die Greifswalder Barockdichterin Sibylla Schwarz hat Sehmsdorf zum Libretto umgearbeitet. 2015 etablierte der Verein ein ganz neues Format: die Wohnzimmerkonzerte. Dabei stehen zwischen zwei und vier Sängern, ein Pianist sowie ein Moderator auf einer kleinen Bühne in intimer Atmosphäre. Präsentiert wird ein halbszenischer Abend mit Ausschnitten aus vergangenen Aufführungen und mit bekannten Glanzlichtern aus Oper, Operette und Lied.

Das vergangene Vereinsjahr ist abgeschlossen. Die vorerst letzte „Opernale“ widmete sich anlässlich des Lutherjahres den Folgen der Reformation. „13 gelungene Aufführungen und insgesamt über 1800 Gäste in zwölf Kirchen und einer Burg von Vorpommern“, zieht Sehmsdorf Bilanz. Teils war das Interesse größer als erwartet. „Das Theater lebt vom Publikum“, betont Sehmsdorf, die es freut, wenn nach dem Auftritt mit dem Zuschauer diskutiert wird. „Es gibt auch Menschen, die hinterher sprachlos sind und sich erst noch weitere Auftritte anschauen, um dann mit uns zu sprechen“, berichtet Sehmsdorf. Weiter habe sie Menschen getroffen, „die erst nichts mit Oper zu tun hatten und dann Gefallen gefunden haben.“ Solche Begegnungen bestärken sie täglich in ihrem Tun.

Doch was hat sich seit der Preisverleihung vier Jahre später getan? „Eine ganze Menge. Durch die Teilnahme am Wettbewerb haben wir eine höhere Bekanntheit im Land erreicht“, erzählt Sehmsdorf und kündigt eine Veränderung an. 2018 legt die „Opernale“ als Festival eine Pause ein. „Wir nutzen das Jahr, um uns weiterzuentwickeln, uns thematisch noch breiter aufzustellen und eine nachhaltig tragfähige Struktur zu schaffen. Das bedeutet, wir müssen für die immer größer werdenden Verwaltungs- und Organisationsaufgaben eine Grundfinanzierung erwirken“, erzählt sie.

Ein großes Jahresprojekt sei der Aufbau eines „Opernale-Instituts für Musik und Theater in Vorpommern“ in Sundhagen. Zusätzlich zur Kulturarbeit stehen Bildungs- und Forschungsangebote auf dem Plan. In einer dortigen Grundschule betreut der Verein das Ganztagsprojekt ,Ich kann Oper‘ und will so die Schwelle zur oft als elitär angesehenen Oper senken.

Der Wettbewerb: Bewerben bis zum 20. Februar
Unter dem Motto „Welten verbinden - Zusammenhalt stärken. 100 Innovationen für Deutschland“ ist die Bewerbungsphase des aktuellen Wettbewerbs  bereits vor zwei Wochen gestartet. Gefragt sind innovative Projekte aus  Wirtschaft,  Wissenschaft, Gesellschaft, Bildung, Umwelt und Kultur, „die Lebenswelten miteinander verbinden, die Bekanntes auf den Prüfstand stellen und dem Gemeinwohl dienen“, heißt es in der Ausschreibung. Gründer, Firmen, Projektentwickler, Kunst- und Kultureinrichtungen, Universitäten, Initiativen, Vereine und Privatpersonen können sich noch bis einschließlich zum 20. Februar  2018 online unter www.land-der-ideen.de/anmeldung bewerben. Teilnahmebedingungen und das Online-Bewerbungsformular sind unter www.ausgezeichnete-orte.de zu finden. Weitere aktuelle Informationen gibt es  bei Facebook, Twitter und YouTube. wnie

Professionelle Künstler stecken Schüler von Klasse eins bis vier spielerisch mit dem Kulturfieber an: Instrumente basteln, Musik komponieren, Geschichten schreiben, Kostüme entwerfen. „Am Ende steht ein Stück“, betont Sehmsdorf.

Für das Institut fehlen allerdings noch Räume. Sehmsdorf wohnt und arbeitet unter einem Dach. „Die Kostüme aller Jahrgänge hängen in unserem privaten Flur, weil wir sonst keinen Platz haben. Die müssen trocken lagern und vor Ungeziefer geschützt sein“, sagt die gebürtige Greifswalderin. Eine Möglichkeit wäre der Ausbau der zweiten Stallhälfte. Doch das allein reiche platzmäßig nicht aus.

„2019 gibt es aller Voraussicht wieder eine Tour. Wir haben viele Ideen“, ist Sehmsdorf dennoch zuversichtlich. Sie plane eine Umsetzung für den Spätsommer/Frühherbst. „Im Stück dreht sich alles um den Schreiadler“, verrät sie. Nur noch etwa 100 Brutpaare dieser Greifvogelart brüten in Deutschland, davon laut Nabu rund drei Viertel in MV und ein Viertel in Brandenburg.

Bis ein Stück aufführungsreif ist, hat die künstlerische Leiterin noch einiges zu erledigen, vor allem Recherche. Fachliteratur lesen. Experten befragen. Mögliche Aufführungsorte suchen. „Es muss etwas fürs Auge und Ohr sein, Spaß machen und Informationen bringen“, zählt Sehmsdorf ihre Ansprüche auf. Von der Idee bis zur Premiere vergehen da schnell mal zwei Jahre.

71 Projekte in MV prämiert

 Seit Gründung des Wettbewerbs  „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ 2006 wurden bis heute  bundesweit mehr als 3000 Projekte prämiert.

Das Land MV weist 71 Preisträger-Projekte auf. Jüngste Preisträger sind das Projekt „HerzEffekt MV“ der Versorgungsstrukturen GmbH  der Universitätsmedizin Rostock (2017) und „Wendelstein 7-X: Fusionsforschung für das Kraftwerk von morgen“ des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik in Greifswald (2016).wnie

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